Im Oktober 2025 brachte Regisseur Christian Ditter eine Neuverfilmung des Kinderbuchklassikers „Momo“ in die Kinos. Jetzt erscheint der Film für das Heimkino. DoP Christian Rein erzählte uns für das Heft 01.2026, wie er mit der Kamera eine visuelle Zeitlosigkeit bei hauchzarter Modernisierung des Stoffes gestaltete.
Foto: Constantin Film Distribution / Rat Pack Filmproduktion / Ivan Sardi
Superschnell? Supergroß? Superlangweilig. Spätestens seit den zahlreichen Marvel-Filmen der letzten zwei Jahrzehnte hat eine immense Inflation der besonderen Eigenschaften von Filmhelden eingesetzt. Da ist es kein Wunder, dass sich ein deutscher Genreregisseur einem Stoff zuwendet, dessen Heldin eine Superkraft hat, die wir in der heutigen Gesellschaft mehr denn je benötigen: Sie kann zuhören.
Die Rede ist vom Mädchen Momo, das im gleichnamigen Erfolgsroman von Michael Ende mit diesem Talent sogar schweigsame Piepmätze wieder zum Trällern bringen kann. Seit fast zehn Jahren hatte Christian Ditter den Plan, eine englischsprachige Neuverfilmung von „Momo“ anzugehen. Bereits damals sprach er mit DoP Christian Rein darüber. Erst acht Jahre später stand das Projekt. Die beiden Namensvettern steckten ihre Köpfe zusammen und führten erste Gespräche darüber, wie der Film sich anfühlen und aussehen sollte.
Nah am Buch
DoP Rein hält es für herausfordernd, einen Roman zu verfilmen, den man schon gelesen hat. „Man geht mit dem ganzen Wissen der Geschichte, des Romans an das Drehbuch, an die Auflösung heran“, so DoP Rein. „Man nimmt teilweise Sachen als gegeben, die aber der Zuschauer nicht wissen kann, wenn er die Romanvorlage nicht kennt.“ Die ikonischen Szenen aus dem Buch sind auch im 2025er „Momo“ zentral. „Es gab ein großes Bewusstsein auf der Seite der Vertreter von Michael Ende dafür, dass man nah am Buch bleibt, dass sehr viele Sachen wirklich werksgetreu wiedergegeben werden und auch dass der Geist des Buches wirklich erhalten bleibt“, sagt Rein.
In die ersten Gespräche waren auch die Szenenbildner Eva Stiebler und Ralf Schreck eingebunden. Alle waren sich einig, die Geschichte so zeitlos wie möglich erzählen zu wollen. Die „Grauen Herren“ aus der Buchvorlage treten hier als das Unternehmen „Grey“ auf, dessen Design und Minimalismus irgendwie an einen großen Tech-Monopolisten aus Cupertino erinnert.In diesem Zusammenhang findet auch eine inhaltlich sehr clevere Modernisierung statt: Zum Einsparen der Zeit erhalten die Figuren leuchtende Armbänder. Wenn deren Licht rot wird, verschwenden die Figuren Zeit – eine rein bildliche Umsetzung des doch eher abstrakten Konzepts.
DoP Christian Rein: Bei aller Technik emotionale Verbindungen zu den Figuren erzählen (Foto: Constantin Film Distribution / Rat Pack Filmproduktion / Ivan Sardi)
Im visuellen Findungsprozess präsentierte Regisseur Ditter seinem DoP zu Beginn selbst erstellte KI-Bilder. „Damit war ich sehr unglücklich“, erinnert sich DoP Rein. Also machte er sich auf die Suche nach Looks in den Münchner Bibliotheken. „Tagelang habe ich mir Bücher angeschaut“, so Rein. Schließlich fand er einen Bildband aus den 1940er Jahren über das einfache Leben der Menschen im mittleren Westen der USA, „Bound for Glory: America in Color“ von Paul Hendrickson. Das Buch stellte die Grundlage des visuellen Gefühls dar. DoP Rein fand weitere Exemplare und schickte sie an die anderen Gewerke.
Viel Charakter im Bild
Colorist Stephan Kuch baute dann anhand des Buchs und der ersten Testaufnahmen die LUT für „Momo“. Diese basierte nicht auf einer imitierten Emulsion, sondern wurde für DoP Rein spezifisch für den Film generiert. Die Tests fanden zum einen an den Originalmotiven in Kroatien statt, aber auch im Studio mit Kostüm, Maske, Ausstattung sowie der späteren Besetzung. Kuch war an den ersten zwei Wochen des Drehs am Set und bearbeitete die Muster anhand der LUT für das Produktionsteam, wobei es noch zu kleineren Anpassungen kam. [15603]