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DoP Johannes Praus dreht Dokumentation über Hirten mit C300 MkII

Bildraum trifft Lebensraum

Das entbehrungsreiche Leben der Hirten in Kirgistan dokumentierte DoP Johannes Praus zusammen mit Regisseur und Autor Mark Michel. Für die Arbeit an der 25-minütigen Episode wurde Praus für den Deutschen Kamerapreis 2021 in der Kategorie Dokumentation nominiert. Praus drehte in Kirgistan auf einer Canon C300 MkII und Canon Zoom EF 24-70, den er im Einsatz wie Festbrennweiten behandelte. Wir sprachen mit dem DoP in unserem Heft 11.2021 über das Projekt.

Drehteam in Peru
Foto: Mark Michel

Das aufgewühlte Wasser des Flusses rauscht durch das Tal. Am Ufer verläuft ein Weg. Auf ihm sind hunderte Rinder unterwegs. Die beiden gegenläufigen Bewegungen wirken hoch oben aus der Luft gesehen wie ein Tanz. Das Bild ist kein klassischer Drohnenshot, sondern statisch, einem Tableau gleich, die Einstellung wirkt malerisch. Hier oben im Gebirge, in der kargen Landschaft mit den grünen Wiesen und dem rauen Klima ist das ein ungewöhnlich graziöser Anblick. Johannes Praus findet solche ungewöhnlichen Ansichten sehr leicht. Sei es in dieser Einstellung zu Beginn der Dokumentation „Hirten in Kirgistans Himmelsgebirge“, sei es in den nahe, sehr persönlich anmutenden Einzelinterviews mit den Hirten und ihren Familien. Er hält nicht einfach drauf. Beliebigkeit geht dem DoP gegen den Strich. Wenn er loszieht und Bilder macht, dann entstehen diese sehr genau überlegt. Ihm geht es dabei immer um die Frage: „Was hat mein Werkzeug für Möglichkeiten?“, so der DoP. „Wie kann ich meine innere Haltung dadurch in eine Form bringen?“ Diese Arbeitsweise behält er immer bei, auch wenn das wie etwa im Hochgebirge mühsam ist.

Haltung

Praus kam zum filmischen Schaffen über die Fotografie. In seiner Suche nach einem Weiterkommen bei der fotografischen Auseinandersetzung mit dem menschlichen Dasein stieß er irgendwann auf das Studium an der Filmuni Babelsberg. „Ich mochte sehr die sozialdokumentarische Tradition, die man aus Babelsberg kennt“, so Praus. Nach der ersten Mappenberatung realisierte er, wie viel mehr noch an Tiefe und Bedeutung in einem Bild stecken konnte. Also widmete er sich fortan sehr stark der Porträtfotografie und dem Bezug zwischen Zeit, Mensch und Raum im Bild. Ein Jahr später bewarb er sich erneut und wurde diesmal für ein Kamerastudium angenommen. Von 2008 bis 2013 studierte er unter Peter Badel und schloss mit dem Diplom ab. In seinem Meisterstudium bis 2015 beschäftigte er sich stark mit seiner Haltung als Kinematograf. Praus wertet die Haltung, die er gegenüber den Menschen vor seiner Kamera einnimmt als viel wichtiger für den Prozess als statische visuelle Konzepte.

Kameramann Johannes Praus dreht Rinder in Kirgistan
DoP Johannes Praus setzte das Canon-Zoom wie Festbrennweiten ein. (Foto: Mark Michel)

Auf der Berlinale lernte Praus Produzent Jürgen Kleinig von der Neue Celluloid Fabrik kennen. Nach der Arbeit an einem anderen Projekt sprach der ihn an, ob er Lust hätte mit Dokumentarfilmer Mark Michel und DoP Ines Thomsen eine fünfteilige Serie für Arte zu drehen. Das Thema: „Hirten – Hüter der Erde“. Vorgesehen waren Drehabschnitte in Peru, Indien, Kirgistan, Uganda und Brandenburg. Jeder Teil war auf 26 Minuten angelegt, außerdem sollte eine etwa 90-minütige Fassung
für eine mögliche Kinoauswertung entstehen. Johannes Praus war verantwortlich für die Kameraarbeit der Drehabschnitte
in Kirgistan und in Peru und drehte Teile der brandenburgischen Episode. Später stieß noch DoP Mitja Hagelüken hinzu.

