Für Guillermo del Toro beginnt Bildgestaltung lange vor dem Set. Farben, Kostüme, Szenenbild und Licht folgen einer gemeinsamen Dramaturgie, die der Regisseur zusammen DoP Dan Laustsen und seinen Departments entwickelt und für die Leinwand übersetzt.
Foto: Ken Woroner / Netflix
Die Farbpalette der unterschiedlichen Figuren und der Epochen stammte komplett von Regisseur Guillermo del Toro. Frankensteins Mutter Claire war die Farbe Rot zugeordnet, seiner Schwägerin Elizabeth Grün. Victor trägt zunächst Schwarz und mit der Schuld, die er auf sich lädt, übernimmt er das Rot seiner Mutter. Die Vaterfigur Harlander, von Christoph Waltz verkörpert, sowie der echte Vater Frankenstein, der großartige Charles Dance, wurde Blau zugeschrieben. Dan Laustsen machte einige Kameratests mit der ALEXA 65, um absolut sicherzugehen, dass die Farben, auf die sich Guillermo del Toro mit Szenenbild und Kostümbild geeinigt hatte, auch exakt so wie gedacht auf Leinwand und Bildschirm erscheinen würden.
In jedem Department spiegelt sich die Detailversessenheit des Regisseurs wider, aber auch seine Fähigkeit, aus den kreativen Köpfen seiner Gewerke Geniales herauszukitzeln. Guillermo del Toro beginnt den kreativen Prozess damit, den Department Heads zuzuhören und ihre Sicht zu erfahren. Erst dann bringt er seine eigene Sichtweise ein und beginnt so einen Dialog, der schließlich in die Koordination der unterschiedlichen Ideen und Visionen der verschiedenen Departments mündet. Im Ergebnis fühlen sich die Bilder so an, als spiele alles zusammen.
Kostümbildnerin Kate Hawley nahm sich der Ideen del Toros an und dachte deren kreativen Kern konsequent weiter. So sind die organischen Muster auf den üppigen Kleidern von Elizabeth von deren Liebe zu Insekten inspiriert. Die Muster imitieren die Form von Käfern oder die Maserung der Flügel von Schmetterlingen.
Del Toro wollte von Hawley originelle Schöpfungen sehen, keine historischen Kostüme. Die Kostümbildnerin nutzte ihr umfangreiches Moodboard, bestehend aus Texturen, morbiden Bildern, filigranen Zeichnungen von Blutgefäßen und Farbcollagen, um mit del Toro die gemeinsame Vision zu konkretisieren. Er wollte auf jeden Fall moderne Kostüme sehen, Victor sollte sich kleiden „wie Mick Jagger“, so der Wunsch des Regisseurs.
Für die Kreatur und den körperlich sehr großen Jacob Elordi diskutierten Hawley und Creature Designer Mike Hill intensiv, wie das Kostüm Maske und Statur unterstützen und wie umgekehrt Textur und Farbe der Maske mit den Eigenschaften des Kostüms zusammenspielen könnten.
Für das Szenenbild war Tamara Deverell verantwortlich. Wie auch bei vorigen Projekten des Ausnahmeregisseurs ließ dieser die wichtigsten Motive als lebensgroße Sets entstehen oder drehte gleich in Originalmotiven. Die Designs der opulenten Sets und die Ausstattung bis ins kleinste Detail des Setdressings lagen in der Verantwortung von Deverell und ihrem Team. Unter ihrer Ägide entstand das lebensgroße Schiff „Horisont“ der Polarexpedition auf dem Backlot des Studios in Kanada. Erbaut wurde es auf einem Gimbal, der das ganze Schiff um 9 Grad in Längsrichtung neigen konnte. Wenn Jacob Elordi als Kreatur also das Schiff bewegt, ist das nicht etwa ein visueller Trick oder eine Teil-Attrappe. Auch das riesige Labor mit den Generatoren, den grün leuchtenden Batterien und dem Operationstisch, der sich in Kreuzform aufrichten ließ, entstand in Originalgröße.
