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Der freie Kameramann Amr Hedia dreht für den WDR in der Ukraine

„Wir müssen berichten!“

Über den Krieg in der Ukraine berichten auch deutsche Kameraleute. Sie kümmern sich darum, uns direkt aus dem Land das unfassbare Geschehen näherzubringen. Zu ihnen gehört Amr Hedia, der seit über 20 Jahren für das deutsche Fernsehen tätig ist und seit 35 Jahren aus Krisenregionen berichtet. Er hat uns für unser Heft 6.2022 erzählt, wie die Arbeit in der Ukraine organisiert ist und welche Rolle dabei WDR-Kamerachef Walter Demonte spielt.

Kameramann Amr Media bei Dreharbeiten in der Ukraine
Foto: Tilo Gummel

Die Bilder brauchten wenig Erläuterung. Ein weinendes Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, umarmt ihren Vater. Auch ihm laufen die Tränen die Wangen hinab. Er wird gleich in den Zug zurück nach Kiew steigen. Vater und Tochter wissen nicht, wann und ob sie sich wieder sehen, denn Männer über 18 dürfen nicht weiterreisen. Sie müssen ihr Land verteidigen. Am Bahnhof von Lwiw haben sich in den ersten Wochen des Angriffskriegs auf die Ukraine tausende dieser Szenen ereignet.

Eingefangen hat sie das ARD-Team vom WDR. In den ersten Wochen an der Kamera war Amr Hedia, freier Kameramann im Dienst des Westdeutschen Rundfunks. Er blieb insgesamt 50 Tage in der Ukraine, berichtete zusammen mit den Korrespondenten Olaf Bock, Georg Restle und Norbert Hahn, bis er Anfang April nach Köln zurückkehrte. Hedia gehörte auch zu den Kameraleuten, die früh Bilder aus Butscha machten.

In Ägypten geboren und aufgewachsen, wurde Amr Hedia nach dem Abitur und zwei Jahren Militärdienst erst einmal Diplomtechniker in der Hafenstadt Port Said. Im Anschluss machte er eine zweijährige Ausbildung in Kamera und Licht bei Video Cairo Sat, einer 1973 gegründeten, unabhängigen Broadcast- Produktionsfirma in Kairo. Für Video Cairo arbeitete Hedia bis 1995 als EB- und Dokumentarkameramann. Der Kameramann besuchte schon in dieser Zeit zahlreiche Krisenregionen, unter anderem den vom Bürgerkrieg gebeutelten Libanon oder Jemen. Es folgen weitere internationale Einsätze in Somalia, Afghanistan, Tschetschenien für die britische BBC oder den japanischen NHK. Mitte der 1990er Jahre arbeitete er während des Balkankriegs erstmals für das ZDF, 1998 wechselte er zum ZDF Studio in London, dann zum ZDF Studio nach Istanbul. Seitdem arbeitet Hedia als freier Mitarbeiter für das deutsche Fernsehen und zog 2011 nach Köln.

Krisentraining

In den frühen Jahren seiner Tätigkeit erhielt Hedia kein Training für Kriseneinsätze. Das geschah erstmals während seiner Tätigkeit für das ZDF in London. In Großbritannien lernte er Grundlagen, die deutsche Sendergruppen als wichtig für den Kriseneinsatz erachten. Dazu gehört Erste Hilfe bei Verletzungen, das Vermeiden von gefährlichen Situationen, das Verhalten bei einer Entführung, das Fahren in der Kolonne oder die Grundlagen der Fortbewegung in verminten Gebieten. Das Wichtigste jedoch lernte er in seiner Zeit im Libanon. „Wir berichteten für einen britischen Sender und kamen an einen Ort, an dem es einen Angriff gegeben hatte. Wir sahen Kinder, die hatten Gliedmaßen verloren“, sagt Amr Hedia. „Mir ging es sehr schlecht in dieser Zeit.“ Er lernte im Nachhinein damit umzugehen, indem er sich sagte: „Ich schaue nur noch durch den Sucher, nehme diese Szenen in Schwarz-Weiß wahr“, so Hedia. „Ich versuche, das nur professionell zu sehen und mich auf die Bilder zu konzentrieren. Denn wir müssen berichten!“

Kameramann Amr Media bei Dreharbeiten in der Ukraine
Amr Hedia bespricht die Schalte mit Redakteur Norbert Hahn. (Foto: privat)

Amr Hedia erhielt den Einsatzanruf für die Ukraine vom Teamleiter Thomas Löffler aus der Abteilung Kamera und Ton des WDR noch vor Kriegsbeginn. „Ich bin für den WDR so etwas wie der Standard-Krisen-Kameramann“, sagt Amr Hedia. So war er kurz nach dem Angriff im Land, obwohl der WDR im Zuge des ersten Angriffs aus Sicherheitsgründen zunächst die Korrespondenten und das Produktionsteam aus Kiew abgezogen hatte. Nach einer ersten Einschätzung der Lage beschloss der WDR, erneut Teams loszuschicken. Das war da nur auf dem Landweg über Polen möglich.

