Flexible Technik, Allrounder in der Crew und eigens entwickelte Systeme sorgen dafür, dass auf den Aida-Kreuzfahrtschiffen Broadcast auch auf hoher See reibungslos funktioniert.
Foto: Timo Landsiedel
Im Studio X sind die Studiokameras an strategischen Punkten positioniert, um viele mögliche Show-Konstellationen bespielen zu können. Zwei schauen auf Telemetrics-Tracks links und rechts neben der LED-Wand in Richtung Publikum. Weitere zwei befinden sich auf der linken und rechten Seite der Tribüne auf halber Höhe der Zuschauersitze. Hinzu kommt eine URSA auf einem vertikal fahrbaren Kamera-Tower mitten über dem Publikum. Die sechste Kamera schließlich fährt direkt vor dem FOH auf einem horizontalen Track.
FOH steht für „Front of House“ und bezeichnet in der Veranstaltungsszene die Licht- und Audiotechnikzentrale. Hier im Studio X wird der Ton abgemischt und an die Regie geschickt, aber auch die manuell gefahrene Lichtsteuerung passiert hier. Showlicht für Produktionen wie „Wer wird Millionär?“ wird in der Regie über die Showsoftware gefahren. Auch der Theatrium-Ton wird direkt im FOH dieser Venue gemischt und kommt als Signal im Broadcast Center an. Das gilt auch für die Veranstaltungsfläche im Beach Club, die jedoch im Gegensatz zu Theatrium und Studio X nicht in täglicher Dauernutzung ist.
Zusätzlich zu den fünf Kameras im Theatrium und den sieben Kameras im Studio X gibt es zwei für den mobilen Einsatz aufgeriggte Einheiten. Auch hier sind Blackmagic Design URSA G2 mit Fujinon-Objektiven im Einsatz. Diese können mit Easy-Rig oder Stativ überall an Bord eingesetzt werden – und zwar wie eine Studiokamera.
Möglich machen dies über 50 Camera Connection Fields, die überall auf AIDAcosma verbaut sind. Ein mobiles Rack mit der erforderlichen Technik im 4HE-Rack und Hartschalen-Case mit Rollen kann an jeden dieser 50 Orte gebracht werden und liefert die Verbindung zu Glasfaser und Stromanschluss. Es bietet zusätzlich Intercom-Antenne, Wireless-Video und vier SDI-Ein- und Ausgänge. Somit lassen sich die mobilen Einheiten direkt in die Senderegie einspeisen und können von dort wie eine Studiokamera kontrolliert werden.
Flexibilität fängt für Steffen Bachmann nicht erst im Operativen an. Der Broadcast-Manager plant alles so, dass es einerseits durchweg kompatibel ist und auch im laufenden Betrieb umgerüstet werden kann. „Wir versuchen immer etwas zu optimieren“, sagt Bachmann. „Wir bleiben nie stehen. Wir haben immer diesen Antrieb: Okay, wir möchten das noch verbessern.“
Im Studio X FOH wird der Ton gemischt und in die Senderegie geschickt. (Foto: Timo Landsiedel)
Hier ist Bachmann auf Feedback von seiner Crew angewiesen, die im täglichen Geschäft die Medientechnik einsetzt. „Egal, was sich meine Kollegen ausdenken, ich muss es technisch lösen“, so der Broadcast-Manager. „Also muss ich dafür sorgen, dass wir so flexibel in der Technik sind, dass wir alles möglich machen können.“ Die Einsatzformen und Formate auf AIDAcosma und AIDAnova sind ständig im Fluss.
Beschränkungen gibt es insofern, dass Bachmann seinen Bereich immer in der Dienstleistung für das große Ganze sieht. „Wir sind kein Fernsehsender“, sagt Steffen Bachmann. „Wir sind eine professionelle Kreuzfahrtsreederei, die ihren Gästen ein schönes Erlebnis bieten möchte.“
TV-Crew
Die „AIDA Prime Time mit Olli“ ist mittlerweile zu Ende. Jetzt laufen die Vorbereitungen für die darauf folgende Sendung im Studio X, die „Upgrade Show“. Hier können die Gäste Upgrades für ihre Reise gewinnen, wie beispielsweise ein Getränkepaket.
Die Hierarchien sind flach. „Viele unserer Leute sind Allrounder“, sagt Steffen Bachmann. „Wenn man sich ausprobieren möchte, dann ist das auch möglich.“ Das ist übrigens auch ein Grund für die stark standardisierte Software und Hardware innerhalb der gesamten AIDA-Flotte: „Die Leute sollen sich auf den Inhalt konzentrieren, nicht auf die Technik.“ Die Fähigkeiten müssen im Team gut verteilt sein. Spezialisten wie in der klassischen Broadcastproduktion erlaubt die Produktion auf hoher See nicht.
