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DoP Karl Walter Lindenlaub über „Amrum“

Alles reduzieren (1)

Mit „Amrum“ verfilmte Fatih Akin die Kindheitserinnerungen seines Mentors Hark Bohm. DoP Karl Walter Lindenlaub („Independence Day“) kehrte für das Projekt nach Europa zurück und gestaltete auf der namensgebenden Nordseeinsel, in Dänemark sowie im Hamburger Studio die Bilder dieses außergewöhnlichen Films.

Filmstill "Amrum"
Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen

Ein Honigbrot für Mama: So schnell, so klar und doch so existentiell lässt sich der Ausgangspunkt von „Amrum“ zusammenfassen. Eigentlich wollte der mittlerweile verstorbene Hark Bohm seine Kindheitserinnerungen selbst als Film umsetzen. Auch DoP Karl Walter Lindenlaub, der Bohm in dessen Filmstudiengang in Hamburg als Leiter der Kameraausbildung unterstützt hatte, stand für seinem Wegbegleiter als DoP bereit. Doch Bohm verließen die Kräfte. So bat er Fatih Akin darum, seinen Film umzusetzen. Der Regisseur war zunächst nicht sicher, ob er der Richtige für den Stoff sei, doch Bohm kannte hier keinen Zweifel. „Er hat mir gesagt ,Doch, du kennst das, du weißt, was das bedeutet, wenn deine Eltern die Heimat verlassen‘“, verriet Fatih Akin dem NDR. Akin nahm sich die 240 Seiten Drehbuch von Bohm vor und dampfte sie auf 90 Minuten ein. Denn das Budget würde für diesen Stoff nicht riesig sein, darüber waren sich alle klar.

Für den aus Hamburg stammenden Karl Walter Lindenlaub war das eine willkommene Abwechslung. Ende der 1970er Jahre lernte er an der HFF München den Regisseur Roland Emmerich kennen. Gemeinsam gingen sie in die USA und drehten Blockbuster wie „Stargate“ (1994) und „Independence Day“ (1996). In Hollywood fasste Lindenlaub schnell Fuß, wendete sich aber ab 2002 auch kleineren Filmen zu.

„Geht schon mal gut los!“

Im Januar 2022 kam Karl Walter Lindenlaub für die Vorproduktion nach Hamburg. Ihr erstes Treffen plante der Regisseur dann in der Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. „Das ist doch prima“, dachte DoP Lindenlaub. „So geht das schon mal gut los.“ Daran anschließend sahen sie sich im Vorführraum des „Amrum“-Verleihs und Ko-Produzenten Warner Bros. in Hamburg zwei Tage lang Filme an, was Akin gerne mit seinen Department Heads macht. Mit Lindenlaub schaute der Regisseur zum Beispiel „Mein Leben als Hund“ von Lasse Hallström.

DoP Lindenlaub
DoP Karl Walter Lindenlaub und Regisseur Fatih Akin reduzierten die Visualität von „Amrum“ auf das Wesentliche. (Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen)

In dieser intensiven Zeit sprachen sie über Filme, Kunst und das Leben, lernten sie sich künstlerisch und als Menschen kennen. Fatih Akin mag es, klar und einfach zu drehen und Lindenlaub war des Hollywood-Zwangs zum ewigen Produzieren von Coverage müde. „Da wird vieles gedreht, was mir eigentlich überflüssig erscheint“, so Lindenlaub. „Mit Fatih war das genau umgekehrt. Er sagte, am liebsten würde er mit nur einem Objektiv drehen.“ Lindenlaub spricht von Akin als jemandem, der Film atme und voll und ganz in einem Projekt aufgehe.

Ein komplettes halbes Jahr nahm sich der DoP Zeit für „Amrum“, sichtete Motive, drehte vor und startete dann mit dem Regisseur in die Dreharbeiten. „Fatih und ich haben uns wirklich die ganze Zeit toll verstanden.“

Der Regisseur hatte bereits ein Lookbook mitgebracht. Darin waren laut Lindenlaub viele skandinavische Maler, viele nordische Motive von Fischern, viel Licht am Meer und karge Motive der Dünenlandschaften und Architektur der Nordseeregion. „Fatih ist jemand, der eigentlich alles reduzieren will“, sagt Karl Walter Lindenlaub. „Er will so einfach wie möglich drehen.“ Diese Reduktion auf das Wesentliche war ganz in Lindenlaubs Sinn. Akin freute sich darauf, eine geschlossene Welt entschleunigt und konzentriert zu drehen. Beim Vorgänger „Rheingold“, der Lebensgeschichte des mittlerweile verstorbenen Rappers Xatar hatte der Regisseur sein großes Ensemble teilweise mit drei Kameras einfangen müssen – eine Arbeitsweise, die ihm nicht gefiel. [15590]


Im zweiten Teil des Artikels erklärt DoP Lindenlaub seine gestalterischen Entscheidungen im Detail.


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