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Wie kann man sich auf Gefahrenlagen bei Demonstrationen vorbereiten?

Krisengebiet Corona-Demo

Wie kann man sich bei der Berichterstattung für die Konfrontation mit aggressiven Demonstrierenden wappnen? Enno Heidtmann, Experte für die journalistische Arbeit in gefährlichen Lagen, gab in unserem Heft 4.2022 Tipps für die Praxis.

Polizisten und Berichterstatter auf einer Demonstration
Foto: Enno Heidtmann

Kameras werden heruntergerissen, Journalisten werden angeschrien: „Lügenpresse – auf die Fresse!“ Oft bleibt es nicht bei der Drohung und Demonstrierende üben tatsächlich körperliche Gewalt aus, schlagen und treten. Solche Bilder sind alltäglich geworden, insbesondere bei Veranstaltungen, Kundgebungen und Demonstrationen im „Quer- denker“- und Coronaleugner-Milieu. Dass Berichterstatter zum Ziel gewalttätiger Demonstrierender und gelegentlich auch von Polizeigewalt werden, ist kein aktuelles Phänomen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Zeitgeschichte, von den Brokdorf-Demos der 1970er Jahre über den G 20-Gipfel in Hamburg, die 1.-Mai-Demos in Berlin bis zu den Pegida- und „Querdenker“-Aufmärschen der Gegenwart. Den subjektiven Eindruck, dass sich dieser Trend zunehmend verschärft, bestätigt eine Untersuchung der Media Freedom Rapid Response. Das ist eine Beobachtungsstelle, die solche Vorfälle europaweit sammelt und auswertet. Zuletzt hat sie eine Statistik solcher Ereignisse für das erste Halbjahr 2021 vorgelegt. Dort rangiert Deutschland mit 59 erfassten Vor- fällen und 90 betroffenen Kolleginnen und Kollegen europaweit auf Platz 1. Man kann aber davon ausgehen, dass es hier eine hohe Dunkelziffer gibt.

Enno Heidtmann ist Experte für die journalistische Arbeit in gefährlichen Lagen ist Er war 14 Jahre lang als Soldat im Einsatz, unter anderem bei internationalen Missionen. Danach studierte und lehrte er Journalismus, PR, Politische Kommunikation und Medienpsychologie an der Hochschule Fresenius, Campus Hamburg. Seine journalistische Arbeit hat ihn in zahlreiche Kriegs- und Krisenregionen geführt, unter anderem nach Afghanistan, in den Libanon, nach Sy- rien, in den Irak und nach Zentralafrika. Seine Erfahrungen und Erkenntnisse bezüglich der journalistischen Arbeit in gefährlichen Umgebungen und Situationen hat Heidtmann in verschiedenen Büchern verarbeitet. Er hat für uns einige wichtige Verhaltensregeln zusammengefasst.

Porträt von Enno Heidtmann
Enno Heidtmann ist Experte für die journalistische Arbeit in gefährlichen Lagen. (Foto: Christian Schnebel)

Herr Heidtmann, Kurse für Journalisten zur Vorbereitung auf den Einsatz in Kriegs- und Krisengebieten sind bekannt und werden intensiv genutzt. Kurse zur Vorbereitung auf den Einsatz auf Demonstrationen im Inland scheinen Mangelware zu sein. Deckt sich diese Beobachtung mit Ihren Informationen?
Das stimmt so und das ist wirklich bemerkenswert. Spätestens seit den Pegida-Demos, ab 2015, 2016 sind Übergriffe auf Journalisten so häufig geworden, dass man sich längst über Beratungs- und Trainingsmaßnahmen hätte Gedanken machen müssen. Ich weiß allerdings nicht, was die Sender und Verlags- häuser an internen Vorbereitungsmaßnahmen anbieten.

