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Live-Produktion des Eurovision Song Contests in Turin

Wenn die Sonne scheint

Der Eurovision Song Contest 2022 in Turin war eine Materialschlacht mit überbordenden visuellen Ideen. Sven Kubeile war dabei und hat für unser Heft 7–8.2022 einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Die Bühne des ESC 2022
Foto: Sven Kubeile

Ohne Frage: der Eurovision Song Contest ist eines der größten TV-Events weltweit. Ob man die Show mag oder nicht – der Aufwand ist immens und dort sehen wir das, was zurzeit im Bereich des technisch Machbaren liegt. Während beim ESC 2021 nur Videokonferenzen möglich waren, konnten wir in diesem Jahr persönlich für einige Tage vor Ort dabei sein und das Spektakel hautnah erleben. Eines ist klar: auf dem Weg zu einem Eurovision Song Contest hat man schon ein gewisses Bild mit einer ungefähren Größenvorstellung im Kopf. Aber diese wurde in Turin deutlich überboten. So war allein der Pressebereich deutlich größer als bei allen Formel-1-Rennen und bestand aus mehreren riesigen Festzelten, die mit entsprechender Infrastruktur und Arbeitsplätzen ausgestattet wurden. Auch die Akkreditierungen allein enthielten fast 25 unterschiedliche Zutrittsbereiche mit entsprechenden Kontrollen.

Aufbau

Der grundsätzliche technische Aufbau in der Halle gestaltete sich ähnlich wie in den Jahren zuvor, natürlich mit neuen Elementen. So konnte in diesem Jahr von der frisch designten Bühne ein Wasserfall fließen, der passend zum Song eingeschaltet werden konnte. Als besonderes Highlight in Turin sollte eine gigantische Sonne im hinteren Bühnenbereich gelten, die Tiefe ins Bild bringen sollte. Ursprünglich sollten sich dabei einige Elemente auch während Songs bewegen können, jedoch konnte diese Eigenschaft vom jeweiligen technischen Dienstleister nicht umgesetzt werden. Der Green Room war nun auch wirklich grün und mit Buchsbaum bepflanzt. Im Hintergrund stand eine riesige LED-Wand und auch der Stage-Boden konnte, wie schon bei vorherigen Produktionen des ESC Bilder, Videos und Aufbauhinweise darstellen.

In diesem kompakten Rack liefen alle Signale der gesamten Venue zusammen und wurden von Riedel geroutet und gemanagt. (Foto: Sven Kubeile)

Deutsche Technik

Bei einem ESC gibt es immer einen Host-Broadcaster, den das Gastgeberland zur Verfügung stellt. In Italien ist das die Rai, der öffentlich-rechtliche Broadcaster des Landes. Um dann das Event so umsetzen zu können wie geplant, werden weitere Dienstleister an die Hand geholt, die sich um einzelne Teilbereiche kümmern. Einen genaueren Einblick konnten wir hier in die Arbeit des deutschen Unternehmens Riedel aus Wuppertal bekommen, sogar in Bereichen, die anderen Journalistinnen und Journalisten versperrt blieben. Über die gesamte Produktion verteilt haben 34 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens aus dem Bergischen Land verschiedene Projekte in Angriff genommen.

