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Editor Sebastian Thümler im „Hinter der Kamera“-Podcast

„Ich will schneiden!“

In unserer Ausgabe 4.2021 war Editor Sebastian Thümler zu Gast im Podcast „Hinter der Kamera“ von Timo Landsiedel. Für Regisseur Özgür Yildirim montierte er „Chiko“, „Boy 7“ und „Nur Gott kann mich richten“, für Max Zähle „Schrotten!“ – doch seine szenischen Anfänge liegen bei der Kinderserie „Die Pfefferkörner“. Im Podcastgespräch erzählt er, wann sein Berufswunsch feststand, wie die Zusammenarbeit mit Özgür Yildirim aussieht und wie er seine Projekte angeht.

Sebastian Thümler hat eine höchst vielseitige Liste an Genres und Formaten in seiner Vita. Das ist ungewöhnlich in einer Branche, die sehr gerne die immer gleichen Leute für die immer gleichen Aufgaben engagiert. Deshalb spricht Vielseitigkeit üblicherweise für die Karriere eines Quereinsteigers. Der ist Thümler aber nicht. Er bezeichnet seinen Berufsweg eher als geradlinig. Mit 15 macht er sein Schülerpraktikum bei der Studio-Hamburg-Tochter Deutsche Wochenschau. Er durchläuft verschiedene Stationen, das Produktionsbüro, natürlich das Set und auch den Schneide- raum, wo alte Wochenschauberichte zusammengeschnitten werden. Thümler schwärmt heute noch von der Atmosphäre mit den großen Umrolltellern, den 35-mm-Rollen und den weißen Handschuhen. „Das war ein Ort, an dem ich mich von Anfang an total wohl gefühlt habe“, sagt der Editor. „Hier würde ich gerne weiterarbeiten.“

Assistentendasein

Nach Schule und Zivildienst ging er ein halbes Jahr ins Ausland und suchte danach erneut nach einem Weg, beim Film einzusteigen. Die ersten Möglichkeiten boten sich ihm als Aufnahmeleitungspraktikant am Set. Thümler scherzt heute darüber, dass er sich für die Aufnahmeleitung als denkbar ungeeignet erwies. Schnell sehnte er sich nach der Ruhe und Konzentration des Schneideraums. Also nahm sich Thümler die Gelben Seiten und telefonierte sehr viele Hamburger Produktionsfirmen durch. Nach ersten Praktika verschlug es ihn zur Werbepostproduktion VCC: „Hier habe ich ein Jahr lang viel über das Assistentendasein gelernt, sehr viel über Videotechnik – und über Werber“, sagt Thümler. „Das war auch das erste Mal, wo mir Leute gesagt haben: ,Du machst das gut!‘“ Nach Feierabend brachte sich der Editor das Avid-Schnitt- system selbst bei. Damals, Anfang der 1990er Jahre, war der heutige Standard gerade im Aufkommen begriffen.

Bei VCC stellte man ihm in Aussicht, unbefristet übernommen zu werden und schnell auch selbst als Editor Werbung schneiden zu dürfen. „Das habe ich dankend abgelehnt, um beim Norddeutschen Rundfunk ein Schnittassistenten-Volontariat zu machen.“ Denn er wollte zum szenischen Film. Der NDR bildete die Schnittassistenten darin aus, in den 16- und 35- mm-Schneideräumen die Massen aus Filmmaterial zu sortieren und für die Editoren vorzubereiten. „Das war natürlich keine künstlerische Ausbildung“, betont Sebastian Thümler. Aber es festigte sich die Erkenntnis: „Ich will schneiden! Und zwar Filme!“

Noch während des Volontariats begann Thümler deshalb beim von Hark Bohm geleiteten Aufbaustudiengang Film, die Studentenfilme zu vertonen und später auch zu schneiden. Das Studium, das 2004 in die HMS aufging, dauerte zwei Jahre bis zum Magister und Thümler begleitete über die Jahre hinweg mehrere Jahrgänge. „Das ist eigentlich der Ort, wo ich Filme schneiden gelernt habe“, sagt Sebastian Thümler, „wo ich meine kreative Ausbildung bekommen habe, bei Hark Bohm in den Abnahmen der Studentenfilme.“ 2002 sollte er an den Studiengang zurückkehren. Diesmal sogar als Dozent, was er bis heute an der HMS ist.

