Von Höhenkrankheit bis Salzstaub: Die Arbeit an „Materia Prima“ verlangte dem Team körperlich und organisatorisch einiges ab – und machte eine sorgfältige Vorbereitung um so wichtiger.
Tonmeisterin Claudia Leder am Cerro Rico(Foto: Börres Weiffenbach)
Der Kontakt zu den Protagonisten war für Börres Weiffenbach zentral, auch wenn oft nur wenig Zeit blieb. „Ich scheue mich nicht davor, nah an Menschen heranzugehen“, sagt der DoP. Gerade die 35-mm-Brennweite des Tamron-Zooms erwies sich dabei als hilfreich: weitwinklig genug für enge Räume wie Rosalías Hütte, ohne die Menschen zu verzerren. „Mir ist wichtig, die Menschen ästhetisch zu respektieren.“
Unterstützt wurde Weiffenbach von Kameraassistent Carlos Martinez, der nicht nur beim Transport und schnellen Umbauten half, sondern auch die Bedingungen vor Ort genau kannte. Nach den Drehs verbrachten beide häufig Stunden damit, das Equipment vom Salzstaub zu reinigen, zusätzlich zu den üblichen Aufgaben wie Akkus zu laden oder Material zu sichern – und dennoch gut ausgeruht am Morgen wieder aufzuspringen.
Weiffenbach hatte die Technik gemeinsam mit 18 Frames Rental aus Hamburg gewissenhaft vorbereitet. Hier prüfte er die Ausrüstung auf Herz und Nieren, denn in Bolivien und vor allem vor Ort in der Region Potosi war es unmöglich halbwegs zeitnah an Ersatz zu kommen oder gar eine Reparatur zu organisieren.
Jens Schanze war in seiner zweiten Rolle als Produzent von Weiffenbachs Gepäckliste beeindruckt, auch wenn das Equipment selbst reduzierter als üblich ausfiel. „Aber natürlich ist es beim Dreh dann sehr wertvoll, wenn ausreichend Akkus dabei sind. Denn man kann dort nicht überall laden.“ Außerdem sei man dankbar, wenn man autark arbeiten könne. „Jede Kabelverbindung war dreifach vorhanden, weil der Verschleiß extrem hoch ist.“ Die gleiche intensive Vorbereitung galt auch auf der Tonseite für Filmtonmeisterin Claudia Leder.
Tägliche Reinigung, ständiges Prüfen: Weiffenbach mit der Sony FX9 (Foto: Börres Weiffenbach)
Lebensrealitäten
Regisseur Jens Schanze wusste aus seiner Erfahrung Anfang der 1990er und auch den Recherchereisen, dass es nicht einfach sein würde, sich als Drehteam in Bolivien zu bewegen. Das Team musste weite Strecken innerhalb der Region zurücklegen, oft für kurze Begegnungen. Schanze wollte jedoch Prozesse begleiten und den Menschen Zeit geben, sich auf das Filmteam einzulassen.
„Ein Protagonist, mit dem wir zwei Stunden vereinbart hatten, hatte am Ende nur eine halbe Stunde Zeit“, erinnert sich Schanze. Die Anfahrt hatte jedoch bereits drei Stunden gedauert. Später stellte sich heraus, dass viele seiner Nachbarn zu diesem Zeitpunkt auf den Feldern arbeiteten und er nicht gemeinsam mit dem Kamerateam gesehen werden wollte. „In den potenziellen Abbaugebieten Boliviens ist der Lithiumabbau ein extrem kontrovers diskutiertes Thema, das oft Anlass für sozialen und politischen Druck ist.“
Auch der Umgang mit Medien unterschied sich von dem, was die Drehcrew bisher gewohnt war. Viele Bewohner hielten das Team zunächst für Vertreter der Europäischen Union, der Regierung oder großer Unternehmen. Die bolivianischen Teammitglieder mussten deswegen viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu erklären, dass es sich um ein unabhängiges Filmteam handelte.
Montage und Kinostart
Regisseur Jens Schanze schnitt den Film zusammen mit Editorin Ulrike Tortora. Diese wollte das gesamte Material vor Beginn der Montage sichten, was en Regisseur sehr beeindruckte. „Wir haben viel gemeinsam geschnitten und gemeinsam ausprobiert“, so Schanze. „Was sie reingebracht hat, ist das stetige In-Frage-Stellen von Konzepten.“ Viele Überlegungen zur Form stammten noch aus der Theorie und waren beim Dreh und damit im Material ablesbar schon überarbeitet worden. Tortora hatte das Gefühl, wenn man nur die Drohnenschüsse für den alten Text nähme, laufe man Gefahr, mechanisch zu werden und damit erwartbar. „Eine erzählerische Dynamik und dramaturgische Überraschungen herzustellen, das hat Ulrike stark in den Film gebracht“, so Jens Schanze. „Dafür bin ich sehr dankbar.“ Der Film „Materia Prima“ erhielt auf dem DOK.fest München den Deutschen Dokumentarfilm-Musikpreis 2026 für die Komponistin Atena Eshtiaghi. Im Herbst 2026 wird der Film im Verleih von Cine Global in den deutschen Kinos anlaufen. [15616]