So baut Broadcast Solutions TV-Studios in Kreuzfahrtschiffe
Broadcast zur See
von Timo Landsiedel,
Broadcast Solutions aus Bingen am Rhein integrierte für AIDA Cruises auf den Kreuzfahrtschiffen AIDA nova und AIDA cosma zwei vollwertige TV-Studios. Humphrey Hoch, Co-CTO des Unternehmens, hat für unsere Ausgabe 02.2026 die besonderen Herausforderungen erläutert.
Foto: Steffen Bachmann
Humphrey Hoch ist Senior Director Innovation and Technology und seit Anfang Mai auch Co-CTO bei Broadcast Solutions. Seit 2018 ist er in dem Unternehmen tätig und hat dort das „hi human interface“ Steuersystem mitentwickelt, das auch auf der AIDA-Flotte zum Einsatz kommt. Broadcast Solutions übernahm auf AIDA cosma die gesamte Systemintegration von der ersten Schraube bis zum fertigen Studio und begleitete die Umsetzung auf AIDA nova. Zusammen mit dem Media & Broadcast Manager Steffen Bachmann von AIDA Cruises schufen Hoch und sein Team auf den beiden Schiffen zwei TV-Studios mit LED-Wänden, über 300 Sitzplätzen, sieben Blackmagic-URSA-Kameras und zwei Regieräumen samt Serverphalanx.
Herr Hoch, was war Ihr erster Gedanke, als Sie hörten: Es soll ein voll ausgestattetes TV-Studio auf ein Schiff gebaut werden? Das war mir anfangs gar nicht so wirklich klar. Ich war erst ein bisschen überrascht und dann ein zweites Mal überrascht, als Steffen Bachmann sagte, dass dort auch große Produktionen stattfinden, die man aus dem privaten Fernsehen kennt, wie „Wer wird Millionär?“ Ich fand interessant, dass eine eigene Fernsehlandschaft an Bord stattfindet.
Auch die Kombination aus Pro-AV und professionellem Video-Equipment ist eine spannende Lösung. Im Prinzip war die Aufgabe die möglichst komplikationslose Integration und auch Dokumentation. Das ist ein wichtiger Punkt, weil das Personal an Bord ja auch damit arbeiten können muss. Das ist nicht mal eben schnell erreicht: Wenn das Schiff auf See ist, müssen sich die Leute auch selbst helfen können.
Wie sind Sie intern das Projekt angegangen? Wie reagierten Sie auf die sehr langwierige Planung des Schiffes? Tatsächlich mussten wir am Anfang dazulernen. Wir haben in der Vergangenheit überwiegend Ü-Wagen gebaut, die bei uns in der Firma gefertigt werden. Wenn man da etwas vergessen hat, ist man ins Lager gegangen, hat es geholt und konnte es einbauen. Auf den Schiffen ist das etwas anders. Die stehen in der Werft. Man hat schwierige Zugänge zum Material. Also muss man im Vorfeld gut überlegen: Was brauche ich vor Ort? Welche Gewerke kommen dazu?
Humphrey Hoch HOCH, Co-CTO von Broadcast Solutions (Foto: Broadcast Solutions)
Ein weiterer Punkt: An manche Kabelwege kommt man im Nachgang gar nicht mehr heran. Die werden beim Bau des Schiffes mit eingeführt oder verlegt, zum Beispiel die Glasfaserverbindungen. Da muss man eher auf Nummer sicher gehen, vielleicht auch mal ein Kabel mehr planen, weil man später keine Chance mehr hat. Das ist ein massiver Unterschied. Ansonsten ist die Technik, die dort verwendet wird, Technik, die wir auch in Übertragungswagen verwenden. Zusammen mit Blackmagic Design konnten wir hier eine leistungsfähige und zugleich wirtschaftliche Lösung umsetzen. Die Komponenten gelten im Broadcast-Markt eher als preisgünstig, liefern aber dennoch professionelle Ergebnisse.
Wie gehen Sie intern an ein Projekt dieser Größenordnung heran? Im ersten Schritt ist es natürlich ein Design-Gespräch mit dem Kunden: Was möchte er haben? Dazu gibt es den ein oder anderen Vorschlag auch von uns als Systemintegrator. Dann wird geschaut, ob das Budget die Lösung hergibt. Dann fängt man konkret nach den ersten Gesprächen an, das System zu designen und zu planen, natürlich auch mit Zeitplan, weil das bei Schiffen immer ein eng getaktetes Ergebnis ist. Auf so einem Schiff arbeiten extrem viele Gewerke zeitgleich, die entsprechend terminiert werden müssen. Dann haben wir auch einen Factory Acceptance Test gemacht, also das Gesamtsystem vorher noch einmal in der Halle geprüft, bevor es aufs Schiff kam. Und dann ging es ans Bauen.
