Für „Hamnet“ verfolgte DoP Łukasz Żal eine radikale Reduktion, bei der sich Kamera, Licht und Inszenierung konsequent dem Spiel der Figuren unterordnen. So entsteht eine Bildsprache, die Nähe zulässt, Abstand wahrt und ihre Kraft aus dieser Balance bezieht.
Foto: Focus Features
Łukasz Żal arbeitet oft dort, wo es unbehaglich wird. Liebe, Tod, Verlust und Gewalt ziehen sich durch viele der Filme, die er als DoP gestaltet hat. Sei es in „Ida“ eine junge Frau, die sich auf eine Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst begibt, in „Cold War“ eine tragische Liebesgeschichte, die in einer symbolischen Heirat und einem gemeinsamen Freitod endet, oder in „The Zone of Interest“ die Schilderung eines ganz banalen Kleinbürgerlebens, während jenseits der Mauern das Grauen von Auschwitz zu ahnen ist: Łukasz Żal entwickelt stets die richtige Bildsprache, um schwierige Themen visuell überzeugend zu erzählen.
Auch bei „Hamnet“, der nach der Romanvorlage von Maggie O‘Farrell um den frühen Tod des Sohnes von William Shakespeare kreist, ist Żal dies gelungen. Schon bei den ersten Treffen mit Regisseurin Chloé Zhao, die 2021 für „Nomadland“ mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde, entstand sofort eine gemeinsame kreative Ebene. In den darauffolgenden Gesprächen ging es dann jedoch erst einmal weder um Bildideen noch um die Technik, sie zu realisieren. Stattdessen diskutierten die beiden über ganz grundlegende Themen. „Wir haben über Beziehungen gesprochen und darüber, uns mit allem auseinanderzusetzen, worum es in diesem Film geht. Wir mussten herausfinden, wonach wir suchen“, sagt Żal. „Wir haben uns gefragt: Was ist Männlichkeit? Was ist Weiblichkeit? Was ist dieser Tanz zwischen Mann und Frau? Wir haben über Tod, Liebe, über Familie, über den Lebenszyklus gesprochen – und darüber, wie wir das zeigen können.“
Zwischen den Polen
„In ,Hamnet‘ geht es um Trauer, aber auch darum, wie wir durch all unsere Traumata geprägt werden und wie wir sie umwandeln können. Selbst aus Unvollkommenheit kann Schönheit entstehen“, erläuterte Żal dem „British Cinematographer“. Er wollte, so der DoP, ein Gefühl erzeugen, bei dem man in das Leben und die Gefühle der Figuren eintaucht. „Sie begegnen sich, finden zueinander, das ist sehr intensiv. Und dann springen wir wieder heraus, sehen sie aus der Distanz und beobachten ihren inneren Konflikt.“
Aus ihren gemeinsamen Überlegungen formten sie zunächst einmal die Beziehung der beiden Hauptfiguren zueinander. Chloe Zhao beschreibt es als Gegenüber von Stabilität und Bewegung: Der Mann als Fels, die Frau als Ozean, zwei Pole, die sich anziehen und zugleich gegeneinander arbeiten.
Gleich zu Beginn des Films wird William Shakespeares Frau Agnes auf dem Waldboden liegend gezeigt, neben einem großen Baum, an dessen Fuß ein dunkles Loch klafft. „Die schönsten Momente in diesem Film entstehen einfach“, sagt DoP Żal zu dieser Szene im Gespräch mit dem „American Cinematographer“. „Doch weil wir extrem gut vorbereitet waren, entstanden sie nicht etwa aus Zufall, sondern vor allem aufgrund unseres Ansatzes. Die Idee war, Agnes in einer natürlichen Umgebung zu zeigen und zugleich einen Kontrast zwischen ihr und Will zu schaffen. Auf sie blicken wir aus einer erhöhten Perspektive, auf ihn aus einer leicht tieferen. Ihre weibliche Energie ist horizontal und abwärtsgerichtet, seine männliche Energie vertikal und aufwärtsgerichtet.“ Unter dieser Prämisse ging Łukasz Żal daran, seine Kamerapositionen zu entwickeln.
Diese Metapher und das damit verbundene Gefühl von Dualität bestimmten dabei Kamerabewegung, Lichtsetzung und Bildgestaltung der Figuren. „Der Satz hat bei mir stark nachgewirkt: Männer und Frauen brauchen einander, um vollständig zu sein, so wie William und Agnes.“
Der Blick des Todes
Der Schlüssel zur Entwicklung der visuellen Sprache bestand Żal zufolge darin, unterschiedliche Arten von Bildern zu nutzen, um eine Welt aus einem Mosaik von Einstellungen, Frames und Kompositionen aufzubauen, die zugleich sichtbar machten, was außerhalb des Bildes geschehe.
„Wir haben eine Kamera eingesetzt, die uns in das hineinversetzt, was die Figuren fühlen und wahrnehmen – wie sie in Augen schauen, auf Lippen, wie sie jemanden berühren, von dieser Person fasziniert sind“, so Łukasz Żal zum „American Cinematographer“. Die Kamera tauche in Emotion und Präsenz ein und erfasse so den Moment. Andererseits beobachte sie das Ringen der Figuren ruhig aus der Distanz, „wie ein allwissender Erzähler, gewissermaßen wie der Tod, oder wie ein Zuschauer, der ein Theaterstück anschaut.“
Dafür gab es am Set einen eigenen Code. „Wir haben das manchmal als eine Art CCTV-Kamera bezeichnet, aber eigentlich stand es für etwas Spirituelles“, sagt Żal. „Ich wollte von der Perspektive unserer Figuren zu dem Gefühl wechseln, dass jemand unser menschliches Ringen beobachtet und dabei sowohl die Präsenz als auch eine andere Sichtweise einfängt.“ Das traf besonders auf die Szene zu, in der Hamnet stirbt. „Es ist, als würde der Tod ihn auswählen“, beschreibt Żal die Szene. „Agnes ist erschöpft und schläft ein. Am nächsten Morgen merkt sie, dass mit Hamnet etwas nicht stimmt.“
Während des Drehs arbeitete Żal üblicherweise vom Monitor aus. Da er mit Stanisław Cuske einen erfahrenen Kameraoperator und erprobten Mitstreiter an seiner Seite hatte, hielt er sich bewusst im Hintergrund, um die Bilder aus der Distanz zu kontrollieren und über Intercom mit dem Team in Verbindung zu bleiben: „Ich male das Bild am Monitor wie auf einer Leinwand.“
In der entscheidenden Szene, in der sich Hamnets Tod andeutet, traf Żal jedoch eine andere Entscheidung und übernahm die Kamera. „Ich wollte diese Einstellung unbedingt selbst drehen!“ Der Moment am Set sei von großer Anspannung geprägt gewesen. Als Agnes schließlich in einem stillen Schrei zusammenbricht, reagierte Żal intuitiv. „Ich hatte einfach völlig unvorbereitet zur Kamera gegriffen und so viel von dem gespürt, was sie fühlte“, gestand er dem „American Cinematographer“. „Es war eine enorme Verbindung zwischen Jessie und mir.“ Danach habe das gesamte Team geweint. Eine Wiederholung der Szene stand nicht zur Debatte. „Ich kann mich nicht erinnern, so etwas jemals zuvor erlebt zu haben.“ [15617]