Creature Designer Mike Hill orientierte sich bei der Ganzkörpermaske an den chirurgischen Praktiken der Epoche. (Foto: John P. Johnson / Netflix)
Licht als Emotion
Während Dan Laustsen bei der Kamerabewegung einen modernen Ansatz wählte, setzte er beim Licht auf eine Inszenierung, die das natürliche Licht der Epoche simulierte. Sowohl DoP als auch Regisseur sind überzeugte Verfechter des Single-Source-Lighting. Bei „Frankenstein“ bedeutete das, das Licht konsequent von außerhalb der Sets zu führen, meist durch die Fenster als simulierte Sonne oder Mondlicht. Nur vereinzelt kamen Practicals zum Einsatz, häufig Kerzen mit zwei Dochten. So blieb der Raum frei von Lichtstativen und ermöglichte maximale Freiheit für Kamerabewegung, Blocking und die Performance des Casts.
Die Erweckungssequenz der Kreatur im Labor und auf dem Turm ist lichttechnisch in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Das Licht wechselt von warmer Nachmittagsstimmung mit tief stehender Sonne zu grauer Wolkendecke und schließlich zu einer kränklich grün gefärbten Gewitteratmosphäre mit einsetzendem Regen.
„Die Gewitterblitze sind in dieser Szene das Führungslicht“, sagt DoP Dan Laustsen. Immer wieder
versinkt das Bild im Grau, stellenweise auch in der Schwärze. Dann wiederum sehen wir im exakt richtigen Moment den Ausdruck auf Victor Frankensteins Gesicht, in einer Bedrohlichkeit, die Oscar Isaac der Figur verleiht und die das Publikum dennoch mit ihm mitfiebern lässt.
Eine besondere Herausforderung stellte für Dan Laustsen das Kellergeschoss dar. Für das Konzept des Single-Source-Lighting gab es hier keine Fenster, durch die Licht hätte fallen können. Stattdessen führte der DoP das Licht über die zahlreichen Oberlichte, die als Schächte ausgeformt waren. So entstand ein eindrucksvoll indirektes Licht, das von den patinierten, weißen Kacheln unheimlich verlängert wird.
„Wenn man in einem weißen Raum wie diesen Arrestzellen im Keller dreht, zerstört man die Atmosphäre, sobald man eine Lichtquelle aufstellt“, erklärt Laustsen. „Man weiß, dass die Fliesen im Vordergrund zu hell werden oder dass man den Haze preisgibt. Deshalb haben wir viel Zeit darauf verwendet, den Durchmesser der Schächte zu bestimmen, weil klar war, dass wir diesen einen, nach unten fallenden Lichtstrahl brauchen.“
Laustsen stellte vier sehr weiche Creamsource Vortex Leuchten um jeden Schacht herum, die von oben im Winkel an die Wände des Schachts hineinleuchteten, ergänzt mit einer 5-kW-Lampe, die direkt hinabstrahlte. Dieses Verfahren beleuchtet in den Totalen sogar den gesamten Raum. Dennoch musste der Cast sehr bedacht im Raum platziert werden, damit genügend Licht aus den Schächten auf die Darsteller fiel.
Diese Atmosphäre wird in einer der emotionalsten Szenen im Keller besonders greifbar. In der Nacht kommt Elizabeth allein zur Kreatur und erzählt von der Liebe. Sie bringt einen Kandelaber mit Kerzen in das kalt und bläulich beleuchtete Verlies. Das warme Licht auf den Gesichtern von Mia Goth und Jacob Elordi bildet einen starken Kontrast zur Umgebung.
„Und wenn sie mit dem Kerzenleuchter wieder geht, bleibt er zurück in der Dunkelheit. Das ist tatsächlich das dunkelste Bild im Film. Er sitzt da, im Stahlblau, Single-Source-Lighting, sehr, sehr traurig“, erläutert Dan Laustsen. „Wir wollten es nicht zu deutlich machen, aber wir haben versucht, die Farbpalette so zu gestalten, dass sie sich auf das Gefühl auswirkt.“ [15602]
Organisches Filmemachen: DoP Dan Laustsen dreht „Frankenstein“