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Chrosziel mit neuer Geschäftsführung

Intelligenz im Produkt

Anfang März 2020 ist Timm Stemann bei der Chrosziel GmbH in München als Hauptanteilseigner und Geschäftsführer eingestiegen. Wir haben ihn im Heft 11.2020 gefragt, was das für das Unternehmen bedeutet und welche strategische Neuausrichtung es gibt.

Wie kam es zu Ihrem Engagement als Anteilseigner und Geschäftsführer bei Chrosziel?
Wir haben Ende Februar die Verträge für ein Management Buy Out bei Chrosziel unterschrieben und ich habe dann sofort ab dem 1. März die Geschäftsführung übernommen. Wir haben die Firmenanteile neu strukturiert und ich habe im Zuge dessen in das Unternehmen investiert, also auch frisches Geld in die Firma eingebracht, um die Liquidität für unsere Zukunftsvision der Firma zu sichern. Die Bedingungen für dieses finanzielle Engagement war, dass ich auch die Geschäftsführung übernehme. Jetzt bin ich also Hauptanteilseigner und unsere Familie hält weitere Anteile am Unternehmen. Der frühere Geschäftsführer Harm Abrahams hat seine Anteile an der Chrosziel GmbH deutlich reduziert, besitzt aber immer noch einen Teil des Unternehmens.

Was waren die Gründe für diesen Einstieg?
Ich hatte von Anfang an die Vision, wo ich Chrosziel sehe und wie ich Chrosziel sehe: als Manufaktur sehr intelligente, sehr präzise und kompromisslose Zubehörartikel zu entwickeln, durchaus auch in Kleinserien von 25, 50 oder 100 Stück. Diesen Ansatz hatte die alte Geschäftsführung nicht verfolgt. Dort lag der Fokus eher auf großen Stückzahlen. Ich bin aber der Auffassung, dass das in unserer Branche gar nicht möglich ist. Die Kameras wechseln so schnell und es gibt so viele individuelle Anforderungen. Der eine möchte mehr Broadcast, der andere lieber einen Cine-Aufbau. Diese Vision war mit dem alten Produktmanagement nicht möglich. Die Liebe zum Detail war nicht mehr so stark vorhanden und außerdem habe ich dort eine gewisse Müdigkeit wahrgenommen, was man ja durchaus nachvollziehen kann, wenn man über die Jahre hinweg nicht so richtig vorwärtskommt. Diesen Mangel an Energie hat auch das Team gespürt.

Hier musste sich etwas ändern und das war meiner Auffassung nach nur mit einer neuen Geschäftsführung möglich. Gleichzeitig haben wir auch das Team neu strukturiert. Wir haben jetzt wirklich viele neue und junge Mitarbeiter voller Energie, die hier mitziehen. Selbst altgediente Mitarbeiter wie unser Elektroniker Heiko, der seinerzeit das Unternehmen verlassen hatte, ist zurückgekommen, weil er jetzt wieder eine Perspektive sieht und dabeisein will.

Produkte wie die Leichtstütze für die Canon C500 MkII werden in enger Zusammenarbeit mit den Herstellern entwickelt.

Wie genau sieht denn die Perspektive bei und für Chrosziel aus?
Als ich als Geschäftsführer eingestiegen bin, haben wir uns sehr genau angesehen, welche Produkte der Markt gebrauchen könnte und sehr ausgewählt die Entwicklung gestartet. Das Problem war, dass wir mit unserem Kamerazubehör nicht immer sofort am Ball waren, wenn eine neue Kamera vorgestellt wurde, sondern uns stattdessen erst einmal überlegt haben, ob und wo diese Kamera laufen würde, und wenn das einträfe, würden wir auch Zubehör für diese Kamera entwickeln. Aber diese verzögerte Entwicklung war natürlich ein Problem, wenn man sich erst überlegen muss, ob der Markt ein gewisses Volumen hergibt. Außerdem war die Entwicklungsarbeit sehr schwerfällig und im Bereich Mechanik haben wir fast nichts mehr gemacht, weil die Ansicht herrschte, es gebe zu viel Konkurrenz und die Produkte seien nicht zu einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis zu entwickeln und herzustellen. Ich möchte wieder dahin kommen, dass die Kameraleute, wenn sie sich eine neue Kamera angeschafft haben und ihnen nun die Leichtstütze fehlt, sagen: „Schau auf alle Fälle mal bei Chrosziel, die unterstützen eigentlich jede Kamera!“ und nicht „Wer weiß, ob die wohl für diese Kamera eine gemacht haben?“