Zu Hedias Broadcast-Equipment gehören eine Sony PXW- X500 samt SxS-Karten und Akkus, Stativ, Kopflicht und Handmikro für den Ton, außerdem ein Solarpanel zum Laden, Ladegeräte und eine kleine Gimbalkamera. Die Sony-Kamera kam mit dem Cabrio-Zoom Canon HJ14ex4.3B IRSE, der einen zuschaltbaren Extender hatte, und so in der Brennweite von 4,3 bis 60 mm auf 8,6 bis 120 mm kam. Ohne Extender ist der Zoom sehr lichtstark bei einer Blende von F1,8–F2,7. Interessant für Hedia war der starke Weitwinkel von 4,3 mm, mit dem er auch im Inneren von engen Räumen, wie Fahrzeugen, gute Bilder machen kann. Hinzu kommt das vom WDR gestellte Sicherheitsequipment, das unter anderem aus schusssicherer Weste und Helm mit großer PRESSE-Aufschrift sowie einem Erste-Hilfe-Rucksack besteht.

In die Ukraine

Zum ersten Team Hedias gehörten Tilo Gummel und Olaf Bock. An der Grenze zur Ukraine warteten sie auf das „Go!“ aus Köln. Das Team begleitete einen Konvoi mit Hilfsgütern in Richtung Lwiw. Hedia und sein Team berichteten dann zunächst über die Menschen auf der Flucht aus dem kleinen Ort Nowojaworiwsk in der Ukraine – rund 40 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Später fuhr das Team weiter in das auch noch mal etwa 40 Kilometer entfernte Lwiw. Hier stieß Monitor-Redaktionschef Georg Restle zu ihnen und löste Olaf Bock ab.

Das Team reiste stets in Kolonne in zwei markierten Fahrzeugen, auf denen von Weitem lesbar in großen Lettern „PRESS“ zu erkennen ist. Die Fahrzeuge hielten Abstand und waren so groß dimensioniert, dass sie das gesamte Team beim Ausfall eines der Fahrzeuge problemlos mit aufnehmen konnten.

Amr Hedia hatte stets zwei Akkus an der Kamera, von denen er einen wechseln konnte, während die Kamera weiter lief. Zudem hatte er vier weitere Akkus in einer Bauchtasche dabei sowie drei SxS-Karten. „Damit kam ich gut über einen Drehtag“, sagt der Kameramann. Das ist wichtig, weil viele der Dreharbeiten auf Zuruf stattfanden und das Team schnell und zügig reagieren musste. „Da möchte niemand auf das Ladegerät warten müssen.“

Die Drehtage waren lang. An manchen Tagen standen 13 Liveschalten auf dem Plan, früh für das Morgenmagazin bis spät in das Nachtmagazin, zwischendrin Aktuelle Stunde, Brennpunkt, Tagesthemen oder Tagesschau. Diese Tage waren teilweise auch deswegen schwierig, weil es in vielen Städten eine Ausgangssperre gab.

Die Dreharbeiten für längere Stücke, zum Beispiel für Weltspiegel oder Monitor-Berichte, fanden zwischen den Schalten statt. Um diese überall absetzen zu können, hatten die Kölner zwei Technologien dabei, zum einen den bekannten und weit verbreiteten LiveU-Rucksack, der über Mobilfunk eine stabile Datenverbindung aufbauen kann und einen Stream an den Sender überträgt. Doch nicht überall war eine Mobilfunkverbindung möglich. Die russischen Angriffe hatten vielerorts die Mobilfunkinfrastruktur zerstört. Hier kam der Starlink zum Einsatz. Das von Elon Musks SpaceX initiierte Satellitensystem bietet Iweltweit breitbandigen Internetzugang über ein Netz von Satelliten an. [15211]


Möchten Sie mehr über Amr Hedias Dreheinsatz in der Ukraine lesen? Hier finden Sie den kompletten Artikel und ein Interview mit dem WDR Kamerachef Walter Demonte!


 

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