Anzeige
Anzeige
Production Value im KI-Zeitalter

Zwischen Kamera und KI (2)

Die real gedrehten Smartphone-Aufnahmen für das Musikvideo bildeten die Grundlage für einen KI-gestützten Workflow. Shamila Lengsfeld zeigt, wie sich generative Tools kontrolliert einsetzen lassen, um reale Bilder in neue visuelle Räume zu erweitern.

Sendezeit Shamila Lengsfeld
Foto: Shamila Lengsfeld

Die mit Smartphones und Kontrolle-Apps entstandenen Aufnahmen erfüllten im Produktionsprozess mehrere Funktionen. Zum einen fanden sie ihren Weg direkt in die Timeline und zeigen den Künstler in realer Umgebung, während er seinen Song performt. Diese Aufnahmen sind High-Key geleuchtet und in Schwarz-Weiß gehalten, was Shamila Lengsfeld als eine elegante Möglichkeit sieht, mit den technischen Limitationen umzugehen, die ein Smartphone im Vergleich mit Cinema-Kameras hat und natürlich auch haben muss.

Lengsfeld sind diese Grenzen bewusst, entsprechend ordnet sie Smartphones in ihrem Toolkit als Filmemacherin ein. „Ich sehe das Smartphone nicht als Ersatz für klassische Kameras, sondern als Ergänzung, je nach erzählerischer und visueller Sprache. In diesem Projekt hat das gut funktioniert, weil sich die Aufnahmen mit dem Visual-Effects-Ansatz verbinden ließen. Smartphones werden andererseits technisch immer besser und eignen sich als ernstzunehmendes Werkzeug, etwa für ungewöhnliche Perspektiven, POVs oder Bewegungen, die man früher mit Actioncams oder Drohnen umgesetzt hätte – wenn man mit einer mit einer App arbeitet, die ausreichend Kontrolle über die Kamera gibt.“

Zusätzlich hilft, dass Smartphones mittlerweile professionell nutzbare Dateiformate wie ProRes ausgeben können. „Sie liefern heute mit Log-Profilen und professionellen Codecs durchaus verwertbares Material. Bei iPhones ist ProRes direkt verfügbar, bei anderen Geräten wie dem Xiaomi muss man sich passende Codec über Umwege erschließen“, erläutert Shamila Lengsfeld. „Aber auch reines Log-Material ist eine solide Basis, mit der sich professionell weiter-arbeiten lässt. Ich würde das nicht nur für experimentelle Projekte in Betracht ziehen, sondern auch ganz klar für narrative Formate.“

Material für die Maschine

Gleichzeitig nutzte die KI-Expertin diese Aufnahmen nicht nur als fertiges Bildmaterial, sondern auch als Ausgangspunkt für die KI-gestützten Erweiterungen des Musikvideos. Die real gedrehten Smartphone-Sequenzen dienten dabei als Datensatz, an dem sich die generierten Elemente in Bewegung, Perspektive, Licht und Körperlichkeit orientierten. Statt KI-Bilder losgelöst zu erzeugen, wurden reale Performances, Kamerafahrten und räumliche Bezüge bewusst als Referenz herangezogen.

Auf dieser Basis entstanden die visuell geöffneten Sequenzen des Films: die urbanen Hochhausräume, die Flüge der Protagonisten und schließlich die Figur des Astronauten. Dessen Erscheinung und vor allem Gesichtszüge- und -bewegungen wurden aus den realen Körperscans abgeleitet und anschließend digital weiterentwickelt. Die KI übernahm dabei also nicht die Rolle eines autonomen Bildgenerators, sondern fungierte als Transformationswerkzeug, das vorhandenes Material in Bildräume überführte, die physisch nicht ohne weiteres herstellbar gewesen wären – es sei denn, das Budget hätte es hergegeben, eine SpaceX-Mission inklusive EVA zu buchen.

Sendezeit Shamila Lengsfeld
Das Smartphone-Material diente als reale Bildebene und als Referenz für die KI-Sequenzen. (Foto: Shamila Lengsfeld)

Für die KI-gestützten Erweiterungen griff Lengsfeld auf einen ganzen Werkzeugkasten spezialisierter Anwendungen zurück. Statt auf eine einzelne Lösung zu setzen, kombinierte sie klassische Postproduktion in Adobe Photoshop, Premiere und After Effects mit KI-basierten VFX-Tools wie Runway, Nano Banana Pro, Adobe Firefly und Midjourney Video. Entscheidend war dabei nicht das Tool selbst, sondern die präzise Kontrolle über das Ergebnis.

Die real gedrehten Smartphone-Aufnahmen dienten als visuelle Referenz und Datensatz, an dem sich die KI-Generierung orientieren musste. In detaillierten Prompts legte die Filmemacherin Perspektive, Brennweite, Sensorgröße und Lichtverhalten fest, bis hin zur Simulation konkreter Leica-Summilux-Optiken auf einem 1-Zoll-Sensor. Ziel war kein stilisierter KI-Look, sondern eine möglichst realistische Fortsetzung der zuvor gedrehten Bilder, mit physikalisch plausibler Bewegung, Dynamik der Kleidung und Lichtführung.

Verantwortung und Kontrolle

Wenngleich dieser Workflow modular, technisch kontrolliert und somit beherrschbar erscheint, steht für Shamila Lengsfeld außer Frage, dass sich gestalterische Verantwortung nicht an Algorithmen delegieren lässt. KI versteht sie nicht als autonomen Bildproduzenten, sondern als Werkzeug, das geführt, begrenzt und vor allem überprüft werden muss. Dabei bleibt aus ihrer Sicht unsere gemeinsame Realität die visuelle und erzählerische Referenz für jede digitale Erweiterung.

Gerade deshalb warnt die KI-Expertin davor, KI vorschnell als Qualitätsgaranten zu missverstehen. „Nicht alles wird besser, nur weil KI im Spiel ist“, sagt Shamila Lengsfeld. „Manche Dinge werden auch schneller beliebig.“ Entscheidend sei nicht, dass KI eingesetzt werde, sondern wie und mit welcher gestalterischen Konsequenz die Gestaltung entlang des Workflows geführt werde. Denn am Ende bleibe für sie eine Konstante, die unabhängig von den eingesetzten Werkzeugen und Workflows ist: „Die Verantwortung für die Bilder, die entstehen, liegt immer bei den Menschen, nicht bei der Technologie.“

Gerade in der Verbindung von Verantwortung und Kontrolle liegt auch der Beitrag solcher Workflows zur Demokratisierung von Production Value. Wenn hochwertige Bilder nicht mehr ausschließlich aus großen Budgets entstehen, sondern aus präziser Vorbereitung, kontrollierten Prozessen und klaren gestalterischen Entscheidungen, verschiebt sich der Maßstab filmischer Qualität. „Production Value entsteht für mich nicht dadurch, dass etwas teuer produziert ist“, sagt Shamila Lengsfeld, „sondern dadurch, dass eine Idee konsequent umgesetzt wird – egal mit welchen Mitteln.“ [15606]


Production Value im KI-Zeitalter

Teil 1: Dreh mit kleinem Setup
Teil 2: KI-Workflow und visuelle Erweiterung


Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.