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DoP Max Smoliner setzte Film-Noir-Licht bei Kurzfilm „Echthaar“

Alles unter Kontrolle

Film Noir gehört zum filmhistorischen Wissen jedes Filmhochschul-Studenten. Für die praktische Anwendung gilt das nicht unbedingt. Dieser Herausforderung stellte sich ein Team von der Filmakademie Wien um DoP Max Smoliner sowie die Autoren und Regisseure Dominic Kubisch und Christopher Palm. Heraus kam der Kurzfilm „Echthaar“, der auf zahlreichen, internationalen Festivals lief und viele Preise gewann. Wir sprachen für unsere Ausgabe 9.2022 mit DoP Smoliner über seine Arbeitsweise, die Wahl der Technologien und warum kontrollierbare Lichtverhältnisse für Film Noir so wichtig sind.

Set von "Echthaar"
Filmakademie-Studierende halfen sich gegenseitig: Kameraassistentin Simone Hart – selbst Kamerafrau – und DoP Max Smoliner (Foto Sebastian Philipp)

Sehgewohnheiten sind etwas Schönes. Alle Genres leben von ihrer schnellen, visuellen Zuordnung. Wenn wir eine Bürotür aus Milchglas sehen, hart beleuchtet, erwarteten wir automatisch die elegante Dame und den Gegenschnitt auf Humphrey Bogart, den stechenden Blick unter der Fedora-Hutkrempe hervorblitzend. Doch der Film Noir ist  weit mehr als die „Schwarze Serie“. Die berühmte, lose Filmreihe um die Detektivgeschichten aus der Feder von Raymond Chandler und Dashiell Hammett ist aber mit Sicherheit die stilbildende Ära für das Genre gewesen. So werden dann auch alle Nachzügler, Imitationen oder gar Parodien immer mit der in der Zeit der 1940er und 1950er Jahre geprägten Ästhetik abgeglichen.

Auch der Kurzfilm „Echthaar“ von Dominic Kubisch und Christopher Palm orientiert sich an dieser Epoche. Schon der erste, langsame Schwenk über die Schaufensterauslage des Friseursalons verortet das Publikum sofort in der Zeit der 1950er Jahre: Haarwasser, Schaufensterpuppentorsi und die Kreidetafel mit der Aufschrift: „Aushilfe gesucht!“ Genau auf dieses Gesuch hin stellt sich Paula im Laden bei Herrn Victor vor. Zunächst scheint alles ganz normal. Paula dreht Lockenwickler ein, reicht Handtücher an und wischt abends den Salon aus. Doch etwas ist merkwürdig. Warum hat sie das Gefühl, nicht allein zu sein? Und wieso läuft zwar ständig das Radio, doch die schöne alte Jukebox steht immer nur still in der Ecke? Und will Paula tatsächlich die Antworten wissen?

Visuell stimmig

„Echthaar“ entstand als Projekt an der Wiener Filmakademie. Regie-Modul-Student Dominic Kubisch hatte das Drehbuch in groben Zügen schon länger vorliegen, als er im Herbst 2018 in die Zusammenstellung eines Teams startete. Kubisch ist einige Jahrgänge über Max Smoliner und fand diesen über das Herumfragen an der Schule, wer Lust auf das Projekt hätte. Er suchte vor allem eine Kameraperson, die genügend Lichterfahrung hatte, um sich in das Schwarz-Weiß-Noir-Konzept einzuarbeiten. Die Film-Noir-Idee reizte Smoliner sofort. „Mir hat das Buch sehr gut gefallen“, sagt er. „Außerdem hat mir gefallen, mal etwas genrefilmiges zu machen, weil bei uns an der Hochschule der Autorenfilm sehr im Vordergrund steht.“

Max Smoliner hatte als Kind nie das Gefühl, Film sei überhaupt eine Berufsoption. „Das war immer etwas, das weit entfernt in Hollywood geschah“, sagt der DoP. Zwar drehte er mit Freunden im Alter von 11 Jahren schon „Herr-der-Ringe“-Szenen im Wald nach, die Auseinandersetzung mit dem Beruf kam jedoch erst kurz vor dem Schulabschluss. Sein Kunstlehrer öffnete Smoliner die Augen, dass man Film in verschiedensten Formen auch studieren kann. Zu dem Zeitpunk fotografierte der heutige DoP schon jahrelang und wusste nun, was er in Zukunft machen wollte. So kam er nach der Schule nach Wien und studierte hier ab 2011 erst einmal Englisch und Informatik sowie Spanisch auf Lehramt. Während des Studiums kam er mit der Filmbranche in Wien in Kontakt und arbeitete ab 2013 als Beleuchter und Kameraassistent und war auch für erste Imagefilme als Kameramann verantwortlich. Dann wechselte er 2016 zu einem Studium an die Filmakademie.