Waren Sie auch schon selbst von Übergriffen betroffen?
Ganz generell gesagt hatte ich in Afghanistan teilweise ein besseres Gefühl als etwa beim G-20-Gipfel in Hamburg. Wenn die Menschen um dich herum Waffen tragen, dann bist du auf der Hut. Wenn sich die Gewalt aber spontan aus einer unbewaffneten Menge heraus entwickelt, dann ist das schwerer einzuschätzen. Ganz konkret hatte ich einmal bei einem Dreh einer „Refugees Welcome“-Demo von St.-Pauli-Fans von einem Angreifer gezielt eine Flasche über den Kopf bekommen. Ich hatte sogar Schnittbilder dieses Angriffs und des Angreifers, aber das Verfahren wurde eingestellt. Ich wurde auf mein Berufsrisiko als Berichterstatter hingewiesen. Ein Wahnsinn!

Wie haben Sie damals reagiert? Wie schützt man sich in solch einer Situation?
Ich habe in der Situation, unmittelbar nach dem Angriff, sofort den Schutz der Polizei und anwesender Kollegen gesucht. Damals habe ich auch damit angefangen, mir systematisch über Vorkehrungen und Schutzmaßnahmen bei Demos Gedanken zu machen. Einige Verhaltensregeln kann ich also durchaus formulieren.

Dann formulieren Sie die gerne einmal für uns.

Zunächst einmal macht es Sinn, sich vor dem Start der Demonstration ein persönliches Lagebild bei den Pressesprechern der Polizei abzuholen: Wie viele Teilnehmer, wie viele Gegendemonstranten, welcher Verlauf wird erwartet, wo sind mögliche Hotspots. So lernen die einen dann auch gleich persönlich kennen, für zukünftige Anfragen.

Kennen sie Fälle, in denen Journalisten „embedded“, also als Gruppe eingebettet in Polizeikräfte, von Demonstrationen berichtet haben?
Über das Konzept des „embedded journalism“, über seine Vor- und Nachteile, habe ich in meinen Büchern geschrieben. Aus dem Inland ist mir das Angebot aber nicht bekannt. Ich habe allerdings auch schon kritische Lagen auf Demos erlebt, in denen die Polizei uns Berichterstattern anbot, sich in der Nähe des Wasserwerfers oder des Pressesprechers aufzuhalten. Gerne machen die das aber nicht, weil man dort ja auch stört. Vor allem zwischen den Polizeiketten sollte man sich aber nicht aufhalten. Wenn die plötzlich Befehl bekommen „aus der Postenreihe“ zu gehen, dann kann es gefährlich werden.

Pressevertreter auf einer Demonstration
Sich deutlich als Pressevertreter zu kennzeichnen, kann auf Demonstrationen die persönliche Sicherheit erhöhen. (Foto: Enno Heidtmann)

Melden Sie sich auch bei den Organisatoren der Demo an?
Auch das macht unter Umständen Sinn. Mir fällt dazu als Beispiel die Pressegruppe des autonomen Hamburger Zentrums Rote Flora ein, die sehr medienaffin ist und großen Wert auf ihre Darstellung in den Medien legen. Da wird man durchaus interessiert wahrgenommen und mit Infor- mationen versorgt. Wichtig ist es aber natürlich immer, den objektiven Standpunkt zu wahren.

Wie sollte man sich als Berichterstatter auf der Demo bewegen, um gleichzeitig sicher zu sein und gut arbeiten zu können?
Noch einmal: Eine wichtige Verhaltensregel ist es, während der Demo den Schutz und die Gesellschaft von Polizei und Kollegen zu suchen. Speziell bei Demos, die einen brisanten Verlauf zu nehmen drohen und bei denen die Presse explizit nicht erwünscht ist, empfiehlt es sich, nicht alleine mitzulaufen. Wenn die Demo gestoppt oder aufgelöst wird, sollte man sich hinter die Polizeikette in eine Schutzzone zurückziehen und die Gefahrenzone verlassen. Speziell Bildberichterstatter mit ihrer Technik können dynamische Situationen naturgemäß nur eingeschränkt wahrnehmen und reagieren langsamer. [15096]


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