Karl Walter Lindenlaub erläutert im zweiten Teil des Artikels, warum er und Regisseur Fatih Akin bei „Amrum“ sich für visuelle Reduktion entschieden und wie die ARRI ALEXA 35 mit Ensō-Primes den Look prägte.
Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen
Zunächst war als Seitenverhältnis Cinemascope im Gespräch. Akin und sein DoP entschieden sich aber schließlich für 1:1,85. Die ARRI ALEXA 35 war für Lindenlaub die Kamera der Wahl. Er kombinierte sie mit den seinerzeit noch nicht veröffentlichten ARRI Ensō-Primes. Lindenlaub geht die Objektivwahl aus dem Bauch an. Es muss ihn emotional berühren, den Menschen vor der Kamera und dessen Gesicht bei Nahaufnahmen positiv unterstützen. Dazu testete sich Lindenlaub eine ganze Woche bei ARRI Rental in München zusammen mit Kameraassistent Michael Hain durch die vorhandenen Objektivsätze.
Dieses Mal kam noch die Bedeutung der Außenaufnahmen hinzu. „Ich habe ich gesagt, die Landschaft im Norden hat so viel Himmel und so einen flachen Horizont. Wenn man das nur mit einem 32er dreht, dann beschränkt man sich eigentlich zu viel, wir brauchen also mindestens ein Weitwinkel für die Landschaftsaufnahmen.“ Schließlich blieben zwei Objektivsätze im engeren Rennen. Durch den Kontakt zu ARRI hörte der DoP dann jedoch, dass es eine kleinere Version der Signature-Primes geben solle. Ob er diese als erstes Projekt bei „Amrum“ einsetzen wolle? Er mochte die Signature Primes und hatte auch den Vordreh für die letzte Einstellung des Films, in der Hark Bohm am Strand steht, mit diesen Objektiven realisiert.
An den Ensō Primes mochte Lindenlaub ihren guten Nahfokus, durch den er sehr nah an die Figuren herankam. Zudem ließ er sich von Christoph Hoffsten von ARRI in Berlin die Nutzung der Plus-und Minus-Rear-Diopter erläutern und testete diese. Er ergänzte die ARRI Ensōs durch einen Satz Plus-Diopter und setzte diese vor allem in den Räumen ein. „Ich habe alle Innenaufnahmen mit diesem 100-Diopter gedreht. Das nahm so ein bisschen – auf Englisch sagt man ,it took the edge off‘ – also es nahm ein bisschen die Schärfe weg, ohne dass es unscharf aussieht. Ein bisschen malerischer vielleicht in der Unschärfe.“ Das reichte für den DoP als Period-Look. Er wollte auf keinen Fall Sepia oder gar Schwarz-Weiß einsetzen.
Konstanter Dialog
Während des Drehs waren Crew und Technikarsenal aber relativ klein. „Der ganze Film war eben so aufgestellt, dass es einfach sein musste“, sagt DoP Karl Walter Lindenlaub. „Es gab keinen DIT, es gab kein Zelt mit Video. Fatih hatte einen kleinen Monitor in der Hand, ich hatte einen Monitor für den Gimbal, wenn ich nicht selber durch die Kamera geschaut habe.“ Zudem gab es eine LUT für alles, die Lindenlaub in der Vorbereitung mit Colorist Ronney Afortu bei Optical Art in Hamburg herstellte. „In der Hauptsache haben wir Grün aus der Sättigung herausgenommen, weil wir auch wussten, wir drehen im Frühjahr, aber das frische Grün passt nicht in die Zeit.“
Seit drei Jahrzehnten persönliche Geschichten fürs Kino: Regisseur und „Amrum“-Co-Autor Fatih Akin (Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen)
In der Vorbereitung nahmen Lindenlaub und Akin bei der Auflösung jede Szene nochmal komplett auseinander. „Wir haben uns den Kopf zerbrochen, wie können wir das interessant drehen, wie können wir das überhaupt hinkriegen“, erinnert sich Lindenlaub. „Das Tolle war, dass man sich mit Fatih auch wirklich im Guten auseinandersetzen kann.“ Dieser Dialog höre bei Fatih Akin nie auf, sagt Lindenlaub: „Bis zur Lichtbestimmung.“
Die war zu Drehbeginn noch weit entfernt. Ende April 2024 fiel die erste Klappe. Die drei Drehblöcke waren aufgeteilt in einen Studiodreh in Hamburg, Landschaften und Watt auf der realen Insel Amrum sowie abschließend in Ballum Vesterende in der Gemeinde Bredebro im Süden Dänemarks ein historisches Dorf für einige der Außenaufnahmen. Für Karl Walter Lindenlaub war es herausfordernd, mit den Innendrehs im Studio zu beginnen. „Ich wusste ja, das Wetter wird komplett unvorhersehbar und wechselhaft“, so der DoP. „Und dann die Innenmotive einzuleuchten, ohne zu wissen wie die Anschlüsse sind, war nervenaufreibend.“
Fatih Akin dreht gerne mit wiederkehrenden Crewmitgliedern. Dem Regisseur sei sehr wichtig, mit Leuten zu drehen, denen er vollends vertraue, so Lindenlaub. Zu der Grundcrew gehören Kameraassistent Michael Hain, Dollygrip Carsten Scharrmann und auch Editor Andrew Bird, der nahezu jeden von Fatih Akins Langfilmen schnitt. Lindenlaub wünschte sich noch Oberbeleuchter Helmut Prein hinzu.
Auflösung
Eine Umgewöhnung vom US-DoP-System war für Lindenlaub nicht nötig. Die kleineren Filme der letzten 20 Jahre schwenkte er selbst. Die Intimität mit den Schauspielenden ist für den DoP durch die Nähe der Kamera zum Geschehen ein zentraler Teil seiner Arbeit. Für „Amrum“ stellte sich der Kameramann eine bewegte Kamera vor. „Es war für mich wichtig, dass ich mich mit dem Jungen mitbewege, die Energie von dem Jungen mitnehmen kann.“ Eine bewegliche Kamera bei unebenem und sandigem Inselboden gestaltete sich schwierig für Dollyfahrten, der Wind machte den Steadicam-Einsatz außen problematisch. Deshalb arbeitete Lindenlaub mit dem Ronin 2 Gimbal, den er beispielsweise einfach an einen Pole montieren ließ. Key Grip Carsten Scharrmann und sein Assistent Marcelo Wannes hielten die Stange links und rechts und trugen sie vor oder hinter dem Cast her. Lindenlaub hatte einen digitalen Kurbelkopf und konnte so per Funk am Monitor operaten. „Das hat uns kreativ viele Möglichkeiten gegeben“, sagt der DoP. „Ich konnte wirklich auch etwas ausprobieren und dann schnell drehen.“
Aufgrund der schnellen Wetterwechsel war das sehr wichtig. Der Nachteil des Gimbals ist laut DoP Lindenlaub, dass die Software den Horizont im Bild feststelle, aber der Boden mitschwinge. So spüre man manchmal die Schritte der Bühnenleute, was aber für das Bild nicht problematisch war. „Mir ging es wirklich nicht um Perfektion, sondern um Gefühl“, so der DoP, „also auch ein Gefühl für die Landschaft, ein Gefühl für den Jungen und für diese Situation. Wenn da alles zu abgezirkelt wirkt, dann ist das vielleicht auch eher hinderlich für die Geschichte.“ [15590]