Hafenkran, Taschenlampenlicht und eingefrorene Statisten: Für die visuelle Umsetzung von „Momo“ setzte DoP Christian Rein auf sorgfältige Planung und viele Effekte direkt vor der Kamera.
(Foto: Constantin Film Distribution / Rat Pack Filmproduktion / Ivan Sardi)
Gedreht wurde im Frühjahr, weswegen sich Christian Rein mit seinem Licht auf die Sonnenstände einstellen musste. „Ich mache es generell so: Ich stelle keine Lampe auf, wenn ich die Sonne habe, die tief steht und ich außen drehe“, erläutert der DoP. „Dann nehme ich eher etwas weg, entweder Negativ-Fill oder man bounct ein bisschen.“ Im ikonischen Amphitheater baute Timm Brückner die Filmlampen einfach als Practicals in die Kulisse ein und DoP Rein nutzte diese auch im Bild als Lichtquelle. „Da schaut viel Available aus, aber es war gar nichts Available“, so Rein. „Man kann auch mit den Cineovision-Objektiven eigentlich nicht unter einer Blende 2.8 drehen. Darunter werden sie als Abbildung so unscharf, dass du es als Fehler empfindest.“ Das resultierte in entsprechendem Lichtaufwand. Da er gerne eine Blende überbelichtet, landete er eigener Aussage nach bei etwa 400 ASA.
Das erste Aufeinandertreffen Momos mit dem Antagonisten Richter, gespielt von Claes Bang, war eine Herausforderung. Hier wollten Rein und Brückner ursprünglich die nächtliche Arena im Hintergrund ausleuchten und im Vordergrund Akzente mit Taschenlampen setzen. Beim Vorleuchten entschieden sie sich jedoch dafür, die Szene ausschließlich mit den Taschenlampen zu beleuchten. „Was ja immer so ein bisschen gefährlich ist, weil du viele Komparsen hast, die dann nicht genau wissen, was sie tun“, so Rein. Also bekamen zwei Mitglieder des Lichtteams Kostüme verpasst, um sicherzustellen, dass zu bestimmten Momenten beide Hauptfiguren gutes Licht hatten. Am Ende ist jetzt ein bisschen Licht auf der Mauer im Hintergrund, der Rest wird sehr organisch von den Lampen in den Händen der Figuren geregelt.
Eine besondere Aufgabe in der Beleuchtung war auch die Schiffswerft. Das Gelände war riesig. Schon bei der Tech-Recce hatten Rein und Brückner den großen, fahrbaren Hafenkran entdeckt. Hier würde Richter in der Gerichtsszene seinen großen Auftritt haben. Kurzerhand beschlossen sie, den gesamten Hafenkran mit Lichtern auszustatten und somit über die Practicals im Bild das Hauptlicht der Szene zu erzeugen. Die Programmierung der sich bewegenden Lichter und auch deren Montage war ein großer Aufwand, der auf der Leinwand aber jetzt höchst beeindruckend aussieht.
Das Innenset des Nirgendhauses setzte sich aus Originalmotiv, Setbau und Set-Extensions zusammen. (Foto: Constantin Film Distribution / Rat Pack Filmproduktion / Ivan Sardi)
„Ich bin ein großer Fan davon, alles schon in die Kamera reinzukriegen, dass es schon stimmt und dass auch das Ergebnis schon anschaubar ist“, sagt Christian Rein. „Ich habe über die Jahre hinweg gemerkt: Du wirst als Kameraperson immer nach deinen Mustern beurteilt. Die Entscheider sehen die fertigen Filme gar nicht im Kino.“ Daher sollten seiner Meinung nach schon die Muster immer so nah am fertigen Bild sein wie nur irgend möglich.
Motive in Kroatien
Vom 1. Mai bis 4. Juli 2024 fanden die Hauptdreharbeiten statt. Weil Michael Ende im Roman „Momo“ im mediterranen Raum verortet, suchte Regisseur Christian Ditter mit seinem Team genau dort nach passenden Motiven und wurde in Kroatien fündig. So entdeckten sie in Pula das Amphitheater, das DoP Christian Rein als „Anker“ der Motivwelt beschreibt. Viele Innenmotive sollten zunächst im Studio entstehen. „Am Ende des Tages haben wir kein einziges Motiv im Studio gedreht“, so Rein. „Es war nicht so schwer, die guten Motive zu finden. Das größere Problem war dann die Verwandlung.“
Gedreht wurde an mehreren Orten zwischen Pula und Split sowie in Rijeka, Rovinj und Zagreb. Meister Horas Residenz fand die Crew in Slowenien. Das Innenmotiv kombinierte Originalort, Setbauten und VFX-Extensions. Als Tresorraum der Schlusssequenz diente eine Tiefgarage, deren ursprünglicher Zweck durch gezielte Setpieces verschleiert wurde. Die gesamte Sequenz entstand vorab in der Unreal Engine und wurde dort vorgeleuchtet.
In-Camera plus VFX
Die Verfolgungsjagd durch die Gassen mit den eingefrorenen Menschen durfte für Ditter und Rein auf keinen Fall wie eine Marvel-Szene aussehen. Deshalb setzten sie auf echte Schauspieler, die stillstanden, und denen Greenscreen-Keile an die Füße gelegt wurden, um ihnen die Position zu erleichtern. Sogar die auffliegenden Vögel oder die fallenden Äpfel sind echte Props an Drähten im Raum. Nur Wasser oder Rauch wurde nachträglich digital eingesetzt. „Das war auch die Haltung von VFX-Supervisor Michael Wortmann: ‚So viel wie möglich real drehen und wir ergänzen es dann.‘ Das fand ich ganz schön gesagt“, erinnert sich DoP Rein.
Zentrale Szene in „Momo“: Die Zeit friert ein, auch für Beppo (Kim Bodnia), hier mit Steadicam-Operator Michael Rathgeber. (Foto: Constantin Film Distribution / Rat Pack Filmproduktion / Ivan Sardi)
Bei allen Überlegungen, die in Technik und gestalterischen Stil flossen, ist DoP Christian Rein vor allem wichtig, die emotionale Geschichte der Figuren zu erzählen. „Obwohl es eine Nebenhandlung ist, mochte ich sehr die Geschichte der schwarzen Familie von Gino“, so der DoP. „Ich mochte diese kleinen Szenen, wie die miteinander umgehen. Ich fand, das hatte einen guten Realismus, das war irgendwie wahr und man konnte das einfach glauben.“
Diese Szenen um den britisch-nigerianischen Schauspieler Araloyin Oshunremi als Gino legen die emotionale Grundlage, auf der das spätere und für das Publikum schmerzhafte Auseinanderdriften der Familie entsteht. Diese Erzählung findet, so Rein, abseits der komplizierten Motive und ohne die Hauptfiguren statt. „Das waren Szenen, die einfach gut zusammengekommen sind und etwas sehr Eigenes haben“, resümiert Christian Rein. „Da geht es nur um die menschlichen Beziehungen, komplett losgelöst von sozialem Status – und von Zeit.“ [15603]