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Editorin aus Berlin

Drei Fragen an Julia Oehring

In der Rubrik “Drei Fragen an” stellen wir in jedem Heft eine Filmschaffende oder einen Filmschaffenden mit drei kurzen Fragen zu Arbeitsschwerpunkt, beruflichem Engagement und Freizeit vor! In unserer Ausgabe 12.2021 hat die Editorin Julia Oehring erzählt, wieso Film dreimal entsteht und warum für sie beim Schnitt Sympathie und Vertrauen wichtig sind.

Die Editorin Julia Oehring an ihrem Schnittplatz
(Foto: privat)

1. Was ist dein Arbeitsschwerpunkt?
Als Editorin bin ich sowohl im Bereich Spielfilm als auch Dokumentarfilm tätig. Insbesondre bei fiktionalen Formaten entsteht bereits drehbegleitend der erste Rohschnitt. Diese Arbeitsweise bietet die Möglichkeit zur unmittelbaren Rückmeldung an die anderen Gewerke am Set: fehlende Einstellungen für eine Szene, Anschlüsse, die es zu beachten gilt, wenn der Dreh einer Szene an einem anderen Tag fortgesetzt wird, Originaltöne die für die spätere Bearbeitung aufgenommen werden müssen, Layouts für visuelle Effekte und vieles mehr.

Obwohl ich so gut wie nie am Set bin, ist die Kommunikation mit Produktion, Regie und Kamera während der Drehzeit neben dem Schneiden ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Die erste Schnittfassung erarbeite ich allein und habe dabei großen Gestaltungsspielraum. Ich treffe im Material bereits meine Auswahl und bringe die zahlreichen Einstellungen in eine Szenendramaturgie. Da Bild, Ton und Musik im Schnitt gleichzeitig bearbeitet werden, lege ich bereits ein Ton- und Musiklayout an. Sobald der erste Rohschnitt steht, folgt die intensive Zeit des Feinschnitts mit der Regie. Das Material wird nochmals überprüft, neue Ideen ins Spiel gebracht und Lösungen für technische oder dramaturgische Probleme gesucht. Gegenseitige Sympathie und Vertrauen sind wichtige Voraussetzungen für eine gute Kollaboration von Regie und Schnitt. Deshalb bestehen hier oft Achsen der Zusammenarbeit, die schon über Jahre und Jahrzehnte andauern.

Am Filmschnitt fasziniert mich die subtile Art des Erzählens. Bewegtes Bild und Ton treten in Interaktion und entfalten dabei ein einzigartiges Zusammenspiel. Ein guter Schnitt erfordert viel Präzision, ein visuelles Gedächtnis, Musikalität, Rhythmusgefühl und Timing – aber auch die Fähigkeit zu Empathie, um das Rohmaterial in emotionalen Bögen zu einer organischen Einheit von Ästhetik und Dramaturgie zu formen. Im Schnitt wird die Arbeit aller Gewerke wieder zusammengeführt. Es ist eine große Freude und auch Verantwortung, daraus einen fesselnden Film entstehen zu lassen. Ein berühmtes Zitat von Alfred Hitchcock lautet: Film entsteht dreimal: Als Buch, beim Dreh und im Schneideraum.

2. Bist du in einem Verband aktiv?
Ermuntert von meiner damaligen Schnittmeisterin bin schon als Assistentin Mitte der 1990er Jahre Mitglied im BFS geworden. Aber erst viele Jahre später habe ich mich aktiv im Verband engagiert. Für zwei Amtszeiten habe ich mich 2016 bis 2020 in den Vorstand wählen lassen. Mit der Einführung einer hauptamtlichen Geschäftsführung 2016 hat sich der Verband professionalisiert. Seitdem haben wir viel erreicht: Die Zahl der Mitglieder hat sich mehr als verdoppelt, wir haben viele Verhandlungen angeschoben und teilweise zu sehr erfolgreichen Abschlüssen gebracht. Der BFS ist zu einem der stärksten Verbände der Branche geworden und in allen wichtigen Gremien vertreten.

Berufsverbände als Interessengemeinschaft jenseits von Gewerkschaften sind wichtige Plattformen für den solidarischen Austausch unter den Kollegen, haben aber auch ihre Funktion für die Kommunikation nach außen. Das betrifft branchenpolitische Gremien genauso wie die Verbände anderer Gewerke. In der Filmbranche hat es in den letzten 20 Jahren durch Arbeitsmarktreformen, Digitalisierung und neue Medien enorme Umbrüche gegeben. Besonders im Filmschnitt sind die Tätigkeitsfelder heterogener geworden. Viele neue Fragen zu Abrechnungsmodellen, Urheberrechten und Vergütungen tauchen auf. Um sich ihnen zu stellen, sind die Strukturen und Netzwerke eines Berufsverbandes von unschätzbarem Wert.

Ein Verband muss aber durch aktive Mitglieder belebt werden, damit er stark ist. Von meinen Jahren im Vorstand habe ich auf ganz unterschiedliche Weise sehr profitiert. Sie haben mich politisch gebildet und bei allen Kontroversen, die ein solches Amt mit sich bringt, eine große Solidarität erfahren lassen. Meine Vorstandstätigkeit habe ich nach vier Jahren aufgegeben, weil ich dran glaube, dass wechselnde Persönlichkeiten die Verbandsarbeit beleben. Durch mein Engagement in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften bin ich aber aktives Mitglied geblieben.

3. Wofür schlägt dein Herz außerhalb der Arbeit?
Neben der Arbeit schlägt mein Herz für meine Familie und die Musik. Klassische Musik begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Ich habe im Alter von neun Jahren angefangen Violine zu spielen, wenig später auch Klavier. In meiner Jugend habe ich sehr intensiv geübt, in Orchestern gespielt und Kammermusik gemacht. Später habe ich mich dann gegen eine Laufbahn als professionelle Musikerin entschieden. Aber die Leidenschaft ist geblieben und wann immer ich Zeit und Gelegenheit finde, nutze ich sie zum Üben und gemeinsamen Musizieren. [14951]

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