Für „Materia Prima“ begaben sich DoP Börres Weiffenbach und Regisseur Jens Schanze in Bolivien auf eine visuelle Spurensuche zwischen technologiegetriebener Gegenwart und kolonialer Vergangenheit.
Foto: Börres Weiffenbach
„La unión es la fuerza.“ Die Einheit ist die Stärke: So lautet das Nationalmotto Boliviens. Doch von dieser beschworenen Einigkeit ist wenig zu spüren. Über Jahrhunderte wurden ganze Regionen ausgebeutet, zunächst waren es Silber und Zinn, später Erdöl und Erdgas. Profitiert haben vor allem ausländische Interessen, teilweise auch die Regierungen des Landes. Die ländlichen Regionen blieben hingegen arm. Heute scheint sich diese Geschichte zu wiederholen.
Den Kampf der indigenen Bevölkerung Boliviens um Beteiligung an den Verhandlungen ihrer Regierung mit der Europäischen Union über den Abbau von Lithium wählte Dokumentarfilmregisseur Jens Schanze als Thema für seinen Film „Materia Prima“. Erneut holte er dafür DoP Börres Weiffenbach an seine Seite. Die beiden realisierten bereits Ende der 1990er Jahre ihre ersten gemeinsamen Projekte und arbeiten seither kontinuierlich zusammen.
Lithium und Widerstand
Neben Weiffenbach gehörte auch Filmtonmeisterin Claudia Leder zum Drehteam. In Bolivien arbeiteten sie mit lokalen Kräften zusammen, darunter Produktionsleiterin Patricia Quintanilla, Kameraassistent Carlos Martinez und Rodrigo Mamani aus Uyuni. Gerade Mamani erwies sich vor Ort als unverzichtbar: Er organisierte Unterkünfte, Infrastruktur und den Zugang zu den Communities – alles andere als selbstverständlich.
Regisseur Jens Schanze kannte Bolivien bereits aus einem längeren Aufenthalt Anfang der 1990er Jahre. Für „Materia Prima“ musste er sich jedoch intensiv mit den aktuellen politischen Entwicklungen auseinandersetzen. Im Salar de Uyuni liegt mit geschätzt rund 23 Millionen Tonnen eines der weltweit größten Lithiumvorkommen. Der Rohstoff gilt als zentral für die Produktion moderner Akkus und ist entsprechend begehrt, auch für die Europäische Union.
Die Recherche zum Film begann 2019, nachdem ein Vertrag zwischen der bolivianischen Regierung und einem deutschen Unternehmen über den Lithiumabbau öffentlich wurde. Während in Deutschland bereits über den Zugang zu den Rohstoffen spekuliert wurde, löste der geleakte Vertrag in Bolivien massive Proteste aus. Viele Menschen sahen darin eine Fortsetzung jener Ausbeutungsstrukturen, die das Land seit Jahrhunderten prägen.
Denn die indigene Landbevölkerung blieb erneut außen vor. Der Vielkulturenstaat Bolivien ist zwar stolz auf seine 36 Ethnien und Sprachen, die auch in die Verfassung aufgenommen wurden. Doch die Regierung schafft es nicht, die großen indigenen Gruppen angemessen einzubinden, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen. Doch dieses Mal wollten sie nicht erneut das Nachsehen haben – und organisierten sich.
DoP Börres Weiffenbach arbeitete meist mit dem Tamron 35–150 mm Zoom. (Foto: Börres Weiffenbach)
Recherche
Jens Schanze nahm zunächst Kontakt zu dem deutschen Unternehmen auf und beschaffte sich Informationen zu den Hintergründen der Verhandlungen. Die geplante Recherche in Bolivien wurde jedoch durch den Lockdown 2020 unterbrochen. Erst im Herbst 2021 konnte Schanze für drei Wochen nach Bolivien reisen. Über eine Professorin der Universidad Mayor de San Andrés (UMSA) in La Paz entstand dabei der Kontakt zu Rodrigo Mamani aus Uyuni.
„Eine der größten Herausforderungen war es, nicht ungewollt eine eurozentristische Perspektive zu reproduzieren“, sagt Jens Schanze. Dafür musste vor Ort ein Netzwerk aufgebaut werden. „Wir wollten viele verschiedene Perspektiven abdecken oder sogar einnehmen.“ Entscheidend war dabei, die richtigen Menschen vor der Kamera zu finden. Gemeinsam mit Rodrigo Mamani und der Produktionsleiterin Patricia Quintanilla suchte das Team gezielt nach Protagonisten, die den Konflikt aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählen konnten. „Wir haben schnell gemerkt, dass viele der Personen, die wir kennen gelernt haben, sehr starke und überzeugende Charaktere sind“, erklärt Schanze. „Diese Erfahrungen sind in die Entwicklung des Konzepts eingeflossen. Wenn man dann zwei Jahre später zu drehen beginnt, muss dieses Konzept natürlich laufend hinterfragt und angepasst werden.“
Die Dreharbeiten erstreckten sich schließlich über mehrere Phasen zwischen Herbst 2023 und Winter 2024. Neben größeren Drehblöcken entstand dabei auch kurzfristig eine kleinere Einheit, die Schanze gemeinsam mit lokalen Kräften realisierte. [15616]