Originalmotiv "Giller & Co." in Wien
Das Originalmotiv „Giller & Co“ in Wien-Mariahilf (Foto: Sebastian Philipp)

Die Vorbereitung des gemeinsamen Projekts begann im Herbst 2018. Kubisch und Smoliner empfahlen sich gegenseitig Noir-Filme, die sie als Referenz sahen, wie „Citizen Kane“ von Orson Welles oder „The Man Who Wasn‘t There“ von den Coen-Brüdern. Dabei sprachen sie über das Schwarz-Weiß und wie sie die Kontraste ansiedeln wollen. Das geschah einerseits über technische Fragen, andererseits über die Entscheidung, inwieweit das kreative Team die 1950er Jahre fest zeitlich einordnen wollten. Die Entscheidung für eine klare Verortung brachte eine Ästhetik mit sich, an der sich schließlich viele Entscheidungen des visuellen Konzepts ausrichteten. Dieses ist auch bemerkenswert stimmig und durchweg konsistent. „Ich könnte die Entscheidung nicht an einem einzelnen Punkt fest machen, aber durch diesen Friseurladen mit dem tollen Interieur wäre es für Dominik und mich unstimmig gewesen, das auf eine modernere, cleanere Weise zu drehen“, so DoP Smoliner. „Auch von der Handlung her, erinnert es ja an die Serie ,Twilight Zone‘. Deren Original aus den 1960ern war auch sehr Noir.“

Wenig Spielraum

Noch im Dezember 2018 gab es einen Kameratest, bei dem die Darstellerinnen und Darsteller eingeladen und verschiedene Lichtstimmungen, Farbfilter und unterschiedliche Kameras sowie Leuchten getestet wurden. Smoliner entschied sich dafür, den Kurzfilm auf der Canon C500 MkI zu drehen. Zum einen war diese im Bestand der Hochschule und musste nicht gemietet werden. Zum anderen jedoch nutzte der DoP die im Vergleich eher knappe Range der 12 Blenden zur eigenen Maßregelung. „Dadurch war ich gezwungen, sehr genau zu leuchten – und zu belichten – und im Zweifel keine Entscheidungen ins Grading zu verlagern“, so Smoliner. „Das war für uns aber kein Problem, weil wir wussten, es gibt ein definiertes Schwarz, es gibt ein definiertes Weiß und zu viele Graustufen dazwischen wollen wir uns gar nicht leisten.“


Quick Tutorial: Film Noir

  • Einen möglichst dunklen Raum mit kontrollierbaren Lichtverhältnissen wählen (verdunkelbare Fenster / Nacht)
  • Eine Lichtrichtung definieren durch Fenster oder Practicals (Stehlampe, Röhre, Glühbirne)
  • Darsteller im Raum platzieren, möglichst gegenlichtig beziehungsweise seitlich zur definierten Lichtrichtung. 
  • Mit einem Scheinwerfer (kann sehr hart sein) aus Lichtrichtung auf die Person leuchten, je nach behaupteter Lichtquelle sehr steil von der Seite, idealerweise aber von schräg vorne, so dass die Person mit der Schattenseite zur Kamera gewandt ist („Rembrandt Dreieck“ unter dem zur Kamera gewandten Auge). Höhe und Winkel der Lampe and die Gesichtszüge der Person anpassen, um zum Beispiel tiefe Augenschatten zu vermeiden – oder sie ganz bewusst zu kreieren.
  • Die Lichtquelle jetzt je nach Stimmung der Szene diffusieren. Im „Noir“-Schwarz-Weiß reicht auch wenig weiches Licht. Unbedingt aufpassen, dass die weiche Fläche nicht den Raum zu sehr erhellt und das Grundlichtlevel nicht zu sehr hebt.
  • Eine Spitze auf die Person setzen, direkt von hinten, gegenlichtig.
  • Den Hintergrund mit weiteren Scheinwerfern gestalten. Lieber wenige „Lichtinseln“ bauen und dazwischen auch dunkle Ecken lassen. Immer von der vorher definierten Lichtrichtung kommen beziehungsweise mit den Lichtstrahlen versuchen, diese weiter zu erklären und definieren.
  • Die Ausstattung kann hier sehr gut mitspielen. Schattenwerfende Gegenstände helfen, ein visuell interessantes Bild zu bauen. Gerade, einfarbige Wände vermeiden.
  • Generell sollte im Bild immer etwas sehr helles „Weiß“ und viel dunkles „Schwarz“ sein. Wenige Graustufen dazwischen.
  • Zu viel weiches Licht vermeiden, da es auch immer die Schwärzen aufhellt und so das kontrastreiche Bild zerstört.

Der S35-Sensor passte für Smoliner absolut zur Ästhetik der 1950er Jahre und zum geplanten Seitenverhältnis von 16:9. Gern hätte der DoP auf chemischem Film gedreht. Das war aber schon sehr früh aus Kostengründen ausgeschlossen worden. Für die angestrebte Bildästhetik waren sphärische Objektive für Smoliner die beste Wahl. An der C500 kamen daher Xeen-Objektive zum Einsatz. Diese sind zwar sehr scharf und crisp, Smoliner wusste jedoch schon, dass er in der Postproduktion einen dezenten Grain hinzufügen wollte, um dagegen zu arbeiten.

Filmstill aus "Echthaar"
Der Friseur Victor (Franz Weichenberger) lernt die junge Paula (Sandra Hartlauer) an. (Foto: Max Smoliner)

Im Januar 2019 wurde gedreht. „Mir war klar, dass wir sehr hart leuchten müssen, um diese Ästhetik zu kriegen“, so der DoP. „Das Weichste was ich hatte, war ein 1×1-Rahmen für das Gesicht von Paula. Ansonsten sind wir fast direkt mit Stufenlinsen ins Motiv reingefahren.“ Smoliner gruppierte seine Lichtaufbauten immer darum, dass Führungslicht hart zu gestalten. Von dort aus ging er mit seinem Oberbeleuchter Matthias Groß im Sternschritt um die Figuren herum und erhellte punktiert die Tiefe des Raumes. „Hier war es sehr wichtig, dass wir eigentlich eine Studiosituation und so immer die volle Kontrolle hatten“, betont DoP Smoliner. [15243]


Sie möchten mehr über Film-Noir-Licht wissen? Hier finden Sie den kompletten Artikel!


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