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Interview: DoP Jörg Matzky über ESA-Training

In unserem Interview aus der Ausgabe 6/2016 spricht Unterwasser-Kameramann Jörg Matzky über Tauchgänge für die ESA, die Arbeit mit den Astronauten und Kosmonauten. Er lässt auch die beruflichen Herausforderungen für Unterwasser-DoPs nicht aus. Dies ist der zweite Teil des Interviews, den ersten Teil finden Sie hier.

Wie ist der Drehalltag mit Astronauten?

Der Umgang mit den europäischen Astronauten ist völlig unkompliziert. Die benehmen sich wie ganz normale Menschen, sind freundlich und nett zu uns. Wir kennen uns ja jetzt auch schon seit Jahren, so dass es ein ganz kollegiales Verhältnis gibt.

Gibt es denn Unterschiede zwischen Europäern, NASA-Astronauten und russischen Kosmonauten?

Es ist eigentlich ganz witzig, den Unterschied zwischen Amerikanern und Russen, den es tatsächlich gibt, selber beim Drehen zu erleben. Die Kosmonauten, die von Russland für ein paar Wochen Training nach Köln kommen, sehen erst einmal gar nicht aus, wie man sich einen Raumfahrer so vorstellt. Die sehen eigentlich eher aus wie Handwerker vom Bau. Die sind auch fast alle Raucher. In der Pause sieht man sie hinten an der Halle stehen und qualmen. Das ist eine völlig andere Mentalität. Zum Teil sind da auch ein paar richtige Veteranen dabei, Besatzungen, die noch auf der alten Raumstation MIR waren, die schon richtiges Feuer im All erlebt haben – das sind dann schon beeindruckende Lebensläufe.

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Matzky sammelte auch viel Erfahrung in offenen Gewässern. (Bild: ESA, Jörg Matzky)

Die NASA-Astronauten stehen in völligem Gegensatz dazu. Das sind fast alles Eliteabgänger von Universitäten wie Harvard oder Yale, aus gutsituierter Familie, fast alle mit militärischer Laufbahn. Die sind auch ganz anders diszipliniert, auch im Umgang mit den Medien, das ist alles einstudiert. Ich habe mal einen beim Training im Columbus-Modul gedreht. Der fragte mich dann, ob ich ihm mal unser Tauchbecken zeigen könnte, er hätte auch ein bisschen Taucherfahrung. Ich dachte dann erst, er meint so einen Amateur-Schein. Dann hat sich aber herausgestellt, dass er 10 Jahre lang bei den Navy-SEALS war und bei verschiedenen Einsätzen weltweit über 200 Stunden auf Mini-U-Booten gefahren ist, wo man während der Fahrt dem Wasser ausgesetzt ist und schon sein Atemgerät benutzt. „Ein bisschen Taucherfahrung“ … na ja.

Wie schätzen Sie Ihre berufliche Zukunft ein?

Unterwasserfilme laufen im Fernsehen nicht mehr besonders gut. Ich persönlich schaue mir schon gar keine mehr an. Im Grunde ist alles schon gedreht worden, der weiße Hai in allen Situationen – man hat alles schon einmal gesehen. Und das wird eben auf die Dauer langweilig, außer, wenn es ein Film ist, den die BBC mit Millionenbudget produziert, und auch die haben fast alles irgendwann schon einmal abgedeckt. Und mal ganz ehrlich – welcher Sender würde schon darauf anspringen, wenn man sagt, lasst uns mal einen schönen Film über die Unterwasserwelt des Roten Meeres machen? Dementsprechend wird die Nachfrage in Deutschland immer weniger, was Unterwasser-Drehs angeht, und bei den verbleibenden Aufträgen werden die Grenzen immer weiter gepusht.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Ich hatte zum Beispiel einmal einen Auftrag für „Menschen hautnah“ in Spanien zu drehen. Da ging es um ein deutsches U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg, das in 80 Metern Tiefe liegt. Das Boot ist komplett mit Fischernetzen überhangen, in denen wir uns ständig verheddert haben. Bei diesen Tiefen hat man keine Sicht und vielleicht nur zehn Minuten Grundzeit. Dann muss man schon wieder auftauchen, und es war schon ganz schön heftig, das alles mit Kamera und Licht zu bewältigen. Bei einem anderen Dreh an der irischen Küste sollten wir das Schwesterschiff der Titanic in 100 Metern Tiefe filmen. Dort war vorher noch nie jemand gewesen. Insgesamt waren wir drei Wochen in Irland und hatten vom Team den Druck, Bilder vom Wrack liefern zu müssen. Wir sind bei Windstärke 7 mit einem Kutter losgefahren und auf 100 Meter getaucht, und dann ist natürlich alles schiefgegangen, was nur schiefgehen kann. Das war der Tauchgang, wo ich fast draufgegangen wäre. Unten war richtig starke Strömung, keine Sicht, Wassertemperatur um die 6 Grad, und oben sechs Meter hohe Wellen. Bei diesen Bedingungen sind wir mit dem ganzen Equipment an der Leine abgetaucht. Alleine der Abstieg hat schon fast zwanzig Minuten gedauert, man hing an der Leine wie eine Fahne im Wind und soll dann auch noch drehen.

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Das Tauchteam vor dem Abtauchen. Bis zu vier Stunden verbringen die Profis im Becken der ESA. (Bild: ESA, Jörg Matzky)

Ich bin schließlich mit dem Kopf gegen das Wrack geknallt, weil ich es einfach nicht gesehen habe. Beim Auftauchen ist mir Wasser in der Trockentauchanzug gelaufen, weil er undicht wurde, und dann wäre ich bei 6 Grad Wassertemperatur und zweieinhalb Stunden Auftauchzeit wegen den ganzen Dekompressionsstopps fast erfroren. Das Hauptproblem war aber, dass ich bei dem ganzen Stress mit Wetter, Kälte und Strömung beim Abtauchen das Atemgemisch verwechselt habe. Statt meinem Abtauchmix mit viel Sauerstoff habe ich das Grundgemisch geatmet, das mit 5 % nur ganz wenig Sauerstoff hat. Da wäre ich fast ohnmächtig geworden und habe gemerkt, wie mir beim Abtauchen langsam die Lichter ausgingen. Im letzten Moment habe ich dann realisiert, dass ich durch den falschen Regler atme, habe schnell gewechselt, hing nur noch mit einer Hand an der Leine und habe gedacht, das war‘s. Ich war auch alleine, mein Tauchpartner war verschwunden. Danach habe ich gesagt, so unvorbereitet, unter Zeitdruck und mit so einer unorganisierten Crew … das mache ich nie wieder.

Wie geht es mit der ESA weiter?

Für die ESA arbeite ich im Moment auch nicht mehr so viel, aus dem Grund, dass es sehr unregelmäßige Drehs sind, wo man nur schwer kalkulieren kann, welche Tage oder Wochen man sich freihalten muss, um dort zu drehen. Häufig heißt es kurz vor Toresschluss, hast du nächste Woche Zeit, wir bräuchten dich für drei Tage. Aber gerade Termine mit NASA-Leuten werden oft fünf- oder sechsmal verschoben. Dann habe ich mir diese Zeit freigehalten und sie kommen nicht. Das ist einfach ärgerlich. Natürlich werde ich gern weiter für die ESA arbeiten, aber ich brauche darüber hinaus etwas, wo ich verlässlich Geld verdiene. Deshalb habe ich bei der IHK eine Ausbildung im Sicherheitsgewerbe gemacht und arbeite jetzt in Festanstellung bei einem Unternehmen, wo ich für die ganzen Flüchtlingsheime verantwortlich bin.

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