Bei der Gala zum 36. Deutschen Kamerapreis prägten künstliche Intelligenz und große Gefühle den Abend.
Ehrenpreisträger Torsten Breuer und Laudator Michael Bully Herbig tanzen. (Foto: WDR / Taimas Ahangari)
Die 36. Verleihung des Deutschen Kamerapreises begann mit Tanz: Emotion in Bewegung. Das setzte den Ton für den gesamten Abend, denn kaum eine Laudatio, kaum eine Dankesrede kam ohne Begriffe wie Leidenschaft, Vertrauen oder Hingabe aus. In einer Branche, die über künstliche Intelligenz, neue Produktionsrealitäten und ökonomischen Druck diskutiert, wirkte der Abend in Köln beinahe wie ein Gegenentwurf: eine Feier der Menschen hinter den Bildern.
Schon Moderatorin Mona Ameziane, die gewohnt souverän durch die Gala führte, stellte zu Beginn die kreative Arbeit der Nominierten in den Mittelpunkt. Der Deutsche Kamerapreis sei ein Abend für jene, „deren Job es ist, aus Bildern Geschichten zu formen.“ So zog sich dann auch der Gedanke einer sehr persönlichen Beziehung zum Beruf durch den gesamten Abend.
Besonders deutlich wurde das in der Laudatio von Regisseur Nicolas Ehret auf Fabian Gamper, der für die Bildgestaltung von „In die Sonne schauen“ ausgezeichnet wurde. Ehret sprach von der „bedingungslosen Liebe“ zur filmischen Idee und davon, wie sich Gampers Bilder „tief eingebrannt“ hätten. Der Begriff Haltung fiel dabei mehrfach, nicht nur im ästhetischen Sinn, sondern vor allem als moralische Kategorie.
Ähnlich emotional ging es später bei der Auszeichnung für Sven Wettengel in der Kategorie Doku Screen zu. Laudator Ben Wozner sprach über „Liebe“ als entscheidende Qualität guter Kameraarbeit. Wettengel sei jemand, der Produktionen zu seinem Projekt mache und Verantwortung über den eigentlichen Dreh hinaus übernehme. Dass der Kameramann mit elf Kisten Equipment durch die USA reiste, wurde dabei zum Sinnbild für eine Haltung zum Beruf, die sich gegen maximal reduzierte Produktionsweisen wehrt.
Auch Ehrenpreisträger Torsten Breuer wurde vor allem über seine emotionale Beziehung zum Bild beschrieben. Michael Bully Herbig bezeichnete ihn als „Künstlerseele“ und sprach von einem Kameramann, der „mit wahnsinnig viel Leidenschaft und Liebe fotografiert“. Breuer selbst erzählte, er sei „ein Kameramann, der schon mal hinter der Kamera weint“, wenn ihn eine Szene emotional überwältige. Ansonsten war die Verleihung des Ehrenpreises vor allem eins: höchst unterhaltsam.
Die Preisträgerinnen und Preisträger des 36. Deutschen Kamerapreises: Marco Rottig, Philipp Schnabel, Anna Nekarda, David Gesselbauer, Frank Griebe, Torsten Breuer, Sven Wettengel, Simone Friedel, Moderatorin Mona Ameziane, Birgitt Bebe Dierken, Stefan Neuberger, Yunus Köylü, Jonas Riedinger, Catharina Lott und Fabian Gamper (Foto: WDR / Taimas Ahangari / Jan Knoff)
Neue Perspektiven
Zwischen diesen persönlichen Momenten tauchte jedoch immer wieder auch ein zweites Thema auf: der Wandel einer Branche, die sich technologisch und strukturell neu aufstellen muss. Besonders deutlich wurde das bei der Auszeichnung von Birgit Bebe Dierken für den Kurzfilm „The Secret Assistants“. Der Film beschäftigt sich mit Machtstrukturen und Abhängigkeiten innerhalb der Filmindustrie und damit nicht zuletzt mit der Rolle von Frauen hinter der Kamera.
Dierken sprach offen über ihren eigenen Berufsweg. Als sie begonnen habe, habe es „in Deutschland fünf oder sechs Assistentinnen“ gegeben. Vieles habe sich seitdem verbessert, sagte sie, „aber es ist noch nicht super duper“. Zwar sehe man inzwischen mehr Frauen an der Kamera, allerdings häufig noch nicht in leitenden Positionen. Bemerkenswert war dabei vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der Birgit Bebe Dierken über strukturelle Veränderungen sprach.
Fast beiläufig kam schließlich noch mit künstlicher Intelligenz ein dritter Themenkomplex hinzu. Ausgerechnet Frank Griebe, einer der renommiertesten deutschen Kameramänner, brachte das Thema von sich aus auf und äußerte sich dabei erstaunlich gelassen. Auf die Frage nach aktuellen Entwicklungen antwortete er knapp: „Auf jeden Fall KI, weil das wird kommen.“ Angst davor habe er nicht. „Es wird sowieso kommen, genau wie das Internet gekommen ist.“
Gerade diese Nüchternheit machte die Aussage wirkungsvoll. Während andernorts oft eher pessimistisch und sorgenvoll über KI diskutiert wird, wirkte Griebes Haltung eher wie die eines Bildgestalters, der seine geistige Robustheit in etlichen technologischen Umbrüchen stählen konnte. Die eigentliche Antwort des Abends auf die KI-Frage lag ohnehin an ganz anderer Stelle. Während Algorithmen und neue Produktionswerkzeuge im Hintergrund mitschwingen, definieren nämlich viele Filmschaffende ihre Arbeit über menschliche Qualitäten wie Vertrauen, Nähe, Intuition und Haltung.
Vielleicht war genau das die auffälligste Beobachtung dieses Deutschen Kamerapreises: Je technischer die Zukunft der Branche diskutiert wird, desto gefühlsbetonter sprechen ihre Vertreter über das, was ihre Bilder für sie bedeuten.