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Regisseurin Franziska Stünkel und DoP Nikolai von Graevenitz über „Nahschuss“

Warten, bis das Gefühl da ist

Mit „Nahschuss“ lief auf dem 29. Camerimage Festival ein vergleichsweise leiser Film aus Deutschland im Hauptwettbewerb, dem es nicht nur gelingt, den Unrechtsstaat der DDR an einem konkreten Beispiel eindringlich zu erzählen, sondern auch die Alltäglichkeit der menschlichen Dramen dahinter spürbar zu machen. Jens Prausnitz sprach für unser Heft 5.2022 mit der Regisseurin Franziska Stünkel und DoP Nikolai von Graevenitz.

Obwohl man schon vom Filmtitel weiß, wie die letzte in der DDR vollstreckte Hinrichtung stattfinden wird, erschrickt man doch, wenn es passiert. Denn wir haben Franz (Lars Eidinger) auf seinem langen Weg dorthin Schritt für Schritt begleitet, von seiner anfänglichen Naivität bis zum ausweglosen Ende, haben mit ihm gelacht, geliebt und gelitten. Die erschütternde Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, für die Regisseurin Franziska Stünkel, die auch das Drehbuch schrieb, lange recherchierte.

Wo verlief für dich nach dem langen Rechercheprozess im Drehbuch die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit?
Franziska Stünkel: Nahschuss ist ein fiktionaler Film. Er lehnt sich an die Lebensgeschichte des Dr. Werner Teske an, der 1981 in der DDR zum Tode verurteilt und hingerichtet worden ist. Für mich war es wichtig, die Rechtsgeschichte von Werner Teske so zu erzählen, dass sie im Kern den historischen Tatsachen entspricht. Er hat an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin promoviert und wurde von der Staatssicherheit angeworben. Das wurde Ende der 70er Jahre öfter getan. Hier mit dem Versprechen eine Professur zu bekommen, wenn er für die HVA, den Geheimdienst arbeiten würde. Er hat mit seiner Arbeit in der HVA zunehmend gefremdelt, schließlich verbotenerweise geheimdienstliche Unterlagen aus seinem Tresor entwendet, und sie zu Hause aufbewahrt. Als das entdeckt wurde, erfolgte die Inhaftierung, der Gerichtsprozess und die Verurteilung zum Tode, letztlich selbst nach damals gültigem DDR-Recht völlig zu Unrecht. Es war ein Prozess, der unter strenger Geheimhaltung stattgefunden hat. Den Prozess wollte ich gerne so genau wie möglich wiedergeben.

Trotzdem heißt der Protagonist im Film nicht Werner Teske, sondern Franz Walter, weil ich kenntlich machen wollte, dass es natürlich auch fiktionalisierte Passagen gibt. Das sind beispielsweise zeitliche Einkürzungen, um eine Konzentration auf die wesentlichen Aspekte seines Lebens zu ermöglichen. Es lässt sich auch nicht alles recherchieren. Mein kompletter Fokus in „Nahschuss“ ist das Innenleben von Franz. Da kann man eh nur mutmaßen, wie es in Werner Teske beziehungsweise einem
Menschen, der man nicht selbst ist, tatsächlich ausgesehen hat. „Nahschuss“ sollte nie ein Film sein, der von außen mehrperspektivisch über das politische System der DDR erzählt. Es sollte ein Film über einen einzelnen Menschen
innerhalb dieses politischen Systems sein, wie er sich darin verhält und wie das System auf den Einzelnen einwirkt. Es war daher das Wichtigste für mich, diese innere Entwicklung von Franz zu zeigen: Er wird Geheimdienstmitarbeiter, wird Teil dessen, möchte raus, sucht Wege in sein altes Leben zurück, doch die sind ihm durch den Machtmissbrauch des Staates verstellt.

