Das ARD-Hauptstadtstudio hat seine TV-Produktion vollständig auf IP-Technologie umgestellt. Die Umrüstung auf SMPTE ST 2110 gilt als Pilotprojekt für künftige ARD-Standorte und als Testlauf für ein hybrides SDI/IP-Netz der Zukunft.
Foto: Creative Art Production
Als im ARD-Hauptstadtstudio am 12. Oktober 2025 der „Bericht aus Berlin“ live über den Sender ging, war das mehr als eine weitere Zeile in der Programmzeitschrift. Denn der Moment, als der Vorspann der Sendung lief, markierte im Studio den offiziellen Systemwechsel von einer SDI-Infrastruktur auf eine IP-basierte SMPTE-ST-2110-Architektur. Doch dieser Augenblick hatte eine lange Vorgeschichte.
Die technische Planung für die neue Studiotechnik hatte bereits 2022 begonnen. Ein Jahr später startete der Umbau mit der kompletten Entkernung der Fernsehregie A und des FS-Schaltraums. Alte Verkabelungen verschwanden, Geräte, die ihr „End of Life“ erreicht hatten, wurden ausgebaut. Eigentlich sollte über die für den Herbst 2025 geplante Bundestagswahl schon mit der neuen Technik berichtet werden, doch das Ende der Ampelkoalition und die dadurch nötigen vorgezogenen Neuwahlen machten hier einen Strich durch die Rechnung. Während also im eigentlichen Studio die Bauarbeiten liefen, entstand in zwei Büroräumen ein provisorischer Regie- und Schaltraum, aus dem alle Produktionen weitergeführt wurden, einschließlich der „Berliner Runde“ am Wahlabend.
Neues Netzwerk
An diesem Wochenende standen Programmingenieur Ralph Weber und Projektleiter Andreas Ambach im Zentrum der Umstellung. An ihrem Platz im Schaltraum überwachten sie mit dem neuen Signalrouting das Herzstück der IP-Struktur. Früher lief die Verteilung sämtlicher Signale über eine wandfüllende Kreuzschiene mit klar sichtbaren und somit anschaulich nachvollziehbaren Steckverbindungen. Dies alles übernimmt in der IP-Architektur die KSC-Core-Software des Dienstleisters BFE. Auf zwei Monitoren verbanden Ambach und Weber per Mausklick Quellen und Ziele, was ihnen allerhöchste Konzentration abverlangte. Während der Feineinstellung meldeten sich aus der Regie immer wieder Kolleginnen und Kollegen: Hier fehlte noch ein Audiofeed, dort ein Videosignal. Die beiden korrigierten und schalteten, bis alle Geräte im Netzwerk miteinander kommunizierten.
Der neue Schaltraum im ARD Hauptstadtstudio (Foto: Creative Art Production)
Der Schaltraum selbst hat vier Arbeitsplätze, die mit ihrem Blick auf eine Wand aus Monitoren wie eine gutausgestattete Leitstelle wirken. Links werden die Leitungen geschaltet, daneben sind Aufzeichnung und Ausspielung angeordnet, rechts außen das Playout. Ein weiterer Arbeitsplatz an der Rückseite ist für den Kontroll-Ingenieur vorgesehen, der ebenfalls die Satellitensteuerung und einen Multifunktionsplatz für unter anderem Aufzeichnung und Schaltung bedient. Dahinter liegt ein Geräteraum, in dem unter anderem SD- und HD-Recorder sowie ein herkömmliches Audio-Steckfeld untergebracht sind.
Direkt neben dem Schaltraum befindet sich die Fernsehregie A, die sechs Arbeitsplätze in zwei Reihen vor einer Wand aus rund sechzig Monitoren umfasst. Die Bildmischung arbeitet an einem Grass Valley Kahuna Maverik, neben ihr sitzt die Regie. Im Studio standen für den „Bericht aus Berlin“ sechs Sony HDC-2400 mit Fujinon 22-fach-Objektiven bereit, teils robotisch über Shotoku-Systeme gesteuert. Der Toningenieur mischte auf einem Lawo MC² 66 mit UHD-Core, Moderator und Gäste trugen Mikrofone der Sennheiser 6000er-Serie und nutzten Phonak-In-Ears für die Regiekommunikation.