An Bord arbeiten die Crewmitglieder in einer Sieben-Tage-Woche. Das ist arbeitsrechtlich geregelt. Die Arbeits- und Ruhezeiten richten sich nach den internationalen Standards der Maritime Labour Convention. Für die Freizeit ihrer Crews bietet die AIDA-Flotte zahlreiche Optionen. Einerseits gibt es exklusiv der Crew vorbehaltenen Angebote, wie eine eigene Bar und ein eigener Club, andererseits können zahlreiche der Gastangebote auch von der Crew genutzt werden, wie etwa der Fitnessbereich oder auch die Landgänge.
Zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für die Bild- und Medien-Produktion auf der AIDAcosma tätig, neun davon für die Live-Produktion. Die Rollen reichen vom TV-Studio-Manager und Broadcast-Supervisor über Bildmischer und Kamera-Operatoren bis hin zum Show-Supervisor, der die Inhalte vorbereitet und Regie während der Gameshows führt. Hinzu kommen Moderation, Aufnahmeleitung, die im Studio auch als Warm-Upper fungiert, sowie Licht- und Tontechnik. Zusätzlich gibt es noch ein Reisefilm-Team, das aus Autor/Regisseur, 1st TV-Operator sowie 2nd TV-Operator für Kamera und Ton besteht. Im Broadcast Center stehen zwei Schnittsuiten bereit, wo ein Reisefilm produziert wird, der am Ende der Reise an die Gäste verkauft werden kann.
Eigene Lösungen
Neben dem Showformat „Wer wird Millionär?“ kommen weitere Formate in offizieller Lizenz zum Einsatz. Für Gameshows bei großen Fernsehsendern werden oft hochkomplexe Soft- und Hardwarelösungen entwickelt, die dann nicht nur Fragen und Antworten in Grafiken auf den Bildschirm spielen, sondern auch dazu passende Soundkulissen sowie Lichtabläufe steuern. Das ist personell und vom Aufwand her an Bord nicht abbildbar.
Bei den meisten Showformaten ist eine Studiopumpe live im Einsatz, samt Teleprompter für die Moderation. (Foto: Timo Landsiedel)
„Daher haben wir eine eigene Gameshow-Hardware und -Software, weil wir viele verschiedene Shows machen und uns nicht auf viele unterschiedliche Systeme einstellen möchten“, erklärt der Manager. AIDA Cruises ging daher auf die Suche nach einem Partner, der eine Gesamtlösung für das kleine Broadcast-Team der AIDA-Schiffe umsetzen kann. In Berlin stieß die Reederei auf die EasyCube GmbH. Deren Showrechner-App steuert über eine Blackmagic Design Decklink-Karte das SDI-Signal. Die Software ist als Weboberfläche programmiert und kann von jedem anderen Rechner angesteuert werden.
In den Abläufen in der Regie hilft eine durch Humphrey Hoch von Broadcast Solutions entwickelte Steuerungsplattform namens HI – Human Interface. Diese nutzt Tags als Organisationseinheiten und kann als browserbasiertes Steuerungssystem über eine intuitive Oberfläche sämtliche Gerätschaften im Regieraum verwalten.
Ohnehin sind für Bachmann Remotelösungen und Monitoring sehr wichtig. Selbst wenn er auf einem anderen Schiff mitfährt, im Rostocker Hauptquartier zu Besuch ist oder an seinem Schreibtisch in Hamburg sitzt, kann er auf alle relevanten Lösungen zugreifen, was ihm Monitoring und Fernwartung der Technik erlaubt. Das soll in Zukunft noch weiter ausgebaut werden, um zum Beispiel am Stromverbrauch eines Geräts erkennen zu können, ob dieses in naher Zukunft ausgetauscht werden muss. So kann dann das Austauschteil schon bestellt und an Bord gebracht werden, bevor es zur Havarie kommt.
Es ist schon nach 22 Uhr, die Shows sind vorbei, das Publikum verlässt gut gelaunt das Studio X. Steffen Bachmann wendet sich nochmal an alle, die in der Regie gerade für den nächsten Tag aufräumen. „Wenn Ihr Euren Arbeitsplatz umgestalten könntet, was würdet Ihr Euch wünschen?“ Ein kurzes Brainstorming folgt. Die Crew diskutiert auf Augenhöhe, wirft Ideen hin und her. Nach zehn Minuten steht die Idee, die Regie zweireihig aufzubauen, um bestimmte Plätze zu entlasten. Das wird Bachmann jetzt gedanklich durchspielen – doch leider nicht unter der Sonne Madeiras, wo die AIDAcosma in wenigen Stunden vor Anker gehen wird, sondern zurück im immer noch verschneiten Hamburg. [15608]
Quizshow mit Meerblick – Broadcastproduktion auf der AIDAcosma