In unserer Rubrik „Drei Fragen“ stellen wir in jedem Heft eine Filmschaffende oder einen Filmschaffenden mit drei Fragen zu Arbeitsschwerpunkt, beruflichem Engagement und Freizeit vor. In unserer Ausgabe 03.2026 hat Martijn van der Linden, Bildregisseur aus Almere erzählt, warum er eine App entwickelt hat und wie Yoga seinen Kopf befreit.
Foto: John Huijbrechts
1. Was ist dein Arbeitsschwerpunkt? Ich arbeite als Bildregisseur und Vision Mixer bei Live-Produktionen. Das können große Corporate Events sein, aber genauso gut ein kleines Webinar mit nur wenigen Zuschauern. Für mich macht die Größe keinen Unterschied. Wenn eine Produktion läuft, muss sie einfach stimmen. Am meisten Spaß machen mir Konzert- und Festivalaufzeichnungen. Ich arbeite regelmäßig für den niederländischen Rundfunk VPRO und dessen Musikplattform 3voor12. Es ist jedes Mal etwas Besonderes, die Energie einer Band einzufangen und für Menschen sichtbar zu machen, die nicht vor Ort sein können. Dabei geht es für mich nicht darum, möglichst viele Kameraschnitte zu machen. Manche Künstler brauchen einen ruhigen Bildstil, andere verlangen nach Tempo und Dynamik. Ich versuche immer, die Energie auf der Bühne zu verstärken und das Publikum möglichst nah ans Geschehen heranzubringen.
Ein wichtiger Teil davon sind die Kameraleute. Wenn man jahrelang mit denselben Leuten arbeitet, versteht man sich irgendwann fast ohne Worte. Die schönsten Momente sind die, in denen ich kaum noch Anweisungen geben muss. Dann sehe ich auf der Monitorwand, wie alle im selben Rhythmus arbeiten. Die Kameras ergänzen sich gegenseitig, die Bilder fallen wie von selbst ineinander, und ich muss im richtigen Moment eigentlich nur noch den Knopf drücken. Das klingt vielleicht einfach, aber dahinter stecken viele Jahre Erfahrung und gemeinsame Produktionen. Ich halte es für ein großes Privileg, mit so vielen talentierten Kolleginnen und Kollegen arbeiten zu dürfen.
Vor einiger Zeit las ich unter einer Aufzeichnung eines Denzel-Curry-Konzerts einen Kommentar auf YouTube: „This whole concert feels like a music video.“ Das ist bis heute eines der schönsten Komplimente, die ich bekommen habe. Genau das versuche ich zu erreichen. Eine Konzertaufzeichnung soll mehr sein als nur eine Dokumentation dessen, was auf der Bühne passiert. Kameraführung, Schnitt und auch Shading tragen dazu bei, die Musik visuell zu unterstützen und dem Ganzen eine eigene Atmosphäre zu geben.
Regelmäßig arbeite ich außerdem im Bimhuis in Amsterdam. Dort produzieren wir mit einem kleinen Team Livestreams von Jazzkonzerten für den YouTube-Kanal des Hauses. Ich steuere sechs Canon-PTZ-Kameras und übernehme gleichzeitig das Bildmischen. Dafür habe ich mir über die Jahre einen Workflow mit Stream Decks aufgebaut, der sehr gut zu meiner Arbeitsweise passt. Daraus entstanden auch einige interessante Gespräche mit Canon über PTZ-Workflows und integrierte Produktionsumgebungen.
Durch diese Arbeit habe ich mich immer stärker für die technische Seite unseres Berufs interessiert. Irgendwann begann ich, mich mit Programmierung und Systemarchitektur zu beschäftigen. Daraus entstand schließlich PocketOP, eine App, die heute im App Store verfügbar ist. Die Idee war eigentlich ganz simpel. Ich wollte bei einer Vorbesichtigung schnell sehen können, ob eine bestimmte PTZ-Kamera in einem Raum überhaupt den gewünschten Bildausschnitt erreichen kann. Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt ein größeres Projekt. Inzwischen enthält die Datenbank rund 800 Objektive und PTZ-Kameras.
Mehr als vierzig Kolleginnen und Kollegen aus der Broadcast-Branche haben die App während der Betaphase getestet. Viele Funktionen gehen direkt auf deren Feedback zurück, etwa der Objektivvergleich, die Anzeige von Bilddimensionen oder die Scout-Liste, die sich mit Kunden und Kollegen teilen lässt. Momentan arbeite ich an einer CSV-Exportfunktion, damit die Daten direkt in Produktions- oder Verleihsoftware übernommen werden können. Wenn genügend Interesse besteht, würde ich die App auch gern für Android entwickeln. Trotzdem bin ich nach wie vor in erster Linie Bildregisseur. Die Entwicklung der App ist für mich keine Ablösung meines eigentlichen Berufs, sondern eine Erweiterung. Die Grenze zwischen Anwender und Entwickler ist im Laufe der Jahre einfach immer kleiner geworden.
2. Bist du in einem Verband aktiv?
Ich bin Mitglied bei FIM, Freelancers in de Media. Der Verband wurde 2024 von Freelancern aus der niederländischen Fernsehbranche gegründet und vertritt die Interessen von Selbstständigen im Medienbereich.
Mit den aktuellen Veränderungen rund um das DBA-Gesetz und das geplante Wet VBAR stehen viele Freelancer in den Niederlanden vor wichtigen Herausforderungen. Ich glaube, dass man sich organisieren muss, wenn man als Berufsgruppe ernst genommen werden will. Genau dafür setzt sich FIM ein.
3. Wofür schlägt dein Herz außerhalb der Arbeit?
Yoga hilft mir, den Kopf freizubekommen. Wenn man beruflich ständig mit Technik, Planung und Live-Situationen beschäftigt ist, tut es gut, eine Stunde lang an etwas völlig anderes zu denken.
Am wichtigsten sind für mich aber meine Familie, meine Frau Silke und unser Hund Elmo. Elmo gehört für mich ganz selbstverständlich zur Familie. Wir sind oft zusammen in den Wäldern oder am Strand unterwegs, und manchmal kommt er auch mit aufs SUP-Board. So lade ich am besten wieder meine Batterien auf. [15631]