Für „Hamnet“ beschränkte sich Łukasz Żal bewusst in seinen filmischen Mitteln. Kamera, Perspektive und Bewegung sollten den Schauspielern folgen, nicht umgekehrt.
Foto: Agata Grzybowska / Focus Features
In dieser praktischen Umsetzung der Arbeit mit dem Cast musste sich der DoP von vielen seiner frühen Ideen der visuellen Umsetzung von „Hamnet“ verabschieden und vor allem die Bewegungen der Kamera neu denken. Das ging einher mit einer bewussten und weitgehenden Beschränkung bei der verwendeten Technik. So hatte sich Żal beispielsweise etliche hochkomplexe Kamerafahrten mit einem Technocrane ausgedacht. Zu dessen Einsatz kam es jedoch nicht.
Denn Paul Mescal, Darsteller des William Shakespeare, trat an Łukasz Żal heran und wünschte sich mehr Freiheit im Spiel, ohne von der Technik eingeschränkt zu sein. „Da wurde mir klar, dass uns das Equipment im Weg steht und ihm nicht den Raum lässt, den er zum Erkunden braucht“, erläutert Żal. „Ich wollte nichts zwischen mir und einem Schauspieler haben. Ich will einfach verbunden sein.“ Er verzichtete auf den Technocrane und suchte stattdessen nach einem einfacheren, reduzierten Ansatz.
„Ich will beobachten. Warum denke ich überhaupt über Kräne nach? Ich will so einfach wie möglich arbeiten. Am wichtigsten ist das, was zwischen den Figuren passiert und das sollten wir mit einer Handkamera oder aus statischer Perspektive festhalten. Es durfte keine Technik zwischen uns und den Schauspielern stehen.“
Ganz ohne Kran kam das Team jedoch nicht davon. Letztlich kam ein leichter modularer GFM Multi Jib zum Einsatz, allerdings ausschließlich, um bei Bedarf eine erhöhte Perspektive auf die Figuren zu realisieren. So lag der Fokus stets auf den Darstellern und ihren Leistungen, häufig in Nahaufnahmen, um die Intensität der Emotionen einzufangen. „Einfach ehrlich hinzuschauen und darauf, was in den Augen der Menschen passiert: Das vermittelt so viel“, sagt Żal.
Die konkrete Kameraposition ergab sich dabei aus der jeweiligen Szene heraus. „Sie hing ganz von der emotionalen Temperatur ab“, so Żal. Gemeinsam mit Zhao entwickelte er die Einstellungen im Probenprozess am Set. Auf übermäßige Coverage wurde bewusst verzichtet – nahezu jede gedrehte Einstellung fand später auch Verwendung im Film.
Die bewusste Beschränkung der Technik schafft Raum für ein freies Spiel der Darsteller – hier Jessie Buckley als Agnes Hathaway. (Foto: Agata Grzybowska / Focus Features)
Sichtbare Entscheidungen
Die Beschränkung auf das Nützliche und Nötige zeigte sich auch in der Wahl von Kamera, Optiken und Aufnahmeformat, die Łukasz Żal traf. Er entschied sich für die ARRI ALEXA 35 und kombinierte die Vollformat-Kamera mit unterschiedlichen Objektivserien, deren Charakter er gezielt für die jeweiligen Lichtsituationen nutzte. Für Sequenzen bei Tag kamen vor allem ARRI/ZEISS Super Speeds mit Brennweiten von 18 bis 85 mm zum Einsatz, deren organische Abbildung sich laut DoP Żal gut für das natürliche Licht eignete.
Nachts hingegen arbeitete Żal überwiegend mit ARRI/ZEISS Master Primes, deren Lichtstärke Details und Emotionen auch bei sehr geringem Licht-niveau abbildeten. Hier umfassten die Brennweiten 14 bis 100 mm. Ergänzt wurde das Optik-Setup durch ARRI/ZEISS Standard Speeds mit 14, 20, 28 und 60 mm Brennweite sowie ein Angénieux Zoom 19.5–94 mm, das für ausgewählte Einstellungen zusätzliche Flexibilität ermöglichte und sich gleichzeitig in den Bildeindruck der Primes einfügte.
„Wir haben moderne Präzision mit einem eher klassischen Charakter kombiniert“, beschreibt Żal seine Herangehensweise. „Die Master Primes haben uns bei Nacht geholfen, während die Super Speeds und Standard Speeds für Tages- und Available-Light-Situationen eine weichere, organischere Anmutung liefern.“
Gedreht wurde überwiegend mit nur einer Kamera, auch dies im Sinne der Reduktion: Weniger Abdeckung, mehr Konzentration auf den Moment. „Wenn wir zwei Figuren in einer Totalen sehen, kann man selbst dann ihre Emotionen in den Gesichtern lesen – auch nachts“, so Żal.
Während der Vorbereitung hatte Żal zunächst mit dem klassischen 4:3-Format geplant, entschied sich im Verlauf jedoch für 16:9. Vor allem die Waldszenen mit ihrer dichten Struktur, ihren Mustern und Bewegungen erforderten seiner Auffassung nach ein breiteres Bild, um die Umgebung als lebendigen Raum erfahrbar zu machen. Gleichzeitig verstärkt das Format die Intimität in den Nahaufnahmen zwischen Agnes und Will.
Dabei verstand Żal das breitere Format nicht als stilistisches Statement, sondern als möglichst unauffällige Form. „Das Format fühlte sich gewissermaßen unsichtbar an“, sagt er. „Wir wollten nichts Auffälliges, sondern den Schauspielern maximalen Raum geben. Weniger visuelle Eingriffe haben dieser Geschichte besser gedient.“ [15617]