Nachtrennen, Eis und enge Zeitfenster: Wir haben beobachtet, wie der ORF den FIS Ski World Cup 2026 unter anspruchsvollen Bedingungen live produzierte.
Foto: Creative Art Production
Schon tagsüber strahlte die fertig präparierte Piste auf der Planai im hellen Flutlicht, bereit für die Nachtrennen der Herren im Riesenslalom und Slalom beim FIS Ski World Cup 2026 in Schladming. Als viertes „Night Race“-Event dieser Serie stellte die Veranstaltung hohe Anforderungen an Athleten und Live-TV-Produktion. Der Veranstalter hatte mit weiteren Beteiligten eine mobile Lösung mit Masten und mit 108 LED-Leuchtmitteln entwickelt, die eine durchschnittliche Lichtstärke von 1.500 Lux erzielten. Zusätzlich kamen Tageslicht-Scheinwerfer zum Einsatz, die auf mobilen Masten in der Arena aufgestellt oder an Gebäuden installiert waren.
Die Rahmenbedingungen unterstrichen den Charakter der Veranstaltung als Großproduktion. Rund 2.500 Personen waren für die beiden Renntage akkreditiert, etwa 200 freiwillige Helfer arbeiteten täglich auf der Piste. Der Start des Riesenslaloms lag auf 958 Metern Höhe, das Ziel im Stadion auf 744 Metern. Mit einer maximalen Neigung von 52 Prozent zeigte sich die Steilheit der Planai für jene vor Ort deutlich eindrucksvoller als im Fernsehbild.
Erschwert wurden die organisatorischen wie sportlichen Bedingungen durch den Wetterverlauf. Nachdem die Sonne tagsüber bei blauem Himmel die Schneeoberfläche angetaut hatte, gefror die Piste am Nachmittag bei fallenden Temperaturen wieder. Die vereiste Oberfläche glänzte im Flutlicht und prägte den Charakter der Läufe. Mehrere Athleten sprachen später von den eisigsten Rennen in der Geschichte des Weltcups. Rund 15.000 Zuschauer verfolgten den Riesenslalom vor Ort, beim Slalom am Folgetag waren es etwa 22.500.
TV-Compound im Bergbahn-Parkhaus
Während der ORF am Wochenende zuvor die Übertragung von Abfahrt und Slalom in Kitzbühel mit einem eigenen Ü-Wagen realisiert hatte, lief parallel bereits der Aufbau für die Nachtrennen in Schladming. Aufgrund der kurzen Umsetzzeit zwischen den Veranstaltungen war es nicht möglich, einen ORF-eigenen Ü-Wagen hier einzusetzen. Für die nationale Produktion beauftragte der ORF daher den österreichischen TV-Dienstleister Euro-TV, der mit dem Ü-Wagen MSC-3 nach Schladming kam.
Der Wagen war mit insgesamt zwölf Sony HDC-3500 Kameras ausgestattet, ergänzt durch zwei Sony HDC-4300 für Super-Slow-Motion-Aufnahmen sowie eine drahtlos betriebene Sony HDC-1500. Die Bildmischung erfolgte über einen FOR-A HVS-2000, vier EVS-Controller wurden von zwei Operatoren bedient. Für den Ton kam ein Lawo MC²36 zum Einsatz, mit dem sowohl Stereo als auch 5.1-Surround produziert werden konnten.
Die Kommunikation lief über ein Riedel-Artist-Intercom-System mit Bolero-Einheiten sowie ergänzend über Sprechfunkgeräte. Euro-TV richtete zudem die ORF-Presenterposition im Stadion sowie das ORF-Studio im zweiten Obergeschoss des Verwaltungsgebäudes der Bergbahnen ein. Das umfasste Kameratechnik, Ton, Interkom, Monitoring und Beleuchtung.
Die Bildregie im MPU3-Ü-Wagen von Euro-TV (Foto: Creative Art Production)
Die internationale TV-Produktion des ORF als Host Broadcaster realisierte der Dienstleister NEP mit dem Ü-Wagen HD2 aus München. Zum Einsatz kamen insgesamt 30 Grass-Valley-Kameras LDX 86N, ergänzt durch weitere HD- und Spezialkameras. Die Signale wurden IP-basiert über SMPTE-2110-Infrastruktur geführt und in der Bildregie über einen Grass Valley Kayenne Vision Mixer verarbeitet. Für Zeitlupen und Highlight-Bearbeitung standen mehrere EVS-Server zur Verfügung, die von einem eigenen Operator-Team bedient wurden.