Bildraum

Im Juli 2019 flog Praus mit Autor Mark Michel und der kleinen Crew nach Bischkek in Kirgistan. Hier trafen sie ihren Fixer, also die Kontaktperson vor Ort, die mit Sprache, Kultur und Verhaltensformen vertraut ist. Dieser Fixer hatte lange in Bayern gelebt. Das hatte den Vorteil, dass die Crew nicht über die Sprachbande entweder Englisch oder – vor Ort eher – Russisch arbeiten musste, sondern nur eine „Übersetzungsstation“ hatte.

Kirgistan liegt in Gänze im Tian Shian, dem Himmelsgebirge, das den zentralasiatischen Raum prägt. An den Flug in die Hauptstadt schloss sich eine Reise in die Hochebene an. Hier sollte es zwei Drehorte geben. Einerseits das Winterquartier der Hirten und dann den Zug der Hirten ins Gebirge auf die Sommerwiesen. Von Bischkek aus ging es mit dem Auto nach Naryn im Süden. Von da aus waren es noch mal zweieinhalb Stunden Weg durch das Gebirge, um zur Sommerweide der Hirtenfamilie zu kommen.

Die Reduktion der Ausrüstung war dafür sehr wichtig. Daher schieden leider die von Praus bevorzugten Festbrennweiten aus. „Denn nicht nur die Hirten haben diesen Weg vor sich, auch wir müssen da hoch kommen“, sagt Praus. Hinzu kamen ein Stativ, ein Cinesaddle, eine kleine Drohne und entsprechende Akkus. Um die zu laden, musste das Team alle paar Tage zurück in die nächstgelegene Stadt fahren. Für die Dreharbeiten nutzte Praus eine Canon C300 MkII und das Canon-Zoomobjektiv 24-70 mm. Zusätzlich hatte er für Landschaftsaufnahmen noch ein 200-mm-Objektiv dabei. Um der Schärfe des C300-Sensors entgegenzuwirken, filterte er zudem. Die Serie entstand in 1:1,85, für die Kinoauswertung ist 1:2,39 geplant. Eine der Herausforderungen für das DoP-Team war, für beide Seitenverhältnisse spannend zu kadrieren.

Für DoP Praus stand das Menschliche im Vordergrund, die Figur gibt die Bildsprache vor. Seine Bilder der Hirten, teils bei der Arbeit, teils in den ge- setzten, aber auch spontanen Interviewsituationen, entstanden stets aus dem persönlichen Gespräch heraus. „Es ist wichtig, dass man den Figuren mit Respekt begegnet, man versucht, sie zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus einen Bildraum entwickelt“, so der DoP. Die Abstimmung mit Regisseur und Autor Mark Michel klappte sehr gut, beide haben das gleiche Verständnis von der Verbindung mit den Menschen vor der Kamera.

Da Praus keine Festbrennweiten mitnehmen durfte, nutzte er kurzerhand das Zoomobjektiv, als wären es vier Festbrennweiten. Für ihn ist wichtig, nicht beliebig zwischen den Brennweiten zu springen, sondern sich ganz bewusst für eine zu entscheiden. Daher markierte er sich die Brennweiten 24 mm, 32 mm, 55 mm sowie 70 mm auf dem Objektiv. Wenn er die Brennweite wechselte, machte er bewusst die Kamera einmal aus, um das „Umschalten“ im Kopf zu simulieren, wenn er nicht ohnehin seine Position und Entfernung den Protagonisten gegenüber verändern musste. „Zwischenbrennweiten kamen für mich nicht in Frage“, sagt der DoP. „Und das hat auch völlig ausgereicht.“ [14903]


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