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DoP Nico Schrenk

Die Kamera als Maschine

Beim Münchener Festival of Future Storytellers wurde Nico Schrenk für seine Kameraarbeit bei „Skin on Skin“ mit dem Student Camera Award ausgezeichnet. Im Gespräch schildert der Ludwigsburg-Absolvent, wie er und Regisseur Simon Schneckenburger den Film gestalteten.

Nico Schrenk
Foto: Nico Schrenk

Herzlichen Glückwunsch zum Student Camera Award, den Film + TV Kamera ja beim Festival of Future Storytellers, vormals Filmschoolfestival in München, seit vielen Jahren stiftet. Hast du denn noch Platz in deinem Schrank für die Trophäen? Das ist ja nicht dein erster Preis.
Danke, es haben sich auf jeden Fall schon ein paar Trophäen angesammelt, für die ich noch nicht den richtigen Ort gefunden habe. Gerade stehen die bei mir im Flur auf einer Kommode, aber ich glaube, da muss ich noch eine andere Lösung finden!

Zähl gern mal auf. Vom Deutschen Kamerapreis vor zwei Jahren weiß ich, da haben wir uns seinerzeit ja schon einmal unterhalten.
Es hat sich tatsächlich viel getan, wofür ich sehr dankbar bin. Unser Film „Skin on Skin“ hat eine wirklich schöne und aufregende Festivalreise erleben dürfen. Ein besonders prägender Moment war der First Steps Award, wo wir als Team dreifach ausgezeichnet wurden und ich den Michael-Ballhaus-Preis erhielt – eine Auszeichnung, die mich als Kameraperson besonders berührt hat.

Zur gleichen Zeit wie der Student Camera Award habe ich für „Skin on Skin“ beim Camerimage Festival den Golden Tadpole Award für die beste Nachwuchs-Kameraarbeit erhalten. Das war völlig unerwartet und eine echte Ehre. Bei meinem ersten Besuch in Toruń vor einigen Jahren habe ich mir noch gewünscht, dort überhaupt einmal mit einem Film vertreten zu sein. Dass nun ausgerechnet „Skin on Skin“ dort lief und dann auch noch ausgezeichnet wurde, war richtig überwältigend für mich. Ein Satz von Judith Kaufmanns Rede ist mir sehr in Erinnerung geblieben, als sie den Golden Frog gewonnen hat: „Talent is never limited by gender, only by opportunities.“

Erzähl mir ein bisschen über das Projekt „Skin on Skin“. Wie ist der Film entstanden?
„Skin on Skin“ war unser Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg und ist wieder in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Simon Schneckenburger entstanden. Wir hatten vorher schon gemeinsam unser Drittjahresprojekt „Everybody Leaves in the End“ gedreht.

Simon hat sich schon lange mit dem Thema Ausbeutung in unserer Gesellschaft beschäftigt, insbesondere mit moderner Arbeitsmigration und Formen von struktureller Abhängigkeit. Daraus entstand relativ früh die Idee, den Film in einem großen industriellen Schlachthof anzusiedeln, wo diese Mechanismen in zugespitzter Form auftreten.

Filmstill "Skin on Skin"
Nah an gefühlter Realität: Jonas Smulders als Jakob (Foto: Nico Schrenk)

Zu Beginn haben wir uns als Kernteam aus Regie, zwei Producern und mir für eine Woche in eine Hütte im Allgäu zurückgezogen und gemeinsam überlegt, was unser Diplomfilm sein könnte. Vieles war zunächst offen, klar war aber das geteilte Interesse an diesem Setting. In dieser Phase ging es auch noch nicht um ein konkretes Drehbuch, sondern um Fragen wie: Welche Situationen wollen wir zeigen? Welche Bilder könnten den Kern des Themas tragen? Daraus hat sich Schritt für Schritt die Geschichte entwickelt. Das Drehbuch wurde später von Simon gemeinsam mit Marie Wagner geschrieben, wir waren aber alle eng in den Entwicklungsprozess eingebunden, auch Schnitt und Produktion.

Wie ging es danach weiter?
Dann ging die eigentliche Arbeit los: das Location Scouting. Wir wussten von Anfang an, dass ein Schlachthof kein Motiv ist, das man einfach findet. Also habe ich intensiv recherchiert, vor allem nach leerstehenden Anlagen: Zeitungsartikel durchforstet, Archive gewälzt, Hinweise gesammelt und immer wieder überprüft, ob ein Ort wirklich noch geschlossen war oder inzwischen wieder genutzt wurde.

Am Ende blieben deutschlandweit nur zwei ernsthafte Optionen übrig: ein Schlachthof in Tauberbischofsheim, der seit Jahren leer stand und ohnehin abgerissen werden sollte, und ein weiterer Leerstand in Euskirchen, der aber schon teilweise anders genutzt war und für uns deswegen nicht richtig funktionierte. Realistisch gesehen gab es also nur einen einzigen Ort, an dem der Film überhaupt hätte entstehen können.

