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TV-Dokumentationen über das Dorfleben in der Uckermark

Die Kamera als Eintrittskarte

Die Filmemacherin Lola Randl und der Kameramann Philipp Pfeiffer leben seit 13 Jahren auf dem Dorf und machen Filme darüber, zunächst für den WDR, nun auch für Arte. Mit ARRI AMIRA und Festbrennweite dokumentieren sie ihren turbulenten Projekt-Alltag zwischen Gartenarbeit, Kochexperimenten, zugewanderten Berliner Medienmenschen und alteingesessenen Dörflern. Für Arte produzieren sie in dem Ambiente nun eine ungewöhnliche Talkshow-Reihe.

Lola Randl mit einer Kamera auf dem Easyrig
Foto: Lola Randl, Philipp Pfeiffer

Jakob, Berliner und Filmproduzent, hat eine Angel, aber keinen Plan. Den macht ihm der Besitzer des örtlichen Anglerladens. Später versucht ihm Dorfnachbar Detlef praktisch zu zeigen, wie man eine Angel auswirft. In der Zwischenzeit steht Andrea, Berlinerin und Ärztin, mitten in einem Feld und fragt: „Ist das Weizen oder Gerste?“ Sie wird die Antwort googeln und auch Jakob wird, trotz der Praxisanleitung durch Nachbar Detlef, letztlich doch ein YouTube-Video zu Rate ziehen.

Pointierter kann man das merkwürdige Verhalten von Großstädtern auf dem Lande kaum zeigen als in Lola Randls und Philipp Pfeiffers TV-Serie „#Landschwärmer“, entstanden 2014/15 für den WDR, und in ihrem Kinofilm „Von Bienen und Blumen“, der drei Jahre später entstand. In diesen Filmen reden die Protagonisten ohne Unterlass – was sie gerade tun, warum und wie sie es tun und was es ihnen bedeutet. Sie sind ruhelos in ihren Projekten unterwegs – Gärtnern, Kochen, Basteln, Bauen – und werden dabei von ihren Uckermärkischen Dorfnachbarn gleichzeitig misstrauisch beäugt und fürsorglich unterstützt. Kein Off- Kommentar sortiert den Lauf der Ereignisse und nur ab und an wirft die Person hinter der Kamera eine Frage ein. Das alles ist so unterhaltsam, weil man als Zuschauer dauernd neue Berliner und Brandenburger Originale trifft und nebenbei noch lernt, wie man angelt, Kirschkernkissen bastelt, ohne einen Webstuhl weben und Getreide bestimmen kann: ein Survival-Guide für das Leben auf dem Land.

Untypische Melange

Auch genretechnisch ist die „#Landschwärmer“-Reihe ein ungewöhnliches Mischformat. „Zum Beispiel eine untypische Kochshow, bei der man sieht, wie die Zutaten besorgt werden, woher die Rezepte kommen, wie gekocht und gegessen wird, was die Leute denken und wie während der Produktion die Kinder gehütet werden, weil die Care-Arbeit während der Produktion nicht hinter die Kamera verschwindet“, sagt Lola Randl über ihre Serie. Die zwei Staffeln mit den je sechs halbstündigen Folgen haben Randl und Pfeiffer im Auftrag des WDR produziert, der sie 2014 und 2015 ausstrahlte, derzeit zu sehen noch auf YouTube und in der MDR Mediathek.

Porträtfoto von Lola Randl
Kamerafrau und Filmemacherin Lola Randl (Foto: Lola Randl, Philipp Pfeiffer)

„Wir hatten dabei das Riesenglück, dass der WDR uns einen Freifahrtschein für dieses wilde, TV-unübliche Format ausgestellt hat. Das wiederum beruhte auch auf dem Vertrauen, das wir uns zuvor durch zwei Kinofilme für den Sender erworben hatten“, berichtet Filmemacherin, Drehbuchautorin, Kamerafrau und Schriftstellerin Lola Randl und fügt hinzu: „Allerdings hatten wir auch erst für die zweite Staffel ein übliches Budget von um die 30.000 Euro pro Folge zur Verfügung.“ Als eine Art Folgeprojekt, im selben Ambiente und mit den bekannten Protagonisten drehten Randl und Pfeiffer 2018 den Kinofilm „Von Bienen und Blumen“, aktuell bei Netflix und in der ARD Mediathek.

