Die TV-Produktion der Weltcup-Nachtrennen in Schladming verlangte präzise Logistik und eingespielte Abläufe. Wir haben beobachtet, wie der ORF das vor Ort umsetzte.
Foto: Creative Art Production
Der Transport der TV-Ausstattung auf die steilen Pisten der Planai erfolgt überwiegend aus der Luft. Für die Produktion in Schladming charterte der ORF einen Lastenhubschrauber des Typs Airbus H125. Start- und Landeplatz war ein als Heliport eingerichtetes Parkdeck an der Bergbahn-Talstation – allerdings nur dann, wenn Wetter und Sichtbedingungen dies zuließen.
Kameras, Objektive, Monitore, Kabeltrommeln und Gerüstmaterial für die Kamerapodeste wurden in Flight Cases verpackt, in Netzen und sogenannten Bigpacks gesichert und per Lasthaken zum jeweiligen Einsatzort geflogen. Zuvor transportierte Euro-TV das Material mit einem Pickup durch das kurvige Parkhaus bis in die obere Etage, wo es für die Flüge vorbereitet wurde.
Die maximale Nutzlast des Hubschraubers lag bei rund 1.050 Kilogramm und war abhängig von Höhe und Temperatur. Entsprechend präzise musste jeder Flug geplant werden. Sobald die Ladung am Haken hing, brachte der Pilot sie zu den vorgesehenen Positionen am Berg, wo Mitarbeitende der TV-Produktion das Material entgegennahmen. Für Auf- und Abbau waren mehrere Flüge notwendig – ein logistischer Aufwand, der fester Bestandteil von Produktionen an der Planai ist.
Auch der Einsatz von Drohnen gehört inzwischen wieder zur TV-Produktion von Wintersportevents. „Nachdem vor etwa zehn Jahren der österreichische Rennläufer Marcel Hirscher während einer Liveübertragung fast von einer großen Kameradrohne getroffen wurde, hat sich viel an der Drohnentechnik getan“, sagt ORF-Technikdirektor Harald Kräuter. Die heute eingesetzten Race-Drohnen seien deutlich kleiner, die Technik ausgereifter und die Pilotinnen und Piloten wesentlich erfahrener.
Nach einem anfänglichen Drohnenverbot durch den Skiverband sei es den beteiligten Firmen gelungen, Vertrauen zurückzugewinnen. Inzwischen sind Drohnenbilder fester Bestandteil der Übertragung. Dabei kommen unterschiedliche Systeme mit klar definierten Aufgaben zum Einsatz. In Schladming wurde unter anderem eine Drohne für ruhige Beauty-Shots genutzt, die gezielt für Schnittbilder und Einspieler eingesetzt werden konnte, weniger als spektakuläres Einzelbild, sondern als ergänzendes Gestaltungsmittel innerhalb der Gesamtbilddramaturgie.
Grafik: ORF
Ein Event, zwei Feeds
Die internationale TV-Produktion des FIS Ski World Cup 2026 in Schladming wurde vom ORF als Host Broadcaster realisiert. Produziert wurde in High Definition 1080i mit Stereo- und 5.1-Mehrkanalton. Beim Riesenslalom kamen 33 Kameras zum Einsatz, beim Slalom 23. Die Bildregie des internationalen World Feeds führte Martin Begusch, die nationale ORF-Regie lag bei Markus Dallinger.
Die Signale des World Feeds wurden per Glasfaser in den Hauptschaltraum des ORF nach Wien übertragen, dort aufbereitet und von dort aus sowohl national verteilt als auch über die Eurovision den internationalen Sendern zur Verfügung gestellt. Die nationale ORF-Produktion griff dabei auf das internationale Bild- und Tonsignal zurück und ergänzte es um eigene Moderationen, Interviews und grafische Elemente. So entstanden aus derselben Infrastruktur zwei unterschiedliche Programme mit jeweils eigener redaktioneller Gewichtung.
Grundlage für den reibungslosen Ablauf der Produktion war eine eng verzahnte Kommunikationsstruktur. Bildregie, Ü-Wagen, Kamerapositionen entlang der Strecke sowie die Presenter- und Redaktionsteams standen über drahtgebundene und drahtlose Interkom-Systeme permanent miteinander in Verbindung. Zum Einsatz kamen Riedel-Artist-Matrizen mit Bolero-Einheiten sowie zusätzliche Funkgeräte. Ergänzend wurde Mobilfunk genutzt. Dafür richtete der Netzbetreiber A1 temporäre Funkzellen im Stadionbereich ein.
