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Regisseur Jakob M. Erwa zu Gast im „Hinter der Kamera“-Podcast

Mit Haltung – Regisseur Jakob M. Erwa im Gespräch

Der „Hinter der Kamera“-Podcast im Heft 10.2021 verzeichnet eine Premiere: Erstmals ist an dieser Stelle ein Regisseur zu Gast. Podcast-Gastgeber Timo Landsiedel spricht mit Jakob M. Erwa über seine Arbeit und einige ausgewählte Werke. Außerdem verrät der Österreicher Erwa, warum durch Diversität in Entwicklung, Team und Casting interessantere Geschichten entstehen.

Regisseur Jakob M. Erwa Portrait
(Foto: Sven Serkis)

Jakob M. Erwa mag weder die seichte Unterhaltung noch das Moralisieren. Für ihn kann gute Unterhaltung auch eine Haltung haben. In seinen Werken versucht der gebürtige Grazer, genau diesen Anspruch umzusetzen. Dass ihm das gelingt, davon zeugen eine ROMY-Nominierung sowie viele Auszeichungen wie der Bayerische Filmpreis und der New Faces Award für „Die Mitte der Welt“ und der Große Preis der Diagonale für „Heile Welt“. Erwa wuchs mit einer Vorliebe für die wilde Mischung der Künste aus Malerei, Musik und Theater auf. Er besuchte die HTBLV Graz-Ortweinschule für Kunst und Design, wo er bereits vor der Matura, dem österreichischen Abitur, viel mit bildender und darstellender Kunst in Kontakt kam. Er sang in Bands und wollte ganz klar Rockstar werden. Als dann mit dem Abschluss auch die Entscheidung anstand, in eine dieser Richtungen zu gehen, zum Beispiel Jazzgesang zu studieren und die anderen Kunstrichtungen quasi aufzugeben, konnte er sich das nicht vorstellen. So kam er fast rational auf die Überlegung, den Weg Film auszuprobieren, weil hier viele der Kunstformen zusammenkamen.

Geballte Stärke an der Hochschule

Nach dem ersten Praktikum in Wien betrieb Erwa erst mal ein Eigenstudium und analysierte Filme aus der Videothek. Er schaute sie Szene für Szene, schrieb nieder, was hier passierte, wie es gemacht war und las parallel dazu Drehbuchratgeber. Noch immer 19 Jahre jung begann er, sich nach einem Studium umzusehen, fand aber nur zwei Hochschulen im deutschsprachigen Bereich, die nicht das Eintrittsalter von mindestens 21 Jahren vorgaben. Eine davon war die HFF München, wo er sich bewarb und 2001 sein Regie-Studium begann. Erwa hält aus heutiger Sicht die Alterseinschränkung für durchaus clever. „Weil man dadurch ein bisschen Erfahrung im Leben hat – und natürlich auch Set-Erfahrung“, so der Regisseur. Er rät heute jungen Menschen, die Filmemacher werden wollen, sich ein Jahr Zeit zu nehmen, zu reisen, sich mit der Welt zu beschäftigen. „Dadurch fällt euch vielleicht auf, was ihr erzählen wollt“, so Erwa. „Ich wusste noch nicht, was ich erzählen will.“

An der Hochschule erinnert Erwa als besonderen Moment das erste gemeinsame Drehen mit seinen Mitstudierenden. „Weil da plötzlich die geballte Stärke an Filmfreaks und Filmverrückten und Filmliebenden zusammenkam, die gemeinsam was machen wollten, nicht immer in dieselbe Richtung, aber auch daraus kann eine Stärke entstehen.“ Diese Art der Kollaboration, also anderen über die Schultern zu blicken und so weiter zu lernen, vermisst Erwa heute beim professionellen Drehen.

Erwa studierte aber erst einmal weiter und drehte dann an der HFF 2005 den Episodenfilm „Neun“. Unter anderem führte bei einer Episode auch Pia Strietmann Regie, heute bekannt für den Deutschen-Kamerapreis-Gewinner „Tatort – Unklare Lage“ mit DoP Florian Emmerich. Danach folgte 2004 der Kurzfilm „Wie Schnee hinter Glas“, den er sehr professionell anging, um ein Projekt an der Hochschule einmal ganz nach dem Regelbuch durchgespielt zu haben. „Das hat wahnsinnig lange gedauert“, erinnert sich Erwa. Diesem Projekt wollte er dann etwas Schnelles und Leichteres folgen lassen und machte sich an eine Inszenierungsübung, bei der er anfangs noch gar nicht wusste, ob wirklich ein Film daraus werden würde. Grundlage war kein fertiges Drehbuch, sondern nur eine grobe Struktur mit Szenen- und Dialogvorschlägen. Die Geschichte folgt drei Jugendlichen, die in einer denkwürdigen Nacht über die Stränge schlagen, mit der Polizei in Konflikt geraten und sich am nächsten Tag mit den Konsequenzen auseinandersetzen müssen.

