Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser: Für die ARD-Serie „naked“ setzten DoP Julian Krubasik und Regisseurin Bettina Oberli auf maximale Freiheit am Set – und fanden in dieser Offenheit zwischen Regie, Schauspiel und Kamera ihren eigenen filmischen Zugang zu Intimität.
Verlangen Ep.4 Marie (Svenja Jung), Luis (Noah Saavedra) c) Fandango
Der Karneval in Köln ist kein Spaß, selbst für jene, die ihn nicht hassen wie die Pest. Hinter der Fassade von Vergnügen lauert die dunkle Seite des Frohsinns, irgendwo zwischen hochorganisierten Prunksitzungen und rauschbefeuerten Kurzliebschaften. Genau dort treffen Luis und Marie aufeinander, verkleidet als Vampir und Jungfrau Maria, womit ganz nebenbei schon die Rollen in ihrer zukünftigen Beziehung definiert sind. Gemeinsam geraten die beiden in eine toxische Liebesgeschichte aus Begehren, Kontrollverlust und emotionaler Abhängigkeit. Denn Luis ist sexsüchtig – und Marie wird süchtig nach Luis.
Die ARD-Serie „naked“ geht dorthin, wo Intimität zu Abhängigkeit und Liebe zur Bedrohung wird. Damit greifen die sechs Episoden ein Thema auf, das noch nicht einmal so richtig im gesellschaftlichen Diskurs angekommen ist. Denn erst seit 2019 ist Sexsucht – oder Hypersexualität, wie sie offiziell heißt – als Krankheit anerkannt. So zeigt „naked“ nach dem Drehbuch von Silke Eggert und Sebastian Ladwig eine Liebesgeschichte, die sich aus der anfänglichen Euphorie zur Obsession wandelt und in der sich die Beteiligten gegenseitig in den Abgrund treiben. Die Serie basiert auf realen Erlebnissen und entstand unter dem Anspruch, psychologisch präzise den Blick auf eine Welt zu öffnen, in der Nähe gefährlich ist.
Für DoP Julian Krubasik kam die Anfrage der Schweizer Regisseurin Bettina Oberli, ob er mit ihr „naked“ drehen wolle, nicht aus völlig heiterem Himmel. Schon einige Jahre zuvor hatten die beiden über eine mögliche Zusammenarbeit für eine andere Serie gesprochen, wozu es dann aber aus terminlichen Gründen nicht kam. Auf der Berlinale trafen die beiden zufällig wieder aufeinander und Oberli fragte, ob der DoP sich vorstellen könne, die Bildgestaltung für ihr neues Projekt zu übernehmen. „Ich hatte vorher Filme wie ‚Alles ist gut‘ mit Eva Trobisch oder ‚Wir sind dann wohl die Angehörigen‘ mit Hans-Christian Schmid gedreht. Das sind Arbeiten, die in eine ähnliche psychologische Richtung gehen“, erläutert der DoP. „Ich glaube, das fand sie gut!“ Umgekehrt war ihm Bettina Oberli sowohl menschlich als auch als Regisseurin in Erinnerung geblieben. „Sie hat eine enorme Sensibilität für Figuren und psychologische Prozesse und genau das hat mich gereizt.“
DoP Julian Krubasik am Set von „naked“ (Foto: WDR / Picture Puzzle Medien)
Nähe als Risiko
Doch wie erzählt man eine Geschichte über Sexsucht, ohne voyeuristisch zu werden? Steve McQueen und sein DoP Sean Bobbit zeigen in „Shame“ das Elend der Sucht in makellosen Bildern mit formaler Strenge und bewältigen das Thema so über Distanz und Kontrolle. Oberli und Krubasik wollten den umgekehrten Weg gehen und nach einer emotional offenen und beinahe dokumentarischen Nähe suchen. Für die beiden begann die Arbeit an „naked“ deswegen nicht mit Technik, sondern mit Psychologie. Zwei Wochen lang saßen Regisseurin und DoP zusammen, lasen das Drehbuch und suchten nach der emotionalen Essenz jeder einzelnen Szene. „Wir haben über die Figuren gesprochen, über ihre Motivation und über die Momente, in denen sie sich verlieren“, sagt Krubasik. „Am Ende haben wir für jede Szene ein Kernbild definiert, das für uns die psychologische Haltung trug.“
Diese Methode wurde zum Kompass für die gesamte Bildgestaltung. Statt auf formale Konzepte zu setzen, suchte das Kreativteam nach einer visuellen Umsetzung, die spürt, statt nur zu beobachten. „Wir wollten keine Distanz schaffen, sondern miterleben, was in den Figuren passiert“, beschreibt DoP Krubasik diese Idee. Das bedeutete, dass sich die Kamera als Mitspieler im Raum bewegt, nah genug, um Emotionen wahrzunehmen, aber immer mit dem Bewusstsein, dass Nähe verletzlich macht. Krubasik bezeichnet das als „dokumentarisches Sehen in der Fiktion“. Seine Kamera lässt sich vom Moment führen. „Ich will nicht kontrollieren, sondern verstehen. Die Kamera darf da sein, aber sie darf nie zu viel wollen.“ So entstehen Bilder, die zwar eine emotionale Unmittelbarkeit besitzen, aber dennoch die Intimität nicht ausnutzen.
Das visuelle Konzept von „naked“ lebt also von der Spannung zwischen Nähe und Zurückhaltung. Viele Szenen spielen in engen Räumen, mit minimalem Licht, oft aus der Bewegung heraus. Körper und Haut sind stets sichtbar, aber dabei nie ausgestellt. Die Kamera folgt nicht dem Impuls des Begehrens, sondern der inneren Bewegung der Figuren. „Mir geht es gar nicht darum, dass das Bild schön ist. Ich will, dass es wahr ist, dass es etwas erzählt“, ordnet Julian Krubasik seine Herangehensweise ein. „Wenn das Bild dafür hässlich sein muss, dann ist es halt hässlich. Hauptsache, es stimmt!“ [15589]