„Frankenstein“ von Guillermo del Toro markierte Ende 2025 einen weiteren Meilenstein im Werk des Ausnahmeregisseurs. DoP Dan Laustsen erzählte Timo Landsiedel für unsere Ausgabe 01.2026, wie er del Toros Vision erneut in opulente und trotzdem subtile Bilder übersetzte.
Foto: Ken Woroner / Netflix
Am nördlichsten Punkt von Dänemark gibt es ein seltenes Phänomen: In der Nähe von Skagen kann man mit dem linken Fuß im Skagerrak und mit dem rechten Fuß gleichzeitig im Kattegat stehen. Wegen ihres unterschiedlichen Salzgehalts mischen sich diese beiden Meere nicht, doch ihre Wellen verschränken sich und werden so eins.
Wer sich „Crimson Peak“, „The Shape of Water“ oder „Nightmare Alley“ anschaut, kann eine Art künstlerischen Skagerrak erleben. Mexikos erfolgreichster Genre-Regisseur Guillermo del Toro und Dan Laustsen, einer der kreativsten DoPs Dänemarks, arbeiten nach der ersten gemeinsamen Arbeit „Mimic“ (1997) seit 2015 konstant an den Projekten del Toros zusammen. Dabei vereinen sie die sehr unterschiedlichen Mentalitäten, die ihren Heimatnationen zugeschrieben werden, und bleiben doch Gestalter in ihrem eigenen Sinn.
Del Toro ist dafür bekannt, sich immens viele Gedanken über die Visualität seiner wichtigsten Gewerke zu machen. So weiß er meist sehr genau, welche Farbwelten er bespielen möchte, erstellt Concept Art und holt Leute ins Team, deren Stil er mag. Dazu gehört eben auch DoP Dan Laustsen, der schon schon seit langer Zeit wusste, dass sich der Regisseur intensiv mit Mary Shelleys „Frankenstein“ beschäftigte. Am Set von „Crimson Tide“ hörte er dann von ersten Plänen und nach „Nightmare Alley“ gab es schon die konkrete Ansage del Toros zur Umsetzung des Projekts.
„Das Wichtigste ist für mich zu Beginn, die Vision des Regisseurs und die Geschichte zu verstehen“, so DoP Laustsen. „Guillermo hat sehr starke Meinungen und Gefühle zu seinem Film, aber er braucht jeden um sich herum und dessen Input – und das gilt auch für mich.“ Es fühle sich jedes Mal an, wie zu einem Bruder zurückzukehren, wenn sie ein gemeinsames Projekt beginnen. Über sehr vieles sind sie sich einig. Dennoch heißt es für den DoP erst einmal zuzuhören.
Del Toro erzählt „Frankenstein“ aus zwei Perspektiven. Nach einem vom Original inspirierten Prolog in der Arktis folgt der Film zunächst Victor Frankenstein, gespielt von Oscar Isaac: von seinem Kindheitstrauma über die Ausbildung, in der sich seine Obsession mit der Unsterblichkeit formt, bis zur Erschaffung der Kreatur, dargestellt von Jacob Elordi. Anschließend übernimmt die Kreatur selbst die Erzählung, wird zum erzählerischen Zentrum und verleiht dem Film seine existentielle Tiefe.
Immer nah am Geschehen: Regisseur Guillermo del Toro und DoP Dan Laustsen (Foto: Ken Woroner / Netflix)
Großformat
Bei der technischen Umsetzung waren sich Guillermo del Toro und Dan Laustsen schnell einig. „Frankenstein“ sollte komplett im Large Format auf der ARRI ALEXA 65 entstehen. Ihr voriges Projekt „Nightmare Alley“ war schon zu großen Teilen auf dieser Kamera gedreht worden. Für die bewegten Szenen aber wechselte Laustsen seinerzeit auf die Steadicam und damit auf die ALEXA LF und Mini LF.
Auch bei „Frankenstein“ steht die Kamera nie still. Doch diesmal planten del Toro und Laustsen jede Szene auf Technocrane, Scorpio Crane sowie auf der Steadicam, deren Operator James Frater einiges an Gewicht zu bewältigen hatte. „Wir wollten im historischen Setting drehen, aber einen modernen Film machen“, sagt DoP Laustsen, der sehr weitwinklig drehte, um möglichst viel der sehr aufwendig gestalteten Sets und Motive im Bild zu haben. „Aber gleichzeitig wollten wir auch schön nah an die Schauspieler herankommen.“
Dafür fiel seine Wahl auf die sphärischen Leitz Cine THALIA Primes. „Das Großformat eignet sich dafür hervorragend, da die Objektive keine Verzerrungen verursachen und sehr, sehr scharf und klar sind. Das war etwas, worüber wir am Anfang viel gesprochen haben. Das ist die Art und Weise, wie wir die Geschichte erzählen wollten.“
Die THALIA-Objektive sollten ein klares Bild ohne Verzerrungen oder Aberrationen liefern. „Der Nachteil daran ist jedoch, dass sie für unseren Geschmack etwas zu scharf sind“, so der DoP. „Deshalb drehten wir mit einem Diffusionsfilter hinter dem Objektiv, um die Highlights etwas abzuschwächen. Da wir hinter dem Objektiv filtern, machen wir uns die Schwarztöne nicht kaputt, die bleiben weiterhin extrem schwarz.“ Ein weiterer Vorteil der Filterung hinter dem Objektiv sei, dass Flammen oder Licht im Bild keinen Filterreflex, sondern einen echten Linsenreflex verursachen. „Unser Ziel war es, oft in die Sonne zu schießen, in das Licht zu schießen, das von außen in den Raum fällt“, erklärt Dan Laustsen. „Weil diese Objektive so klar und knackig sind, übertragen sie die Flares sehr, sehr schön.“
Der Weitwinkel hatte dabei vor allem einen übergeordneten, kreativen Zweck. „Guillermo möchte im Bild alles miteinander verschmelzen“, sagt der DoP und meint damit auch die anderen Gewerke, wie Kostümbild oder Szenenbild. „So wird es ein sehr organischer Prozess des Filmemachens.“
Dan Laustsen drehte „Frankenstein“ zu über 90 % auf einer Brennweite von 24 mm mit T3,6. Durch den Großformatsensor der ALEXA 65 wirkt das Bild bis weit in die Tiefe relativ scharf, aber die THALIAs lassen die Gesichter unverzerrt. So konnte Laustsen das 24er-Objektiv wie eine Porträt-Brennweite einsetzen, mit dem zusätzlichen Nutzen, dass gleichzeitig gesamte Umgebung wahrzunehmen blieb. Zum Zeitpunkt des Drehs war das 24-mm-Prime die weitwinkligste THALIA-Brennweite. Anfang 2025 hat Leitz Cine noch ein 20-mm-Objektiv veröffentlicht. Das Line-up umfasst somit elf Brennweiten bis hinauf zu 180 mm und gehört damit zu den breitesten Brennweitenportfolios für große Sensoren. [15602]
Organisches Filmemachen: DoP Dan Laustsen dreht „Frankenstein“