Die Audioregie des internationalen Feeds war in einem separaten Raum untergebracht und mit einem Lawo mc²66 ausgestattet. Die Mischung erfolgte in Stereo und 5.1-Surround, das Monitoring über Genelec-Lautsprecher.
Eine besondere Herausforderung stellte die räumliche Situation dar: Sämtliche Ü-Wagen, Rüstfahrzeuge, Container und technische Einheiten mussten im Erdgeschoss unter dem Parkhaus der Bergbahn-Talstation zwischen den Stützen positioniert werden. Das erforderte eine zentimetergenaue Planung und Umsetzung.
Klare Strukturen
Die enge Taktung zwischen den Weltcup-Rennen in Kitzbühel und Schladming stellte Technik und Personal zwar vor besondere Herausforderungen, ist aber für das ORF nichts Ungewöhnliches. „Der kurze Abstand zwischen Abbau und erneutem Aufbau ist jedes Jahr eine der größten logistischen Aufgaben“, sagt ORF-Technikdirektor Harald Kräuter. Während in Kitzbühel noch produziert wurde, begann in Schladming bereits der Aufbau mit den externen Dienstleistern.
Grundsätzlich beginnt die Detailplanung der Wintersportübertragungen beim ORF früh. Bereits im April werden Termine, Personalbedarf und technische Ressourcen für den kommenden Winter festgelegt. Pro Saison realisiert der ORF rund 15 Wintersportproduktionen. „Eine Herausforderung bleibt dabei immer, dass sich der Rennkalender kurzfristig verschieben kann und parallel andere Großereignisse um Material und Personal konkurrieren“, so Kräuter. Aktuell sind zehn Produktionsleiterinnen und Produktionsleiter für alle Produktionen des ORF zuständig.
Die technische Infrastruktur in Schladming erleichtert solche Produktionen. Sie geht auf die Ski-Weltmeisterschaft 2013 zurück und verbindet sämtliche Kamerapositionen über Glasfaserleitungen mit der Talstation. „Alle Signale laufen in einem Technikraum unter dem Parkhaus zusammen und können von dort direkt an die Ü-Wagen angebunden werden“, erläutert Kräuter. Diese feste Infrastruktur ist eine der Voraussetzungen für die IP-basierte Signalverteilung nach SMPTE 2110, wie sie beim internationalen World Feed zum Einsatz kam.
Nach jeder Wintersaison werden die Produktionen intern ausgewertet. „In diesen Nachbesprechungen entscheiden wir, wo wir Abläufe optimieren oder Kamerapositionen anpassen“, erklärt Kräuter. Die personelle Besetzung folgt dabei einem klaren Prinzip: Schlüsselpositionen werden intern oder mit langjährigen Partnern besetzt, ergänzende Funktionen extern vergeben. „Wir wissen, wie es geht, lassen uns aber gerne unterstützen. Entscheidend ist das richtige Verhältnis“, ergänzt Karl Nöbauer, Leiter des multimedialen Produktionsbetriebs beim ORF. Neben Organisation und Technik spielen äußere Einflüsse eine zentrale Rolle. LED-Banden können bei Zeitlupen problematisch sein, Stromausfälle gehören zu den Worst-Case-Szenarien. In Schladming stand deshalb ein leistungsstarkes Notstromaggregat bereit.
Mit Blick nach vorn denkt der ORF bereits über neue Produktionsmodelle nach. Für das nationale Signal könnten künftig Teile der Produktion ausgelagert werden. „Perspektivisch ist denkbar, Kamera- und Tonsignale per SMPTE 2110 direkt nach Wien zu übertragen und Bild- sowie Tonmischung dort zu realisieren“, sagt Technikdirektor Kräuter. Auch Schnitt und Zeitlupenbearbeitung könnten dann remote erfolgen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Streaming-Angeboten: Während im linearen Fernsehen aus Zeitgründen nicht immer alle Läufe vollständig gezeigt werden können, bietet der Stream den kompletten Wettbewerb inklusive Vor- und Nachberichterstattung. [15607]