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Panel auf dem cineCongress zum Thema Fachkräftemangel (1)

Film ist nicht mehr sexy

Der cineCongress 2022 an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film setzte mit seinem Panel „Fachkräftemangel & Nachwuchssorgen: Von Arbeitsrealität und Kaufkraftverlust below the line“ ein klares Zeichen. Neben Strategien, wie dem Fachkräftemangel hierzulande beizukommen ist, diskutierte das Panel auch die Gründe für eine mangelnde Attraktivität der Filmberufe im Mittelbau und somit die aktuellen Arbeitsbedingungen. Wir geben in zwei Teilen Auszüge des Gesprächs wieder. Zusammengefasst in einem Artikel finden Sie die Inhalte in unserer Ausgabe 11.2022!

Branchenpanel beim cinecongress 2022
Foto: Ebner Media Group

Die Drehzeiten werden immer kürzer. Das Tagespensum immer höher. Hier wird ein Drehtag weggespart, dort werden die Nettominuten pro Tag erhöht. Damit das funktionieren kann, müssen alle, wirklich alle beteiligten Crewmitglieder sehr genau wissen, was sie tun. Wenn hier Kameraleute noch selbst Schärfe ziehen sollen und das Szenenbild die Requisiten durch die Gegend fährt, dann leidet die Qualität. Doch woran liegt es, dass ein gut ausgebildeter Mittelbau aktuell zu schwinden scheint und neue Fachkräfte nur schwer für eine Arbeit in der Branche zu gewinnen sind? Darum ging es auf dem CineCongress am 16. September 2022 im Audimax der HFF München beim Panel „Fachkräftemangel & Nachwuchssorgen: Von Arbeitsrealität und Kaufkraftverlust below the line“. Moderator Uwe Agnes begrüßte dafür auf dem Podium Stefanie Bieker, Szenenbildnerin und Vorsitzende der Initiative Nachwuchsförderung für Filmberufe, Alexander Böhle, freiberuflicher Kameramann und Vorstandsmitglied des BVK, Matthias Haedecke, Geschäftsführer Bildgestaltung und Geschäftsbereichsleiter Bildgestaltung und Design in der Produktionsdirektion des ZDF, Frank Trautmann, Kameramann und Erster Vorsitzender des BVFK, Stefanie Wagner, Producerin bei Constantin Film sowie Jakob Zapf, Autor, Regisseur und Produzent.

Stefanie Bieker betonte zunächst, dass die Ausbildungslandschaft in Deutschland bezüglich der Heads of Departments sehr gut aufgestellt sei. Die Filmhochschulen widmen sich hier den gängigen, kreativen Positionen. „Aber wir haben keine Strukturen für die handwerklich-technischen Berufe in Deutschland“, so Bieker weiter. „Wir haben Qualifikationsabschlüsse von der IHK oder anderen privaten Anbietern. Aber wir haben keine tatsächlich überregionalen Strukturen. Und auch keine geschützten Berufe. Das ist auch das nächste Problem, wir haben keine geschützten Berufsbilder.“

Zu Anfang stellte sich zunächst die Frage, was denn eine Fachkraft sei. Die allgemeine Definition einer Berufsaus- bildung oder von IHK-Lehrgängen kommt in der Set- oder Studioarbeit an ihre Grenzen.

Stefanie Bieker
Stefanie Bieker beklagte das Fehlen einer Struktur für handwerk- lich-technische Berufe in der Filmbranche. (Foto: Hans Albrecht Lusznat)

Alexander Böhle: Da ist jetzt natürlich die Frage, wie das auf unser Filmschaffen bezogen ist. Was ist eine Fachkraft? Jemand, der keine Ausbildung hat oder kein Studium, aber jahrelang erfolgreich in seinem Beruf arbeitet, ist natürlich auch eine Fachkraft – nur halt eben ohne eine zertifizierte Ausbildung. Und das ist so ein bisschen unser Problem: Was machen wir damit oder wo ist das Problem, dass wir keine zertifizierten und festgelegten Ausbildungs- oder Studiengänge haben?
Lukas Zapf: Um da anzuschließen: Vielleicht man kann das auch trennen? Eine Fachkraft ist im Prinzip das, was nicht die Studiengänge betrifft, also im Prinzip die Ebene unter den Department Heads, aber auch organisatorische Kräfte sowohl am Set als auch im Produktionsbüro.