Hinter dem Moderationstisch hat das Studio ein großes Fenster, durch das im Bildhintergrund das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus im Berliner Regierungsviertel zu sehen ist. Die rechtwinklige Fensterfront besteht aus drei Paar Glasscheiben mit unterschiedlichen Tönungen, die je nach Außenlicht verschoben werden können. In Verlängerung davon gibt es zwei identische, jeweils acht Quadratmeter große LED-Videowände. Sie können über den Bildmischer mit Grafiken, Fotos oder Bewegtbildern bespielt werden. Bei Liveschalten erscheinen hier die zugeschalteten Gesprächspartner. Die dabei entstehende Rechenzeit zur Bildausgabe muss mit dem Livesignal synchronisiert werden, ebenso wie eventuelle Verzögerungen beim Vollbild des Gastes, wie Programmingenieur Ralph Weber erläuterte. Die Berechnung erfolgt über den Selenio Netzwerk-Prozessor (SNP), dessen Parameter einmalig programmiert und als Backup gespeichert werden können.
Bevor die technische Probe begann, herrschte in Regie und Schaltraum angespannte Konzentration. Denn das neue IP-Netzwerk musste zeigen, ob es hielt, was die Technologie versprach.
Die Signalquellen werden über die KSC-Core-Software geroutet. (Foto: Creative Art Production)
Techniktest und Durchlaufprobe
Am Tag vor der Livesendung lief im ARD-Hauptstadtstudio die erste technische Probe für den bevorstehenden Systemwechsel. Nachdem alle neuen Signale im Netzwerk an ihren vorgesehenen Positionen ankamen, startete gegen 17 Uhr der Testlauf unter Realbedingungen. Regisseur Lennard Jungblut hatte dafür das gesamte Team im Studio versammelt.
Zuerst wurde der große Moderationstisch neu ausgerichtet und das Licht entsprechend angepasst. Studioleiter Markus Preiß übernahm eine Beispielmoderation, um Bildkomposition und Beleuchtung zu überprüfen. Nach der Aufzeichnung entschied das Team, die Tischposition wieder in die bekannte Einstellung zurückzudrehen. Es folgten weitere Stellproben für Kameras und Licht.
Währenddessen liefen im Hintergrund bereits alle Systeme unter Einsatzbedingungen. Die Leitungswege für Mikrofone, Interkom und In-Ears wurden geprüft, ebenso die acht Sprechstellen des RIEDEL-Artist-Systems. Getestet wurden außerdem die Videosignale aller Kameras samt Rotlichtern, die Teleprompter, eine LiveU-Schalte zu einem Reporter in Berlin, eine Glasfaserverbindung nach Israel sowie die Beschickung der beiden LED-Videowände mit Grafik und Bewegtbildern. Kleinere Probleme wie ein Wackelkontakt im Rotlicht-Stecker, ein falsch geschalteter Monitor oder eine neu zu konfigurierende Signalleitung gehörten dazu. Doch nach kurzer Fehlersuche lief das System stabil.
Die Probe endete mit einem Blick aus dem Studiofenster auf das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, das durch die markante Fensterfront im Hintergrund des Sets zu sehen war. Damit hatte sich die neue IP-Infrastruktur als einsatzfähig erwiesen und konnte mit der Durchlaufprobe die nächste Hürde nehmen. Diese fand am frühen Samstagabend statt. Der Ablauf mit seinen 21 Positionen wurde Schritt für Schritt geprobt, Regisseur Lennard Jungblut leitete das Team durch die Sendung. Statt der für den Sonntag vorgesehenen Gäste standen Redaktionsmitglieder als Doubles im Studio. Nach den intensiven technischen Tests des Nachmittags verlief die Probe unspektakulär, was das bestmögliche Ergebnis war. Alle Systeme im neuen IP-Netzwerk reagierten zuverlässig, Bild und Ton liefen stabil. Das neue IP-Setup war bereit für den täglichen Betrieb. [15593]