Anzeige
Anzeige
Nachhaltige Produktion mit eigener Muskelkraft auf dem Lastenrad

Die Stadt erschließen

Beim Dokumentarfilm-Dreh in der Stadt geht oft viel Zeit mit Stau und Parkplatzsorgen verloren. Doch Regisseur Johan von Mirbach und DoP Frank Kranstedt stiegen für die Dreharbeiten von „Wie gelingt die Verkehrswende?“ weitgehend aufs Lastenrad. Damit leistete das Team nicht nur einen Betrag zum Green Producing, sondern es wirkte sich auch positiv auf Gestaltung und Abläufe aus.

Ein Drehteam mit zwei Lastenrädern
Fotos: Frank Kranstedt, Johan von Mirbach, Frank Gromann

Gerade unsere Großstädte sind mit Autos verstopft, die Verkehrswende soll nicht nur zu lebenswerteren Städten führen, sie ist auch ein wichtiger Bestandteil im Kampf gegen die Klimakrise. Darum stellen sich Autor und Regisseur Johan von Mirbach und Produzent Valentin Thurn in ihrem 52-minütigen Dokumentarfilm die titelgebende Frage: „Wie gelingt die Verkehrswende?“ Sie wollen aufzeigen, wie Großstädte die Mobilität ihrer Bewohner so verändern können, dass sie ökologischer und emissionsärmer ist, weniger Verkehrsopfer fordert und so die Städte attraktiver macht. Und Fahrräder sind ein wichtiger Schlüssel dafür. Also kam von Mirbach in der Vorbereitung irgendwann die zündende Idee: „Lasst uns das Thema des Films auch in der Produktion realisieren!“

Produzent Thurn und Kameramann Kranstedt, zu diesem Zeitpunkt schon fest beim Projekt engagiert, waren sofort Feuer und Flamme. „Das ist unser Beitrag zu Green Producing“, betont Thurn. DoP Frank Kranstedt sah sofort auch den ganz praktischen Nutzen: „Beim Dreh in Großstädten verbringt man meist die Hälfte des Tages mit Stau und Parkplatzsorgen.“ Und die Kamerafahrten mit dem Fahrrad reizten ihn.

Physis und Sicherheit

„Die Physis sollte hier nicht unterschätzt werden“, sagt der Regisseur. Ganz ungeübt und unsportlich sollte man vielleicht nicht sein, gibt der Produzent zu bedenken, aber das sind die meisten Dokumentarfilmschaffenden ohnehin nicht. Von Mirbach fährt selbst seit mehreren Jahren Lastenrad und von Tonmeister Gromann weiß von Mirbach, dass der ebenfalls ein passionierter Radfahrer ist. Also stimmte auch der sofort zu. Aber wohl nicht alle hätten bei diesem Experiment mitgemacht, denn als Gesamtstrecken kamen bei ihrem Dreh etwa 40 Kilometer täglich zustande. „Du musst das Rad auch halten können, dass es nicht umkippt“, betont von Mirbach. Die Räder selbst wiegen etwa 30 Kilogramm, beladen kommen noch mal 20 Kilogramm hinzu – und der Mensch an der Kamera.

Filmstill aus „Wie gelingt die Verkehrswende?“
Gewusel auf der Fahrrad-Schnellstraße: Filmstill aus „Wie gelingt die Verkehrswende?“

Damit übernehme man auch eine große Verantwortung für die Sicherheit des DoP, sagt von Mirbach: „Frank hält die Kamera vor sich und würde einen möglichen Unfall daher viel zu spät sehen.“ Doch Frank Kranstedt fühlt sich vorne im offenen Lastenrad wohl und beim Fahrstil des Regisseurs absolut sicher. Kamerabühne und Ähnliches hat von Mirbach schon bei anderen Drehs gemacht, so auch Kamerafahrten. Das war auf dem Lastenrad also nichts Neues für ihn. Er wählte dafür einen sehr niedrigen Gang, um möglichst stabil fahren zu können. Und damit die Bilder gut werden, muss er nah auf die gefilmten Objekte auf- und dann daran vorbeifahren. „Du musst schon auf wahnsinnig viel achten, damit alles sicher bleibt“, sagt der Regisseur, denn 20 bis 30 Stundenkilometer kommen da mit Unterstützung des Elekto-Akkus durchaus zustande. „Und eine Fahrt ist nur eine Fahrt, wenn du auch fährst“, scherzt DoP Kranstedt: „Gerade im dichten Gewusel war es für Johan nicht so einfach, nicht ins Stop-and-Go zu kommen, sondern kontinuierlich durchfahren zu können.“ Mit dem visuellen Ergebnis dieser Lastenradfahrten ist der Kameramann sehr zufrieden.

Für Autos gesperrt

Gerade dieses Fahrradgewusel, wie auf einer der vielen Fahrradschnellstraßen in Kopenhagen, ist eine der Szenen, die das Team vom Auto aus gar nicht hätte drehen können. Tausende Menschen pendeln auf diesen Fahrradschnell- straße tagtäglich zur Arbeit. Mittendrin radelte Johan von Mirbach in seinem Lastenrad, Frank Kranstedt mit der Kamera über der Schulter vorne im Korb, Tonmeister Ralph Gromann transportierte im zweiten Lastenrad die Technik. „Für unseren Film ist es besonders wichtig, Teil dieser neuen Mobilität zu sein, und an Plätzen zu drehen, die schon für die Zukunft stehen“, betont von Mirbach: Die Ramblas in Barcelona oder das Pariser Seine-Ufer wurden im Rahmen der Verkehrswende für den Autoverkehr gesperrt und sind daher nur noch zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen. „Je mehr die Verkehrswende voranschreitet, desto mehr wird es auch für Drehs mit ganz anderen Themen wichtig werden, solche Bereiche ohne Autoverkehr befahren zu können“, sagt Produzent Thurn.

Drehteam mit Lastenrad
Nicht normierte Cases sind derzeit noch ein Problem beim Mieten von Lastenrädern für den Dreheinsatz.

Beautyshots beim Vorbeifahren

Während bei anderen Drehs große Zeitpuffer für Stau und Parkplatzsuche eingeplant werden, kamen sie hier mit dem Lastenrad auf die Minute genau an, sagt Johan von Mirbach: „Unsere Zeitplanung und die Angaben von Google-Maps stimmen immer.“ Manchmal allerdings ergab sich doch ein Grund fürs Zuspätkommen, wenn sie durch die Städte radelten und sich urplötzlich ein wundervolles Motiv auftat. „Wir erschließen uns die Stadt! Wir wussten vorher gar nicht, dass wir dort stehen und drehen wollen“, sagt Kranstedt: „Sonst läuft es so ab: Hinfahren und Parken dauert 40 Minuten, um dann 5 Minuten zu drehen.“ So blieb einfach mehr Zeit, um tolles Material zu drehen: „In der Summe ist das dann vielleicht nicht mehr Material. Aber das Material zeigt eine viel größere Vielfalt, an viel mehr Orten und mit viel mehr Fahrten“, sagt DoP Kranstedt. Und auch die Interviewpartner waren von dem Team auf dem Lastenrad sehr positiv überrascht, unter anderem Lastenrad-Visionär Hans Fogh aus Kopenhagen oder Johanna Schelle von Initiative Radbahn in Berlin. „Das hat uns Türen geöffnet“, sagt der Regisseur. [15213]

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.