Seit einigen Jahren bietet der Bundesverband der Fernsehkameraleute BVFK eine Zertifizierung für seine Mitglieder an. Viele der Kameraleute, die das Angebot nutzten, haben keine dezidierte Ausbildung abgeschlossen und konnten so ihre in langen Jahren erworbene Erfahrung einmal prüfen und am Berufsbild abgleichen lassen. Der Vorteil für Sender und Auftraggeber ist, dass sie bei zertifizierten Kameraleuten eine Qualitätsgarantie haben. Der „Nachteil“ für die Sender: Diese Fachleute sind sich auch ihres Wertes bewusster. An diesem Punkt setzte BVFK-Vorsitzender Frank Trautmann an. „Ich kenne nicht wenige Auftraggeber und Produzenten, die händeringend Leute suchen und von Fachkräftemangel reden – aber deshalb, weil sie niemanden finden, der für 300 Euro am Tag arbeitet!“ Für Trautmann ist die Frage des Fachkräftemangels immer auch mit der sozialen Frage verknüpft. Das geht aber über eine angemessene Bezahlung hinaus, wie Alexander Böhle ausführte.

Alexander Böhle: Wenn ein junger Mensch heute die Wahl hat, Medieninhalte zu produzieren, entweder bei einem großen Konzern – da hast du einen 9-to-5-Job, da bist gut bezahlt – oder du arbeitest beim Film, 15 Stunden, fünf bis sechs Tage die Woche, kein Urlaub, kein Sozialleben. Möglicherweise kannst du du auch keine Familie gründen und wenn du als Frau schwanger wirst, kommst du auch nicht mehr so einfach zurück.
Das sind all diese Dinge, die da mit hineinspielen, die den Beruf einfach nicht mehr attraktiv machen. Die junge Generation ist nicht doof. Das ist schon auch eine ganz klare Abwägung von Vorteilen und Nachteilen sowie von der Frage: Wie will ich denn mein Leben gestalten? Das ist vielleicht auch das Problem, das wir benennen müssen: Unsere Branche ist nicht mehr so sexy, wie sie vor 30 Jahren noch war.

Das gilt auch für lange Zeit sehr attraktive, weil sichere, Arbeitgeber wie den öffentlich-rechtlichen Sendern. Matthias Haedecke erläuterte die Herausforderungen, vor denen das ZDF steht.

Matthias Haedecke: Wir können viele dafür begeistern, die Ausbildung bei uns einzugehen. Anders sieht es aus, wenn die drei Jahre vorüber sind und es darum geht, ob sie bei uns bleiben wollen. Da sieht es nämlich mittlerweile so aus, dass wir die Zugangsschranken bei uns selber so hoch gesetzt haben, dass das alles hochdekorierte Abiturient:innen sind, die zum Beispiel dann bei der HFF landen – was ja in allen Ehren ist. Aber das nützt uns wenig, wenn wir sie drei Jahre zu Mediengestalter:innen ausgebildet haben und sie bleiben dann nicht bei uns.

Matthias Haedecke
Matthias Haedecke beschrieb Herausforderungen, vor denen das ZDF steht. (Foto: Hans Albrecht Lusznat)

Stefanie Wagner: Wir als Constantin Film hatten dieselbe Situation mit einigen unserer Auszubildenden, die wir über Jahre im Unternehmen ausbilden: Kaufleute für audiovisuelle Medien und Mediengestalter Bild und Ton. Die sind dann, weil sie auch einen akademischen Abschluss haben wollen, an die Filmhochschulen gegangen und waren erst einmal für uns verloren. Manche kamen glücklicherweise wieder zurück, manche aber auch nicht. Das war vor sieben Jahren der Ausgangspunkt, warum wir gesagt haben: Wir brauchen ein Studium, das diese Leute weiterhin ans Unternehmen bindet und ihnen trotzdem einen akademischen Abschluss bietet. [15268]


Lesen Sie morgen, wie es in der Diskussion beim Panel Fachkräftemangel & Nachwuchssorgen beim cineCongress weiterging!

Hier finden Sie ein Video des kompletten Panels!


 

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