Wir haben dann gehofft, dass dieser Schlachthof nicht sofort abgerissen wird. Doch etwa zwei Monate vor Drehbeginn erhielt der Eigentümer plötzlich die Abrissgenehmigung. Nach langen Gesprächen konnten wir ihn schließlich überreden, den Abriss um wenige Wochen zu verschieben. So konnten wir drehen und direkt nach dem letzten Drehtag wurde der Ort abgerissen! Es gibt ihn heute nicht mehr.

So ein Schlachthof ist ja ohnehin schon ein sehr visuell spannender Drehort. Wie sollte der Film für dich aussehen und wie habt ihr euch dem Look genähert?
Simon und ich hatten schon lange davon geträumt, ein Projekt auf 16 Millimeter zu drehen. Schon beim vorherigen Film wollten wir das machen, damals hat es finanziell nicht gepasst. Für „Skin on Skin“ haben wir dann entschieden: Wir machen das jetzt, egal wie! Aber 16 Millimeter passte eben auch perfekt zu diesem Ort und der Erzählung.

Der Schlachthof ist ein klinischer, steriler Raum. Filmmaterial bringt dort etwas Lebendiges, Warmes hinein, das dem Setting bewusst entgegensteht. Dieser Kontrast war für uns wichtig. Natürlich haben wir auch überlegt, digital zu drehen, aber sobald der Schlachthof als Motiv feststand, war klar, dass der Film auf 16 Millimeter entstehen muss.

Was den Look betrifft, war für mich lange offen, wie stark wir gestalterisch eingreifen sollten. Die entscheidende Frage war: Wie nah bleiben wir an einer gefühlten Realität, und ab welchem Punkt wird es zu filmisch? Wir haben schnell gemerkt, dass alles, was zu stark ausgeleuchtet oder stilisiert ist, den Film eher von seinem Kern wegzieht.

Unser oberstes Ziel war, dass sich alles real anfühlt. Der Oberbeleuchter und ich haben darüber sogar gescherzt, dass wir mit diesem Licht auf keinen Fall einen Kamerapreis gewinnen dürfen. Es durfte auf gar keinen Fall „schön geleuchtet“ sein!

Floorplan
Das Blocking folgte langen Einstellungen,
weiten Wegen und komplexen Choreografien. (Grafik: Nico Schrenk)

Welche Kamera und welche Optiken hast du eingesetzt und war das eine gestalterisch wichtige Entscheidung?
Da wir auf 16 Millimeter gedreht haben, wollten wir die Optik im Hintergrund halten. Wir haben uns deshalb für Ultra Primes entschieden, weil sie sehr neutral und scharf sind und keinen zusätzlichen Look aufdrücken. Der eigentliche Charakter sollte vom 16-Millimeter-Material selbst kommen, nicht von der Optik. Dadurch wirkt das Bild weniger konstruiert und realistischer.

Gedreht haben wir mit einer ARRI 416. Ich kannte die Kamera bereits von früheren Projekten und wir hatten an der Filmakademie Zugriff auf ein funktionierendes Set mit ausreichend Magazinen, so dass man am Set nicht ständig umlegen musste. Wir hatten allerdings kein modernes Video-Assist-System, sondern nur die klassischen, niedrig auflösenden Videotaps.

Der Film ist komplett aus der Hand gedreht, mit sehr langen Bewegungen und teilweise hunderten Metern Weg in einem Take. Diese Tests waren entscheidend, um ein Gefühl für Tempo, Gewicht und Bewegungsabläufe zu bekommen. Auch am Set selbst haben wir oft zunächst mit der AMIRA geprobt, damit Regie, Kostüm und Szenenbild ein klares Bild davon hatten, was im Bild tatsächlich zu sehen ist. Danach haben wir auf die 416 gewechselt und uns vollständig auf das Filmmaterial eingelassen.

Was hast du für dich persönlich aus diesem Projekt mitgenommen?
Beim Drehen hatte ich phasenweise das Gefühl, mit der Kamera einfach einem präzise vorgegebenen Ablauf zu folgen, fast wie eine Maschine, die genau das aufzeichnet, was zuvor im Blocking und in den Proben festgelegt und getaktet worden war. Auch die Figuren bewegen sich in diesem Film sehr maschinell. Wenn wir uns das Material später angeschaut haben, hatten wir oft das Gefühl, es laufe fast in einem leichten Zeitraffer, obwohl technisch alles korrekt war.

Diese Wirkung kam aus der Strenge des Systems, in dem sich die Figuren bewegen, ebenso wie aus unserer Arbeitsweise. Dieses Mechanische war kein konstruiertes Stilmittel, sondern vielmehr ein direktes Ergebnis der Welt, die wir erzählen wollten. Deshalb hat es sich hier für mich richtig angefühlt. Gleichzeitig ist dadurch bei mir auch der Wunsch entstanden, bei den nächsten Projekten dem Cast wieder mehr Freiheit am Set zu geben und das gemeinsam mit der Kamera zu gestalten. [15611]


Das gesamte Interview mit Nico Schrenk gibt es hier!


 

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