Unsere Vision ist also, das Geschäftsfeld Mechanik durchaus weiterzuführen, aber die mechanischen Produkte mit intelligenten Elektronikteilen zu vermengen. In diesen Bereich von mechatronischen Zubehörprodukten wollen wir hinein. Wir waren zum Beispiel extrem erfolgreich mit unserem Servo-Drive für die Fujinon MK-Optik in Verbindung mit der Sony FS 7, ein Beispiel, wo wir die Mechanik mit Elektronik verbunden haben. Genau in diesen Bereich wollen wir investieren und ihn spezialisiert auf unsere Zielgruppe weiterentwickeln.

Ist das eine Lücke im Markt oder positioniert sich Chrosziel hier gegen bereits bestehende Konkurrenz?
Chrosziel besteht ja jetzt seit nahezu 45 Jahren und wir haben extrem viel Fachwissen hier im Unternehmen angesammelt. Wir haben sämtliche Protokolle von Motoren, von Objektiven, von Kameras, also nicht nur die CAD-Daten, sondern auch die digitalen Protokolle dazu. Wir sind also als eines der wenigen Unternehmen überhaupt, hier nicht auf nicht Reverse Engineering oder Ähnliches angewiesen. Zusätzlich zeichnet uns aus, dass wir Produkte herstellen wollen, die wirklich den Markt verstehen, also wie sie dort angewendet werden. Wenn wir ein Kabel vermeiden können, dann vermeiden wir es, denn jedes Kabel ist ein Albtraum für eine Kamerafrau oder einen Kameramann. Der erste Designentwurf für den Servo Drive bestand ursprünglich aus einem Motor und einer Elektronikbox. Aber die Kameraleute wissen dann nicht, wohin sie diese Box packen sollen! Also habe ich darauf gedrängt, dass eine Lösung gefunden wird, bei der Motor und die Box in einem Gehäuse sind, das an der Optik festgeschraubt wird. Klingt simpel, aber macht beim Dreh einen großen Unterschied, und dafür muss man wissen, wie die Leute draußen ticken. Wir werden als weiteres Beispiel einen Batterieadapter für die Sony FX9 herstellen. Batteriedapter für die FX9 gibt es schon am Markt, aber alle haben ein Kabel, mit dem der Adapter eingesteckt wird. Unsere Lösung kommt aber ohne Kabel aus. Und da muss man hin! Da gibt es keinen Kabelbruch, es kann nichts passieren und diesbezüglich haben wir dort keine Konkurrenz.

Wir wollen sehr nah bei bei den Endnutzern sein, bei unseren Kunden. Wir wollen von ihnen hören! Bestes Beispiel: unsere Top-Plate für die Sony FX9. Wir haben sie entworfen, gefertigt und herausgeschickt. Dann bekamen wir das Feedback: „Die Top-Plate deckt die Kabelklemme der FX9 ab. Ich muss die also abschrauben, aber jetzt habe ich das Problem, dass ich sie nirgends wieder anschrauben kann, weil es dafür keine Löcher gibt!“ Wir haben sofort alle FX9-Top-Plates zurückgerufen und haben dort diese Gewindebohrung hinzugefügt. Das sind Kleinigkeiten, aber sie machen den Unterschied. Die Liebe zum Detail hat Chrosziel groß gemacht und da wollen wir wieder hin. [13665]


Mehr lesen? Das komplette Interview gibt es hier!


 

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