Dazu gehören die Signalverteilung, drahtlose und drahtgebundene Intercom, die analoge und digitale Funkkommunikation auf dem gesamten Venue, die komplette Kommentatorentechnik und zusätzlich Teile der Akkredierung und Zugangskontrolle. Dafür waren manche der Spezialisten seit zwei Monaten vor Ort in Turin. Aber was genau bedeutet Signalverteilung? Wo normalerweise für unterschiedliche Anwendungsgebiete unterschiedliche Netzwerke hochgezogen werden müssen, setzt Riedel auf das eigens entwickelte MediorNet. Dabei werden auf der gesamten Venue diverse Racks aufgestellt und mit Lichtwellenleiter-Kabeln redundant verkabelt. Der Sinn dahinter ist, über ein einziges Netzwerk alle für die Show und die Übertragung wichtigen Informationen fließen zu lassen. So laufen über das Netzwerk alle Daten, Intercom, Bild- und Tonsignale. In einem Container kommt dann alles zusammen. Dort können die Mitarbeiter die Signale verteilen, managen und überwachen. Auch Gründer und Riedel-Chef Thomas Riedel ist immer noch gerne mit dabei, legt Hand an und freut sich auf jeden ESC. Weil auch andere Dienstleister für den Aufbau miteinander kommunizieren mussten, war ab Tag eins eine Funklösung notwendig, die Riedel über Handfunkgeräte abedeckte. Für die Kommunikation während der Show ist für die Produktion neben der kabelgebundenen Lösung das Bolero-System zum Einsatz gekommen – eine flexible Funk-Intercom-Lösung, für die auf dem gesamten Venue entsprechende Antennen angebracht wurden. Insgesamt kamen über 60 Bolero zum Einsatz. Je nach Bedarf der Produktionsbeteiligten konnten sie aus unterschiedlichen Headset-Lösungen wählen. So wurde für einen Mitarbeiter sogar ein Headset entwickelt, das gleichzeitig mit zwei Bolero verbunden werden konnte.

Ein motorisierter Dühne
Eine besondere Herausforderung war der motorisierte Dolly, der direkt vor dem Wasserfall an der Bühnenkante entlangfuhr. (Foto: Sven Kubeile)

Übertragung

Auch wenn während der Produktion mehrfach vom „Italian Way“ die Rede war, konnten sich bewährte Technologien durchsetzen. So wurde auch in diesem Jahr das schon seit einigen Jahren verwendete CuePilot-System eingesetzt, das erlaubt, Teile der Produktion zu automatisieren. Das Kamerapersonal wusste damit schon vor jedem Shot, wann genau welches Bild verlangt wurde. Auch in diesem Jahr wurden wieder die LED-Wände durch CuePilot getriggert. Eine besondere Herausforderung war der motorisierte Dolly, der direkt vor dem Wasserfall an der Bühnenkante entlangfuhr.

Als Ü-Wagen kamen der UHD1 und der UHD2 von NEP zum Einsatz. Dabei diente der UHD2 lediglich als Redundanz-Lösung. Für den Fall der Fälle, dass es in der ersten Regie zu einem schwerwiegenden Fehler kommt, kann sofort auf den zweiten Wagen geschaltet werden. Für diesen Fall sitzen jederzeit zwei Produktionsmitarbeitende in der sonst leeren Regie, damit sie direkt übernehmen können. Der Rest der Besatzung muss dann innerhalb kürzester Zeit wechseln. Das wird sogar in regelmäßigen Übungen geprobt.

Regieraum beim ESC 2022
Kernstück der Übertragung war das CuePilot-System, hier zu sehen auf dem Bildschirm in der Mitte, über das die komplette Produktion vorprogrammiert war. (Foto: Sven Kubeile)

Für den Ton ist ein Lawo mc256 an Bord, das für den ESC ungefähr 200 eingehende Tonsignale für den Haupt-Broadcast verarbeiten konnte. Auch ein Server für Waves Plug-ins und ein TC Electronic TC 6000 Hall sind integriert. Die verwendete Mikrofonanlage war ein weiteres Mal die Shure Axient Digital Serie, die mit unterschiedlichen Mikrofonkapseln kombiniert wurde. Sänger Mika verwendete für seinen Auftritt beispielsweise den ADX2FD Beta 58 Handsender. Am Vorabend der Haupt-Übertragung wurde das Finale mit Ausnahme des Voting-Prozesses und Måneskin als Intervall komplett aufgeführt und die einzelnen Acts auch aufgezeichnet. So hätte im Falle einer Störung oder eines Unfalls – etwa wenn ein Künstler oder eine Künstlerin von der Bühne gefallen wäre – die MAZ des Vortages eingespielt werden können. Das Signal wurde dann mithilfe einer Glasfaser-Internetleitung weitertransportiert. Als Backup-Wege standen zwei Sat-Fahrzeuge zur Verfügung, die das Signal parallel an zwei physikalisch getrennte und räumlich distanzierte Sendezentren verteilten. [15231]


Sie möchten mehr über die Broadcast-Produktion des ESC erfahren? Hier finden Sie den kompletten Artikel!


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