Belichtung lässt sich messen, aber nicht immer intuitiv lesen. Das von DoP Ed Lachman entwickelte EL-Zone-System übersetzt digitale Messwerte zurück in fotografische Blendenstufen. Damit hat er er alte Prinzipien belebt und schafft gestalterische Klarheit im digitalen Workflow.
Foto: SmallHD
Belichtung tut not. Wenn keine elektromagnetische Strahlung im für uns sichtbaren Spektrum auf einen Bildsensor trifft, sei er digital oder auf Silberhalogenid basierend, entsteht auch keine Information, die der Aufzeichnung wert wäre. Doch auch hier ist die Menge entscheidend. Zum Glück lassen sich Licht und somit Belichtung technologisch problemlos messen und vergleichen.
Aber Messwerte allein bestimmen noch kein Bild. Die in digitalen Kameras verfügbaren Waveform-, Histogramm- oder False-Color-Overlays liefern zwar präzise Informationen über das Signal, sagen aber wenig darüber aus, wie hell oder dunkel ein Motivteil tatsächlich erscheinen sollte. Sie beschreiben Bilder in technischen Größen, nicht in gestalterischen.
Diese Diskrepanz ist durchaus kein neues Problem, tritt mit der digitalen Bildaufzeichnung jedoch besonders deutlich zutage. Unsere aktuellen Kameras verfügen über enorme Dynamikumfänge, Log-Kurven und komplexe Monitoring-Optionen. Dabei besteht die Gefahr, dass Prozentwerte und Skalen das Gefühl für Blendenabstufungen ersetzen.
Doch in jener Kategorie „Blende“ haben Fotografen und Kameraleute von Beginn an gedacht. Hier setzt das sogenannte EL Zone System an, das der mehrfach oscarnominierte DoP Ed Lachman über Jahre hinweg entwickelt und in den frühen 2020er-Jahren in die digitale Praxis überführt hat. Sein Ansatz ist weniger als neues Werkzeug zu verstehen, sondern als Übersetzung von Technologie zu Gestaltung. Denn das System überträgt Belichtung zurück in ein Modell, das sich an Blendenstufen und somit an der überlieferten fotografischen Praxis orientiert.
EL Zone System: Blenden- und Farbwerte
Referenzen
Im Zentrum von Lachmanns EL Zone System steht der definierte Referenzpunkt von 18 % Grau, dem Helligkeitswert einer farbneutralen Fläche, die 18 % des einfallenden Lichts reflektiert. Der Wert 18 erklärt sich daraus, dass unser visuelles System Helligkeit nicht linear, sondern annähernd logarithmisch beurteilt. Deshalb entspricht ein Tonwert, der physikalisch bei 50 % Reflexion liegt, nicht einem subjektiv empfunden mittleren Grau. 18 % Reflexion trifft diese subjektive Mitte jedoch ziemlich gut, weswegen auch Belichtungsmesser für die korrekte Belichtung eines durchschnittlichen Motivs mit einer Kalibrierung auf 18 % Grau bestens zurechtkommen.
Ausgehend von diesem Wert wird das Bild in diskrete Zonen eingeteilt, die jeweils exakt einer Blendenstufe entsprechen. Dabei liegen positive Zonen oberhalb der Referenzbelichtung, negative darunter. Jeder Zone wird dann ein eigener Farbwert zugeordnet.
Belichtung lesen
Farben auf Overlays gab es jedoch schon vorher. Wo also liegt der Unterschied zwischen den klassischen False-Color-Darstellungen und dem EL Zone System? Während False Color überwiegend dafür eingesetzt wird, überschrittene Grenzwerte etwa für Clipping oder Unterbelichtung sichtbar zu machen, kann EL Zone die Frage beantworten, wie viele Blenden über oder unter Referenz ein bestimmter Motivteil liegt. Hauttöne, Highlights oder Schatten lassen sich dadurch nicht nur messen, sondern gestalterisch einordnen.
Für die Arbeit am Set hat das konkrete Konsequenzen, denn Aussagen über die Belichtung von Bildsegmenten sind damit eindeutig, reproduzierbar und gewerkeübergreifend verständlich. Statt zu einer abstrakten Anzeige auf dem Monitor wird Belichtung wieder zu einer gemeinsamen Sprache zwischen Kamera, Licht und DIT.
Messen und Gestalten
Technisch ist das EL Zone System inzwischen in Kameras wie etwa der Panasonic VariCam und On-Set-Monitoren von SmallHD implementiert. Dort wird die Zoneneinteilung in Echtzeit als Overlay über das Bild gelegt. Doch unabhängig von der konkreten Umsetzung bleibt der Kern des Systems eine Schule des gestalterischen Denkens, die dazu zwingt, Belichtung als Gestaltungsmittel zu begreifen – und nicht nur als Versicherung dafür, dass das Werk die technische Abnahme übersteht.
Insofern ersetzt EL Zone weder Waveform noch Histogramm, sondern ergänzt sie um eine Perspektive, die in der digitalen Welt etwas in den Hintergrund geraten ist. Belichtung wird damit nicht länger nur kontrolliert, sondern bewusst gesetzt. In einer Zeit, in der Kameras immer mehr können, erinnert Ed Lachmans EL Zone System daran, dass es am Ende weniger um die Messwerte selbst geht, sondern die gestalterischen Entscheidungen, die wir auf ihrer Basis treffen. [15615]
Das erste Zonensystem zur Belichtung entwickelte der amerikanische Fotograf Ansel Adams gemeinsam mit Fred Archer in den 1940er Jahren. Ziel des sogenannten Zone Systems war es, Tonwerte von tiefem Schwarz bis zu strukturiertem Weiß nicht dem Zufall zu überlassen, sondern gezielt zu steuern. Dafür teilte Adams das Bild in klar definierte Zonen ein, die jeweils einer Blendenstufe entsprachen. Entscheidend war nicht, welche Belichtung gemessen wurde, sondern wo ein Motivteil im Tonwertgefüge liegen sollte. Belichtung wurde damit zu einer bewussten gestalterischen Entscheidung.