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Cinefade-Erfinder Oliver Janesh Christiansen zum Netflix-Einsatz bei "Mank"

Versteckte Ebenen zeigen

2016 stellte Oliver Janesh Christiansen das Cinefade VariND-System vor. Zusammen mit cmotion aus Wien brachte er Cinefade auf den Markt und bestückte damit Produktionen wie “The Computer” von DoP Paul Cameron oder jüngst “Mank”, für den DoP Erik Messerschmidt, der den Oscar für die beste Kamera 2021 gewann. Wir haben Christiansen in unserer Ausgabe 4.2021 nach den Meilensteinen der letzten Jahre gefragt.

Oliver, vor knapp fünf Jahren hast du erstmals die Grundform des Cinefade-VariND-Systems vorgestellt. Seitdem ist viel geschehen, Du hast es an große Produktionen gebracht und Preise damit gewonnen. In wie vielen Projekten kam das System bisher zum Einsatz?
Das ist heute schwer zu sagen! Seitdem wir den Cinefade VariND 2019 erstmals zum Verkauf angeboten haben, wird das System nicht nur von uns, sondern auch von mehreren Kameraverleihs weltweit angeboten und es ist unmöglich, jedes einzelne Projekt zu verfolgen. Es kann also gut sein, dass ich eine Werbung aus China oder einen schwedischen Spielfilm, der den Cinefade-Effekt genutzt hat, nie zu sehen bekomme, was zum einen schade ist, aber natürlich auch toll. Denn mein Ziel war es immer, den Cinefade-Effekt so vielen Filmemachern wie möglich anzubieten. Außerdem wird der Cinefade VariND nicht nur als kreatives Tool eingesetzt, sondern oft auch als ein simpler variabler ND-Filter, um die Belichtung zu kontrollieren, wenn die Kamera nicht zugänglich ist, oder als ferngesteuerter RotaPola in Werbespots für Autos. Dies sieht man im Endprodukt nicht, aber es macht das Leben des Kameraassistenten und des Kameramanns leichter.

Cinefade-VariND-Entwickler Oliver Janesh Christiansen auf der Cinec 2018

Das System kam jetzt mit „Mank“ erneut bei einer absoluten A-Produktion zum Einsatz. Wie kommst du an die großen DoPs Hollywoods?
Oftmals passiert das durch Empfehlungen. Die Industrie, vor allem in den oberen Rängen, ist relativ klein und gut verknüpft. Meistens wollen DoPs, die das Cinefade-System entdeckt haben, es gerne mit ihren Kollegen teilen, weil es eine Neuheit ist. Ich habe auch viele Demos bei Rental Häusern gemacht, wie zum Beispiel bei Keslow Camera in Los Angeles, wo ich vor einigen Jahren Erik Messerschmidt zum ersten Mal getroffen habe. Ich konnte ihm zeigen, wie das System funktioniert, aber zu dem damaligen Zeitpunkt hatte er keinen Gebrauch dafür. Als David Fincher dann aber während den Vorbereitungen für „Mank“ erwähnt hat, dass er dort gerne einen variablen Schärfentiefe-Effekt erzielen würde, wusste Erik sofort, dass Cinefade die Lösung ist.

Welches ist dein Lieblingsfilmeinsatz des Systems?
Auch das ist schwer zu sagen. „The Commuter“ war der erste große Hollywood-Spielfilm, der das System genutzt hat, und ich werde niemals vergessen wie ich am Set mit Liam Neeson stand und mit DoP Paul Cameron ASC zusammengearbeitet habe. Ich bin da sehr nostalgisch und frühzeitigen Anwendern dankbar. Mein neuster Lieblingseinsatz ist aber eindeutig „Mank“, nicht nur weil Fincher Hollywood-Royalty ist. Auch weil der Cinefade im Film als subtiles Bildgestaltungsmittel genutzt wurde und nicht „nur“ als ein Effekt. DoP Erik Messerschmidt und David Fincher haben es geschafft, den Cinefade als Bildgestaltungsmittel so anzuwenden, um eine weitere, versteckte Ebene im Storytelling zum Vorschein zu bringen.

Der Cinefade-Effekt bei „Mank“

Welche Szenen sind dir besonders aufgefallen?
Zum Beispiel in der Szene in der Manks Frau Sara ihren Ehemann konfrontiert, dann die Tür schließt und ihn alleine im Sessel sitzen lässt. Die Tür und der Rest des Raums werden langsam unscharf, das Auge wird zu Mank im Sessel geführt, um die Isolation, die er in dem Moment spürt, hervorzuheben. Es ist kein besonders signifikanter Moment im Film, aber es ist das Ende einer Szene und kommuniziert seinen Geisteszustand sehr effektiv. Ein weiteres Beispiel befindet sich gegen Ende des Films, als Mank sich entscheidet, doch auf einem Writer Credit zu bestehen. Orson Welles ist so schockiert, dass ihm seine Umgebung unwichtig wird und er seine gesamte Konzentration Mank widmet. Oftmals wird der Cinefade- Effekt mit einem aufdringlichem Dolly-Zoom verglichen – was fair ist. Aber ich denke, dass Cinefade oft im Unterbewusstsein wahrgenommen wird und eine subtile Anwendung wie in „Mank“ interessanter und vielfältiger ist.

Was war der überraschendste Einsatz in einer Produktion bisher?
Es hat mich positiv überrascht, wie DoP Philip Blaubach den Cinefade-Effekt in der zweiten Staffel von „Das Boot“ eingesetzt hat. In der Szene erschießt ein Gestapo-Offizier einen Jungen. Der Cinefade-Effekt wird genutzt, um die Schärfentiefe zu reduzieren und die schreckliche Szene im Hintergrund unscharf zu machen, so dass der Zuschauer sie nicht miterleben muss, aber auch, weil der Protagonist sich von der Szene abwendet und nicht zuschauen will. Das war ein interessanter Einsatz.

Wie habt ihr das System seit dem Erfolg der Cinec- Awards in 2018 weiter entwickelt?
Seit dem CinecAward haben wir ein paar kleine Hardware-Verbesserungen unternommen und seitdem wir mit dem Verkauf angefangen haben, gab es auch einige Software-Updates, wie zum Beispiel die Netzwerkfunktion, mit der man das Cinefade von einer getrennten cPro-Handeinheit kontrollieren kann. So kann der Kameraassistent sich mit einer zweiten Handeinheit auf den Fokus konzentrieren. Beides gleichzeitig zu kontrollieren, kann überwältigend sein und außerdem will der DoP meistens mit dem Cinefade „spielen“.

Was plant ihr an neuen Integrationen für die Zukunft?
Spannend wird es dieses Jahr, wenn wir endlich die Kompatibilität mit der ARRI Cine Wireless Compact Unit WCU einführen. Genaueres kann ich leider nicht sagen! [14415]

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