Was war der größte Unterschied zum Ü-Wagen? Das war tatsächlich die Abstimmung der einzelnen Gewerke. Das ist ja nicht nur ein Schiff, da entsteht gerade eine komplette Stadt. Hinzu kommen die Koordinationsaufgaben. Das Bauen selbst war relativ identisch zu einem Ü-Wagen: Man hat im Prinzip einen Korpus, in den etwas eingebaut wird. Technisch ist ein BNC-Kabel hier ein BNC-Kabel dort. Auch die Netzwerktechnik ist im Prinzip dieselbe. Natürlich muss das System mit den Netzwerk- und IT-Administrationen koordiniert werden, die dort entsprechend wichtig sind, weil sie für die gesamte Netzwerktechnik des Schiffes zuständig sind. Aber das Leben an Bord auf dem Schiff in dem Moment, das ist eine schöne Erfahrung. Man lebt da so ein bisschen auf seiner eigenen Insel. Das ist der Hauptunterschied.
Welche Abstimmungen waren während des Bauprozesses besonders wichtig? Oft sind es einfach Abhängigkeiten, die entstehen, weil gewisse Gewerke von anderen Zulieferern mit aufgebaut werden. Bei einem Ü-Wagen sind wir als Broadcast Solutions General-Systemintegrator. Da haben wir faktisch alles in der Hand. Was wir innerhalb der Firma zwischen Mechanik, Netzwerk sowie Video- und Audioplanung machen, waren hier teilweise Fremdgewerke, bei denen man über die Werft kommunizieren musste. Das ist etwas mehr Handling und bringt zeitliche Aspekte mit sich, die man einplanen muss. Vom reinen Abarbeiten her ist es weitgehend identisch.
Kabelstrecken müssen früh geplant und feuergeschützt verbaut werden. (Foto: Broadcast Solutions)
Was war das größte Learning? So ein Schiff verschränkt sich massiv. Das muss man bei den einzelnen Kabelwegen berücksichtigen. Und es gibt Brandsicherungen beziehungsweise Brandabschottungen, die ordentlich geschlossen werden müssen. Das ist im Ü-Wagen natürlich nicht so. Entsprechend gibt es umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen, damit an Bord alles möglichst sicher bleibt. Auch das haben wir gelernt. Entscheidend sind vorausschauende Planung und im Zweifel lieber ein Kabel mehr. Nachträgliche Änderungen werden auf einem Schiff schnell teuer.
Haben Sie in der Planung speziell darauf reagiert, dass nicht 20 bis 30 Leute das Studio fahren, sondern eher, wie die personelle Ausstattung eines Ü-Wagens ist? Da war „hi human interface“ natürlich auch ein Element, mit dem man den Leuten die Bedienung vereinfacht. Statt vorher in sämtliche Software-Module der Hersteller hineingehen zu müssen, haben wir das mit dem „hi“-Steuersystem vereinfacht und dort eine gemeinsame Oberfläche eingebracht. Darüber kann man die Kamera-Szenen, die Kamerazuweisungen und die Drahtloskameras, die über das Schiff verteilt sind, über das Laden von Snapshots oder Produktions-Setups schnell und einfach aufrufen. Das Ganze macht man dann entsprechend für jeden bedienbar. Da spielt „hi“ eine große Rolle. Das gesamte Konstrukt ist auch so gebaut: einfach, ausfallsicher.
Wie funktioniert das „hi“-System konkret? „hi human interface“ haben wir 2018 bei Broadcast Solutions als Steuersystem entwickelt, weil die Technik gerade im IP-Bereich immer komplexer wird und sich Workflows ständig verändern. Unser Ziel war deshalb eine möglichst einfache Bedienung, im Idealfall so intuitiv wie eine Smartphone-App. Das System basiert auf einem festen Framework, innerhalb dessen sich die Konfiguration flexibel an unterschiedliche Anforderungen anpassen lässt.
Wir nutzen dort ein Tagging-Schema, ähnlich wie auf Social Media mit Hashtags, um etwas zu finden. Das ist dann eine Art Such-Engine, die mir das in einem gemischten Style aus Suche über Text und moderner, dynamischer Art und Weise anbietet. Es ist einfach bedienbar. Der Kunde musste sich nicht überlegen: Wie soll das Bedien-Panel jetzt aussehen? Wie will ich es bedienen? Wir haben etwas vorgegeben, von dem wir überzeugt sind, dass 90 Prozent der Broadcaster damit arbeiten können. Das hat sich auch bewahrheitet. [15620]