Zwischen dokumentarischer Beobachtung und sorgfältig komponierten Tableaus entstand bei „Materia Prima“ ein visuelles Konzept, das den erzählerischen Bogen bis zur Lithiumförderung der Gegenwart spannt.
Drohnenflüge als ästhetische Ebene: Kameraassistent Carlos Martínez Murillo beim Start. (Foto: Börres Weiffenbach)
Bereits während der Projektentwicklung begannen Börres Weiffenbach und Jens Schanze, gemeinsam das Bildkonzept des Films zu entwickeln, das verschiedene visuelle Ebenen miteinander verbinden sollte. Gespräche und Aussagen der Protagonisten wurden in großen Tableaus mit konzentrierter Kadrage gedreht, in denen die Menschen zugleich Teil der Landschaft bleiben.
Eine zweite Ebene basiert auf Texten des Autors Guamán Poma de Ayala aus dem 17. Jahrhundert, der koloniale Ausbeutung, Gewalt und Machtverhältnisse aus indigener Perspektive beschreibt. Dafür suchten Schanze und Weiffenbach eine eigene Bildsprache. Weiffenbach schlug ruhige, sehr langsame horizontale Fahrten durch verlassene Bergbausiedlungen und Landschaften vor. Der historische Text sollte auf diese Weise eine Verbindung zur Gegenwart herstellen.
Die vertikalen Drohnenflüge über die Salzlandschaften, die Überreste industrieller Ausbeutung und die Strukturen des Salar de Uyuni entstanden dagegen erst bei der Arbeit vor Ort. „Das ist das Spannende an unserer Arbeit. Zuhause entwickelt man ein klares Konzept für die Bildgestaltung“, erläutert Börres Weiffenbach. „Vor Ort muss man das dann aber infrage stellen können und den Blick für bessere Lösungen haben.“
Ergänzt wurden diese Ebenen durch ruhige Beobachtungen und Begegnungen mit den Protagonisten, meist vom Stativ gedreht, sowie durch weit angelegte Landschaftsbilder. Für Jens Schanze stand früh fest, dass sich „Materia Prima“ zwischen dem Cerro Rico mit seinen Silberminen, die für die Vergangenheit stehen, und dem Salar de Uyuni mit den Lithiumvorkommen als Bild der Zukunft bewegen würde.
Technik
Als A-Kamera kam eine Sony FX9 zum Einsatz, meist kombiniert mit dem Tamron 35–150 mm f2/2.8. „Das ist ein E-Mount-Objektiv mit einem großartigen Brennweitenbereich“, sagt Weiffenbach. Entscheidend war für ihn hierbei vor allem, in der extremen Landschaft möglichst wenige Objektivwechsel vornehmen zu müssen, denn Sand, Salz und Feuchtigkeit stellten das Equipment permanent vor Herausforderungen. Gleichzeitig überzeugte ihn die Präzision der Optik beim Schärfezug: „Hier gibt es kein Pumpen, das Bild bleibt stabil.“ Der auf 360 Grad einstellbare Focusring ermöglichte sehr harmonische Schärfeverlagerungen. Unter bestimmten Bedingungen neige das Objektiv zwar zu starkem Caching, dies habe sich im Grading jedoch gut korrigieren lassen. Gedreht wurde in 4K, ausgeliefert und fertiggestellt in 2K.
Für die Tableaus nutzte Weiffenbach zusätzlich Objektive der Sigma-Art-Serie in Kombination mit einem NiSi Black Mist Filter. Ergänzend kamen eine Sony Alpha 7SII sowie mehrere GoPros zum Einsatz, etwa für Aufnahmen innerhalb der engen Bergwerksstollen. Wichtig war dem DoP dabei vor allem die Arbeit mit einem Sucher: „So finde ich konzentrierter mein Bild.“
Trotz des Zooms blieb Weiffenbach seiner Arbeitsweise treu. „Ich arbeite seit Jahren mit Festbrennweiten“, sagt er. Einstellungsgrößen verändert der Kameramann bevorzugt physisch durch Annäherung oder Distanz. „Eine andere Brennweite zu verwenden, hat immer auch eine erzählerische Auswirkung, derer man sich bewusst sein sollte.“
Die reduzierte Ausrüstung hatte nicht nur logistische Gründe. Viele Drehorte lagen fernab größerer Städte, oft im Hochgebirge. Der Salar de Uyuni befindet sich auf rund 3.600 Metern Höhe – eine Belastung, die das Team bei der ersten Reise unterschätzte.
Börres Weiffenbach und Filmtonmeisterin Claudia Leder reisten über Paris und Bogotá nach La Paz und flogen bereits am nächsten Morgen weiter nach Uyuni. Zusätzliche Zeit zur Akklimatisierung war nicht eingeplant. „Ich war massiv übermüdet und bekam in dieser Konstellation die Höhenkrankheit“, erinnert sich Weiffenbach. Mit starken Kopfschmerzen und Übelkeit konnte der DoP erst einmal nicht drehen.
Über einen befreundeten Bergsteiger erhielt Weiffenbach kurzfristig Unterstützung durch die Deutsche Gesellschaft für Expeditions- und Bergmedizin. Die Erfahrung führte dazu, dass die Crew ihre spätere Anreise grundlegend veränderte. Statt direkt ins Hochland zu fliegen, erfolgte die Akklimatisierung nun schrittweise über niedrigere Höhenlagen. Das bedeutete zwar einen höheren Zeitaufwand, reduzierte aber das Risiko gesundheitlicher Probleme deutlich. [15616]