Straight geschnitten, nah an der Hauptfigur Chiko (Dennis Mischitto): Wenn Brownie (Moritz Bleibtreu) auf Chiko zielt, zielt er auf uns als Zuschauer.

Dramaturgie

Thümler sagt, dass ihn der dramaturgische Ansatz von Hark Bohm sehr stark in seiner Schnittarbeit geprägt hat. Bohm war Anhänger einer sehr klaren, in den 1990er Jahren vom amerikanischen Kino geprägten dramatischen Struktur. „Für ihn war alles, was der filmischen Gestaltung diente, der Dramaturgie unterworfen“, so Thümler. „Für ihn war ganz klar: Wir machen eine ganz bestimmte Art von Filmen hier und keine andere.“ Das war Character Driven Drama, also von den Figuren getriebene Stoffe. Ein Held hat ein Ziel und dem steht ein Hindernis im Weg. Das sieht man auch jedem Filmstudium-Film dieser Zeit an. „Das war das Dogma von Hark Bohm, das habe ich da eingeatmet und das hat mich sehr geprägt“, so der Editor. In den Folgejahren setzte er sich intensiv mit dramaturgischen Konzepten auseinander und berät bis heute bei der dramaturgischen Arbeit an einem Stoff. Thümler sieht die Tätigkeit des Editings nicht nur darin, tolle Montagen oder aufregende Schnitte abzuliefern, sondern vor allem darin sicherzustellen, dass es ein toller Film wird. Und oft bedeute das, die Dramaturgie im Schneideraum noch einmal zu schärfen.

Aber nicht jede Drehbuchtheorie eignet sich für die direkte Anwendung in der Montage. Thümler empfiehlt deshalb Robert McKees „Story“. McKee stellt darin das Modell vor, dass Szenen aus Beats aufgebaut sind. Beats sind darin die Elemente, in der sich die emotionale Haltung der Figur ändert. In jeder Szene oder Sequenz in einem Film sollten die Figuren sich am Ende anders fühlen als zu Beginn – von Freude zu Trauer, von Liebe zu Hass. Und durch das Betrachten der emotionalen Wandlungen der Figuren fühlen wir als Zuschauer, was die Figur fühlt. Gibt es eine Szene ohne Beats, kann sie dieser Theorie zufolge aus dem Film geschnitten werden, ohne dass etwas fehlt. „Das ist ein sehr rigides, aber sehr unterhaltsames Konzept“, ist sich Thümler sicher.

Der Editor empfindet dieses Modell als äußerst hilfreich für die Dramaturgie der Montage. Den Moment, wenn eine Figur ihre Haltung ändert, kann er im Schnitt sichtbar machen. „Und dass ich diese Beats, wenn sie vielleicht gar nicht da sind, kreieren kann und kreieren muss, weil es das ist, was man will, ist eine wahnsinnig hilfreiche Erkenntnis, um intellektuell seinen Schnittprozess zu führen oder zu verbessern.“ Vor allem bietet das Modell einen guten Ansatz, wie man Szenen, die nicht funktionieren, überprüfen kann. Für Thümler sind viele Szenen voller unterschiedlicher Ansätze, Figurengefühle und Rhythmen, allein schon, weil viele Figuren darin vorkommen. „Der Zuschauer kann das nicht alles gleichzeitig fühlen“, sagt Thümler. „Es ist die Aufgabe des Schnitts, das zu dirigieren: Wann verbinde ich mich emotional mit welcher Figur? Wir gestalten im Schneideraum ein emotionales Erlebnis.“ Dieser dramaturgische Ansatz McKees korrespondiert sehr stark mit dem Zuschauer, was auch Hark Bohm sehr wichtig war. [14421]

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