Für diese gemeinsamen Projekte haben die beiden Filmemacher, die auch privat ein Paar sind, die Produktionsgesellschaft Tohuwabohu gegründet, sind aber auch in zahlreichen eigenen Projekten aktiv. So stand Randl 2019 mit ihrem Buch „Der Große Garten“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und Pfeiffer, Kameraabsolvent der Filmhochschule Ludwigsburg, realisiert als DoP Musikvideos, Werbefilme, Fernsehproduktionen und Kinofilme. Geboren sind die Landleben-Reportagen aus dem realen Leben der beiden und aus Randls Befürchtung, nach der Geburt ihrer Kinder zunächst nicht mehr unter normalen Produktionsbedingungen arbeiten zu können. „Für Paare mit Kindern gibt es, sofern sie beide in derselben Branche arbeiten möchten, wenige Arbeitsverhältnisse, die noch familienunfreundlicher sind als das Filmgeschäft. An diesen Verhältnissen muss man dringend etwas ändern“, fordert die gebürtige Münchnerin.

So hat sie, quasi aus ihrer Familiensituation heraus, mit „#Landschwärmer“ ein neues Format entwickelt, „auch weil ich darin Babys im Bild zeigen konnte, die plärren, rumkrabbeln und einfach mit dabei sind“, sagt Randl. Konsequenterweise drehte sie in ihrem Umfeld und in ihrem Alltag, vorwiegend alleine, ohne Team, mit einer EOS 5D Mark II und einem Objektiv 35 mm T1.4 ZEISS Prime. Der Ton kam über das Kameramikrofon.

„Dieses Setup hat den Look der Filme stark geprägt, weil man mit der Kamera nie weiter als etwa 1,50 Meter von den Gefilmten entfernt sein konnte. Deshalb gibt es bei „#Landschwärmer“ ganz viele Dialogsituationen mit Lola als Interviewerin, mit der Kamera zwischen sich und den Interviewten“, beschreibt DoP Pfeiffer das Konzept der Serie.

Lola Randl mit einer Kamera auf dem Easyrig
Auch beim neuen Arte-Talkformat setzen Lola Randl und Philipp Pfeiffer auf ARRI-AMIRA-Kameras mit Festbrennweiten. (Foto: Lola Randl, Philipp Pfeiffer)

Mit der Kamera erkunden

Im Gegensatz zu Pfeiffer hat Randl keine spezifische Ausbildung hinter der Kamera. Sie hat aber auch bei ihren frühen Kurzfilmen bereits die Kamera gemacht. „Dabei habe ich einen eigenen Stil entwickelt, eine stark personalisierte, subjektive, fragende Kamera“, erklärt sie. Die ist für sie gleichzeitig auch eine Eintrittskarte zu den Protagonisten und zu bestimmten Gesprächssituationen. „Ich richte nichts vorher ein, um es abzufilmen, sondern nutze die Kamera als Erkundungswerkzeug“, fügt sie hinzu.

Diese Arbeitsweise bei ihren Dokumentationen haben die beiden aus den gemeinsamen Spielfilm- Produktionen übernommen, so etwa bei „Die Besucherin“, 2008 nominiert für den Europäischen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Fiction: Drehbuch eines Nachwuchsautoren“. „Dort sind Emotionen, Befindlichkeiten, Fallhöhen, Aufs und Abs die Regel. Auch bei unseren Dokumentarfilmen versuchen wir solche Ereignisse zu evozieren“, sagt Pfeiffer. [15116]


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