 Jakob M. Erwa (im gelben T-Shirt) drehte „Heile Welt“ auf Mini-DV, hier mit Kameraassistentin Britta Lang.
Regisseur Jakob M. Erwa (im gelben T-Shirt) drehte „Heile Welt“ auf Mini-DV, hier mit Kameraassistentin Britta Lang. (Foto: Nobody & Novotny / mojo:pictures)

Mit Proben zum Debüt

Hier wollte sich der Regisseur ganz auf die Inszenierungsarbeit konzentrieren. Die Hauptrollen waren mit Laien besetzt, die übrigen Rollen mit professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern. Hier begann Erwa etwas, was ihm bis heute sehr wichtig ist: Er probte intensiv vor Drehbeginn. Dabei wurden nicht nur bestehende Szenen vorbereitet, sondern man erarbeitete neue Szenen und Improvisationen, die zum Beispiel eine Hintergrundgeschichte der Figur näher beleuchten oder gar erst schaffen. „Das wirkt dann in den folgenden Tagen noch nach“, sagt Erwa aus Erfahrung. So kommen die Darsteller mit viel tieferen Figuren ans Set, als sie im Drehbuch herauslesbar waren. Der Regisseur versucht bis heute bei jedem Projekt, diese Art der Proben irgendwie in Zeitplan und Budget einzubringen.

Um für diese leichtere Übung das Team klein und wendig zu halten, übernahm er selbst die Kameraarbeit, eine Entscheidung, die er zwar nicht bereute, aber heute als eher naiv einschätzt. Denn er gibt zu, während seiner Filmhochschulzeit bei Technikvorlesungen durchaus nicht immer ganz aufmerksam gewesen zu sein. Hier war er seinem Team unendlich dankbar, allen voran Kameraassistentin Britta Lang und Oberbeleuchter Christian Angermayer, die ihn mit Rat und Tat unterstützten. „Es ging mir auch gar nicht darum, zu sehr zu gestalten, sondern eher zu folgen, eher auch dreckig“, so Erwa. Er empfand die Dreharbeiten schon als starke Doppelbelastung, stellt aber hervor, dass es durchaus etwas Gutes hat, wenn er als Regisseur selbst die Kamera führt. So könne er noch unmittelbarer sein und auf die eigenen Impulse reagieren, ohne sie an eine weitere Person übersetzen zu müssen.

Jakob M. Erwa gibt am Set von „Katakomben“ Regie-Anweisungen, DoP Julian Krubasik hört zu
Jakob M. Erwa gibt am Set von „Katakomben“ Regie-Anweisungen, DoP Julian Krubasik hört zu. (Foto: JOYN / Neuesuper / Arvid Uhlig) (Bild: © joyn / neuesuper / Arvid Uhlig)

„Dann kam so ein 30-Minüter heraus, der sehr wild, sehr dreckig war, aber dadurch auch eine ziemlich brachiale Kraft hatte“, so Jakob M. Erwa. So wurde daraus zunächst der Kurzfilm „Heile Welt“. Aber bei der Arbeit mit den Darstellern war etwas geschehen. „Während dieser Vorgeschichten-Proben sind so wahnsinnig spannende und intensive Szenen erarbeitet und erspielt worden, die in dem Kurzfilm kaum vorkommen“, erinnert sich Jakob M. Erwa. „Ich weiß plötzlich ganz viel über deren andere Beziehungen und die finde ich total spannend. Ich würde eigentlich gerne einen Episodenfilm daraus machen.“ Rund ein Jahr später wurde so ein weiterer Drehblock anberaumt. Das hatte einerseits den Grund, dass die minderjährigen Jugendlichen nur in den großen Ferien drehen konnten. Andererseits musste natürlich ein Langfilm auch noch finanziert werden. Doch die Förderung kam und so konnten im Sommer 2006 die zusätzlichen Szenen in gleicher Manier wie beim Kurzfilm „nach“gedreht. Der Kurzfilm ging in dem Langfilm auf, bis auf eine Umbesetzung, die aus zeitlichen Gründen stattfinden musste. Beim Spielfilm überlegte Jakob M. Erwa kurz, ob er nicht die Kameraarbeit diesmal abgeben sollte. Er entschied sich jedoch dazu, die Machart beizubehalten, um alles aus einem Guss wirken zu lassen. [14821]


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