Gibt es andere Beispiele für recherchierte Stellen, wie etwa die Gerichtsprotokolle? Ich denke da jetzt zum Beispiel an die Zimtöl-Szene, in der Devid Striesow schauspielerisch glänzen kann.
Franziska Stünkel: Was an der Szene faktisch ist, ist, dass Quittungen gefälscht worden sind, also auch von Werner Teske und in seinem Umfeld. Aber das Zimtöl ist rein fiktiv, weil ich etwas finden wollte, um Dirk, die Figur von Devid Striesow, nicht eindimensional zu erzählen. Funktional ist Dirk ein Antagonist, jemand aus dem System. Doch ich wollte ihn darüber hinaus als komplexen Menschen spürbar machen, die Loyalitäten, die in uns wohnen, die Abhängigkeiten, die Prägung und auch Erlebnisse. Dazu zählt bei ihm, dass er sein Kind in sehr frühen Jahren verloren hat und seiner Frau immer wieder diesen Erinnerungsmoment erschafft, wenn er ihr aus dem Westen dieses Zimtöl mitbringt. Vieles bleibt darüber hinaus im Unklaren, alles das was für Franz auch nicht klar wird, was er an Dirk nur erahnen kann, bleibt auch im Film unklar.

Filmstill aus "Nahschuss"
Innenleben im Fokus: „Nahschuss“ lehnt sich an reale Ereignisse an. (Foto: Alamodefilm / Nikolai von Graevenitz)

Hat auch perfekt funktioniert. Ich hätte nie sagen können, wo die Recherche aufhört und das Fiktionale anfängt.
Franziska Stünkel: Der Kuli-Ring ist auch fiktional, den hab ich mir als ein Symbol von Vertrauen überlegt. Also nicht nur in der Liebe, auch in welche Gesellschaft und welches politische System vertraue ich hinein. Vertrauen als Grund- thema, sich im Idealfall aktiv zu befragen, worin vertraue ich und wem gebe ich mein „Ja“, um zu bewussten eigenen Entscheidungen zu kommen.

Kommen wir dazu, dass ihr nur 24 Drehtage hattet, was man dem Film wirklich nicht anmerkt, den ihr an vielen Originalschauplätzen gedreht habt.
Nikolai von Graevenitz: Ja, wir haben unter anderem in der ehemaligen DDR-Inhaftierungsanstalt in Berlin-Hohen- schönhausen und der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin gedreht. An Originalschauplätzen darf man nichts verändern, deswegen muss man extrem gut schauen, wo und wie man Sachen aufnimmt. Zum Beispiel gibt es von Inhaftierten überall so kleine, teils mit Fingernägeln eingeritzte Markierungen an den Wänden, die von der Gedenkstätte mit bunten Punkten markiert wurden. Die darf man natürlich nicht einfach entfernen. Da denkt man gleich an VFX in der Postproduktion. Aber dafür gab es kein Geld. So viele Sachen, wo man sich drumherum hangeln muss. Das ist nicht einfach und das funktioniert dann nur mit einem tollen Team und einer guten Dynamik. Das hatten wir.
Franziska Stünkel: Wir haben uns auch inszenatorisch und visuell im Vorfeld entschieden, dass wir die Auflösung sehr reduziert halten und die knappe Zeit anders investieren. Zum Beispiel die erste Szene: Sie spielt in einem Gefangenentransporter. Manchmal wurden Gefangene nicht nur zum Gericht gefahren oder verlegt, sondern lange herumgefahren, ohne zu wissen, wohin, in einer sehr engen Zelle ohne Fenster. Das galt der Machtdemonstration und der psychischen Zermürbung. Diese Szene ist auch in dem Originalwagen gedreht worden. Wir hatten dafür knapp eine halbe Stunde Zeit. Da kann man natürlich die Entscheidung treffen und sagen: Wir drehen jetzt verschiedene emotionale Zustände und Bildgrößen, damit wir genug Material für den Schneideraum haben. Wir haben uns stattdessen für eine einzige Einstellung entschieden, um Lars Eidinger in dem Moment die Zeit zu geben. Aus diesem Grund zehn Minuten absolute Stille, das zu fühlen, diesen Ort, diesen Gefangenentransporter. Das gesamte Team hat bewegungslos dagestanden und geschwiegen, um dann diesen einen Moment zu greifen, und den dann zu drehen. Deshalb ist das auch ein „One-Take“ gewesen.

