Anzeige
Anzeige
DoP Markus Nestroy

Wilder Mix, klare Vision (2)

Während die Gegenwart von Hugo Drowak in kontrastreichem Schwarz-Weiß erzählt wird, folgen die Rückblenden einer eigenen visuellen Logik. Durch den Einsatz von Farbe, Infrarot und unterschiedlichen Objektivcharakteristiken schuf DoP Markus Nestroy mehrere Realitätsebenen innerhalb desselben Films.

„Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“
Foto: Laura Kilian

Die Farbszenen erzählen die frühere Beziehung und das Glück der Figur Hugo Drowak. Diese Rückblenden beginnen sehr farbig und warm. Mit dem Zerbrechen der Beziehung verlieren diese Szenen an Sättigung, bis sie nur noch wenig Farbe in sich haben und dann zur schwarz-weißen Gegenwart werden. „Dafür hatten wir vier Look-Up-Tables, damit wir genau wussten, das ist die 100-Prozent-Phase, das ist 75, 50 und der Rest war dann noch 25 Prozent“, erklärt der DoP. Für die Farbwelt waren die Sets extra üppig eingerichtet und verloren dann sowohl im Szenenbild als auch im Licht zunehmend an Farbe.

Auch das Szenenbild war darauf ausgerichtet, den Kontrast und den Charakter der Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu unterstützen. Nestroy empfiehlt, so eine Grundsatzentscheidung so früh wie möglich in der Produktion zu treffen, da sie nahezu alle Gewerke beeinflusst. Alle verfügten über einen Schwarz-Weiß-Filter für das iPhone. So konnten alle Crewmitglieder, vor allem Kostüm-, Masken- und Szenenbild, jederzeit in Echtzeit prüfen, wie die gerade von ihnen getroffene Entscheidung später im Film wirken würde.
Die Arbeit mit Schwarz-Weiß-Infrarot war war ein ständiges Experiment und geprägt von Überraschungen. So erhielt die Figur Lena vom Kostümbild eine rosa Jacke. Das war eine Entscheidung mit unerwarteten Konsequenzen. „Im Schwarzweiß wirkt sie eher dunkel, im Infrarot hingegen strahlend hell“, erklärt Nestroy.

Darauf hätte die Crew durch einen möglichen Austausch der Kleidung noch reagieren können. Bei Außensets in der Natur ging das nicht. So wirken organische Dinge wie Gras und Blätter auf Infrarot-Aufnahmen weiß und wie Schneelandschaften.
Um sich auf die IR-Arbeit vorzubereiten, hatte sich DoP Nestroy eine auf Infrarot umgebaute Spiegelreflex-Kamera besorgt und damit auf den Motivtouren fotografiert. „So konnte ich die Wirkung an den jeweiligen Drehorten bereits vorab einschätzen und mit Nicolas Steiner teilen“, sagt der DoP. Er ist heute sehr glücklich, dass das Wechseln zwischen den durchaus unterschiedlich wirkenden visuellen Welten Schwarz-Weiß und Infrarot von Regie und Produktion akzeptiert wurde.
Diese Szenen wurden teilweise parallel auch mit der BURANO als reguläre Aufnahme gedreht. In der Montage entschied sich Editor Kaya Inan jedoch häufig für die Infrarotvariante. „Das ist eine willkommene Irritation, die nur innerhalb einer so speziellen Welt funktionieren kann“, so Nestroy. Rückblickend fragt sich der DoP, ob er diesen Ansatz noch weiter hätte treiben können – „aber dann wäre es möglicherweise gekippt und zu einer visuellen Spielerei geworden.“

„Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“
Die Vergangenheit Drowaks wird in Farbe erzählt, die Gegenwart in Schwarz-Weiß. (Foto: Ivan Maly)

Objektivwelt

Nestroy drehte mit der Sony BURANO im Full-Frame-16:9-Modus, da die Kamera keinen Open-Gate-Modus bietet. Für die Ebene der Gegenwart nutzte er vor allem die P+S Evolution Anamorphoten, die an die klassischen KOWA-Optiken angelehnt sind. „Die verzeichnen extrem“, sagt Nestroy. „40 und 50 mm – das ist ein Mittel, das man bewusst einsetzen kann. Schwenkt man horizontal, kippt die Welt.“ Nestroy ist von diesem Effekt begeistert, setzt ihn jedoch nur sparsam ein, da er ihn als schnell ablenkend empfindet. Gleichzeitig schätzt er die Weichheit der Optiken und ihre charakteristischen Flares. „Ich habe bemerkt, dass Lensflares in Schwarz-Weiß eine ganz andere Wirkung haben als in Farbe.“ Für die Gegenwartsebene griff er daher vor allem zu den Weitwinkel-Objektiven der Evolution-Reihe, um deren besonderen Charakter gezielt auszuspielen.

Ein Laowa-24-mm-Schnorchel-Objektiv kam bei zwei speziellen Szenen zum Einsatz. Die Optik hat einen Bildwinkel von 85 Grad und eine Naheinstellgrenze von 20 mm ab der Frontlinse. Zu Beginn folgt die Kamera einer Ratte durch einen eigens gebauten Schacht, dessen Decke eine Aussparung für das Objektiv bot und so eine Perspektive auf Augenhöhe mit dem Tier ermöglichte. Eine weitere Einstellung zeigt Drowak beim Schreiben auf seiner alten Erika-Schreibmaschine: Hier filmte Nestroy mit dem Schnorchelobjektiv durch die Tasten hindurch. Diese Perspektive war nur durch die nach unten offene Bauweise der Schreibmaschine möglich.

Der Canon-Fisheye-Zoom mit EF-Mount findet in einer Szene Anwendung, in der Nestroy die BURANO um 90 Grad kippte. Das Fisheye hat eine variable Brennweite von 8 bis 15 mm, wodurch sich die Größe des schwarzen Bildrandes einstellen lässt. Der Schuss geht in das Treppenhaus des Amtsgebäudes, in dem die Figur von Lars Eidinger arbeitet. Alle Farbszenen in der Vergangenheit Drowaks drehte Nestroy ebenfalls mit der Sony BURANO, wählte als Ergänzung jedoch die Atlas-Orion-Objektiven. „Da diese Szenen mit der Handkamera sehr bewegt sein würden, entschieden wir uns für Optiken mit weniger Verzeichnung, da dies eher störend und vom Inhalt ablenkend gewesen wäre.“ [15618]


Wilder Mix, klare Vision – DoP Markus Nestroy

Teil 1: Schwarz-Weiß als Weltenbau
Teil 2: Farbe, Infrarot und Objektive
Teil 3: Präzision im Detail


Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.