Die Tonproduktion erfolgte getrennt für den internationalen und den nationalen Feed. Der internationale Ton wurde in der Tonregie des NEP HD2 gemischt, dies sowohl in Stereo als auch in 5.1 Surround Sound. Mikrofone entlang der Strecke sowie am Start- und Zielbereich lieferten die akustische Grundlage aus Atmo, Ski- und Publikumsgeräuschen. Der Ton der ORF-Moderationen und Kommentatoren wurde in der nationalen Produktion separat gemischt und mit der internationalen Atmo zusammengeführt. So blieb der Charakter der Veranstaltung erhalten, während die nationale Sendung eigene Akzente setzen konnte.
Bildregie unter Zeitdruck
Der eigentliche Gestaltungsraum der internationalen Produktion liegt in der Bildregie. „Eine besondere Herausforderung ist die Bildkomposition“, sagt Regisseur Martin Begusch. „Da die Athleten im Abstand von 30 bis 60 Sekunden starten, müssen die Bilder in dieser kurzen Zeit zu einer zusammenhängenden Geschichte verdichtet werden.“ Neben den eigentlichen Rennläufen gehören dazu auch Startvorbereitungen, Emotionen im Ziel sowie Reaktionen von Trainern und Publikum. Einzelne Einstellungen sind dabei weniger entscheidend als der Rhythmus, in dem sie aufeinander folgen.
Vor Beginn der Übertragung traf sich das gesamte Team zur Regiebesprechung im TV-Compound. Anschließend bezogen Kameraleute und Produktionsteams ihre Positionen entlang der Strecke. Ein letztes Briefing vor Sendebeginn diente zugleich als technischer Line-Check der drahtgebundenen und drahtlosen Interkom-Verbindungen. Die Aufgaben der einzelnen Kamerapositionen sind klar definiert und folgen einer über Jahre entwickelten Bildlogik. Jüngere Kameraleute arbeiten häufig an mobilen Positionen, erfahrenere übernehmen feste Standorte mit hoher Verantwortung für wiederkehrende Schlüsselmotive.
Eine von 29 Kameras in Schladming: die Polecam am Starthaus (Foto: Creative Art Production)
Während des Rennens ist die Bildregie auf die Rückmeldungen der Crew am Berg angewiesen. Wetterumschwünge, sich verändernde Lichtverhältnisse oder vereiste Standorte können geplante Bildfolgen kurzfristig beeinflussen. Entsprechend wichtig ist die Erfahrung der Kameraleute, die auch unter schwierigen Bedingungen stabile Bilder liefern. Bildmeister Thomas Csincsich übersetzte die Vorgaben der Regie live in eine präzise Bildfolge. Dabei reagierte er auf Tempo, Fahrweise und Situationen im Zielraum und hielt gleichzeitig die übergeordnete Dramaturgie vom Start bis ins Ziel im Blick.
Fazit
Die beiden Nachtrennen im Riesenslalom und Slalom des FIS World Cup 2026 in Schladming wurden im ORF und über die Eurovision in einer technisch stabilen und hochwertigen Live-Übertragung ausgestrahlt. Produziert in HD 1080i mit Stereo- und 5.1-Mehrkanalton, zeigte die Übertragung mit 33 Kameras beim Riesenslalom und 23 Kameras beim Slalom eine präzise Bilddramaturgie sowie flimmerfreie Zeitlupen unter Flutlicht. So wurden nicht nur die Läufe der Athleten, sondern auch deren Emotionen im Zielraum und die Reaktionen des Publikums weltweit sichtbar.
Das rund 125-köpfige Produktions-, Redaktions- und Kreativteam des ORF sowie die beteiligten Dienstleister demonstrierten erneut, wie sich ein internationaler Wintersportevent unter anspruchsvollen Bedingungen zuverlässig für Fernsehen und Streaming umsetzen lässt. Für die alpinen Wettbewerbe bei den Olympischen Winterspielen Mailand und Cortina 2026 bedeutet das Kontinuität: In Bildgestaltung und Erzählweise konnten die Zuschauenden keinen Unterschied feststellen. Die Bildregie des World Feeds der alpinen Herrenrennen lag dort erstmals in den Händen von ORF-Chefregisseur Michael Kögler. Der entscheidende Unterschied liegt in der Technik, denn OBS produzierte dort durchgängig in UHD HDR und Dolby Atmos. [15607]