Das stelle ich mir unter diesem massiven Zeitdruck nicht gerade einfach vor. Wie hat das funktioniert?
Nikolai von Graevenitz: Uns war es wichtig, einen Raum zu kreieren, in dem der Zeitdruck möglichst nicht spürbar ist. Wir haben lieber auf Einstellungsgrößen verzichtet.
Franziska Stünkel: Genau. „Nimm dir die Zeit, bis dieses Gefühl da ist.“ Dadurch, dass Lars in jeder Szene und nahezu jeder Einstellung vorkommt, haben Nikolai, Lars und ich an jedem Drehtag miteinander gearbeitet. Wir mussten uns nicht immer wieder neu finden, sondern in der Kontinuität sind Intensität und Vertrauen gewachsen. Das hat auch sehr geholfen, so zu drehen.
Nikolai von Graevenitz: Das ganze Team war sehr konzentriert. Besonders, weil klar war, dass wir nur wenige Einstellungen drehen. Ein bisschen wie früher zu Zeiten des analogen Films.
Franziska Stünkel: Ich habe auch schon viel im Vorfeld mit den Schauspieler:innen und dem Team über das gesprochen was in den Räumen stattgefunden hat, und was ich in der Recherche und vielen Einzelgespräche von Zeitzeug:innen und Historiker:innen erfahren habe. So haben wir viele Gedanken schon vor dem Betreten des Sets ausgetauscht. Das war für diese Art zu drehen auch wichtig.

Filmstill aus "Nahschuss"
Das Kreativ-Team setzte auf historische Genauigkeit, so etwa beim DDR-Blau als Kontrastpunkt. (Foto: Alamodefilm / Nikolai von Graevenitz) (Bild: Franziska Stünkel)

Du hast in der Pressekonferenz gesagt, dass du mit Lars geatmet hättest. Kannst du das näher ausführen?
Nikolai von Graevenitz: Die Verbindung zwischen Kamera und Schauspieler ist für mich extrem wichtig. Spannend war bei „Nahschuss“ die Beziehung zwischen Atmung und Kamerabewegung. Wenn man ganz genau hinguckt, sieht man so ein ganz leichtes Reinkriechen, oder sich leicht wieder entfernen. Dadurch entstanden minimalste Bewegungen.
Franziska Stünkel: Man kann sich im Grunde durch diesen Film mit Franz durchatmen. Deswegen auch der Verzicht auf einen Score, um die Atmung zu hören und zu spüren, wie Franz‘ emotionaler Zustand ist. Wie wir atmen, erzählt viel über uns. Auch das Schlucken ist wichtig im Ton. Man schluckt ja auch in unterschiedlichen emotionalen Zuständen unterschiedlich stark oder schnell.
Nikolai von Graevenitz: Der ganze Film ist mit einem Gimbal-System gedreht. Es wären dadurch extreme Kamerabewegungen möglich gewesen. Genutzt haben wir ihn aber letztlich und ganz bewusst für kleine organische Bewegungen und lange Einstellungen, in denen wir Franz und seinen Blicken gefolgt sind.
Franziska Stünkel: Auf Augenhöhe. Wir haben generell auch keine Establisher gedreht.

Bis auf die Ankunft vom Gefangenentransport, was dann natürlich umso mehr heraus sticht.
Franziska Stünkel: Genau, es wirkt wie ein Establisher, doch wir wissen, dass Franz in dem Gefangenentransporter sitzt. Dadurch bleibt die Wirkung bestehen, dass wir den ganzen Film durch immer bei Franz sind. Es gibt keine Szene ohne ihn.

Wie war euer Farbkonzept? Vor allem weil dieses Blau gegen Ende so brutal heraussticht.
Nikolai von Graevenitz: Die DDR hatte ganz bestimmte Farbtöne, wenn man sich diese Zeit anguckt. Wir sind da reduziert vorgegangen, aber am Ende kommt im Gefängnis ein DDR-typisches Blau. Die FDJ hatte auch dieses Blau, glaube ich.

Das Blau ist historisch, die Inhaftierten haben solche Gefängnisanzüge getragen. An der Farbe ist nichts manipuliert, das Blau ist auch im Grading so übernommen worden, wie es wirklich war. Als starker Kontrastpunkt war es uns auch willkommen, weil wir vorher sehr farbmonochrom gestaltet haben und Franz in diesem Blau jetzt farblich wie ein Fremdkörper wirkt, abgegrenzt. [15125]


Sie möchten gern mehr erfahren? Hier geht es zum Rest des Interviews mit Franziska Stünkel und Nikolai von Graevenitz!


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