KI-Tools, Smartphones und neue Workflows machen es möglich: Production Value muss nicht mehr automatisch teuer sein. Bei der Produktion eines Musikvideos lotete Regisseurin und KI-Expertin Shamila Lengsfeld aus, wie sich filmischer Hochglanz mit zugänglichen Mitteln erschaffen lässt.
Foto: Shamila Lengsfeld
Wollte man Filmschaffende fragen, was sie unter Production Value verstehen, bekäme man vermutlich in acht von zehn Fällen dieselbe Antwort: den Grad an handwerklicher Qualität, gestalterischer Konsequenz und materieller Sorgfalt eines Films – also den Eindruck von Aufwand und Professionalität, den ein Werk vermittelt. Damit lägen sie keineswegs falsch.Production Value lässt einen Film auf Leinwand oder Bildschirm teuer und damit wertvoll erscheinen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Production Value und Budget in der Filmgeschichte lange Zeit eng miteinander verknüpft waren. Filme sahen teuer aus, weil sie es tatsächlich waren.
Die frühen Breitwand-Produktionen der 1950er Jahre etwa waren nur mit enormem Aufwand möglich, der Bilder produzierte, die größer, breiter und spektakulärer waren als alles zuvor: Großformate, riesige Sets, hohe Lichtmengen und komplexes Blocking waren ohne gewaltige Budgets undenkbar. Production Value zeigte sich hier ganz direkt im sichtbaren Einsatz von Technik und Material.
Anderthalb Jahrzehnte später lieferte Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ zum ersten Mal glaubhafte Bilder aus der Zukunft, die ihre visuelle Kraft aus extrem aufwendigen Modellbauten, präziser Motion-Control-Fotografie und eigens entwickelten Spezialeffekten bekamen. Auch hier war Production Value das direkte Ergebnis von viel Zeit und viel Geld, die bei der Produktion zur Verfügung standen. Wiederum Jahrzehnte später lösten zwar mit riesiger Rechenleistung entstandene CGI-Schlachten die analoge Fummelarbeit ab, doch der Zusammenhang von Schauwert und Budget blieb bestehen.
Entkoppelt
Erst vor diesem Hintergrund wird deutlich, an welcher Zeitenwende wir heute bei den Produktionsmitteln stehen. Production Value ist nicht mehr zwangsläufig an Formate, Apparate oder Produktionsgrößen gebunden, sondern entsteht zunehmend mit Workflows und Werkzeugen, die sich daran machen, die historische Kopplung von Geld und Wert aufzulösen.
Insbesondere KI-basierte Verfahren verschieben die Grenzen der Bildproduktion. Dabei ersetzen sie keineswegs das filmische Handwerk, verändern aber, was davon mit welchen Mitteln zu realisieren ist. „KI ist für mich kein Shortcut, sondern ein Verstärker“, sagt die KI-Expertin, Filmschaffende und Regisseurin Shamila Lengsfeld dazu. „Sie ersetzt keine Idee, aber sie kann Ideen sichtbar machen, die vielleicht vorher am Budget gescheitert wären.“
Was sich dahinter verbirgt, zeigt sich direkt in den Projekten, die Shamila Lengsfeld umsetzt. Wo früher schon von Beginn an klar war, welche Ideen aus Kostengründen nicht weiterverfolgt werden konnten, verschiebt sich heute der Entscheidungszeitpunkt deutlich nach hinten. „Man wusste ziemlich genau, was man sich leisten kann und was nicht“, erläutert die Regisseurin. „Heute kann man viele Dinge zumindest erst einmal denken und testen.“
Shamila Lengsfeld nutzte für „Sendezeit“ ein Xiaomi Ultra 15. (Foto: Shamila Lengsfeld)
Das verändert nicht nur die Timeline von Projekten, sondern lässt völlig neue Workflows entstehen, bei denen Production Value nicht mehr ausschließlich durch den sichtbaren Einsatz von Technik oder Material generiert wird. „Production Value entsteht für mich nicht dadurch, dass etwas teuer produziert ist“, so Lengsfeld, „sondern dadurch, dass eine Idee konsequent umgesetzt wird, egal mit welchen Mitteln.“
Gerade für kleinere Teams bedeutet das eine spürbare Erweiterung des Handlungsspielraums. Ideen, die früher sofort verworfen worden wären, können heute zumindest geprüft und weiterentwickelt werden. Gleichzeitig warnt Lengsfeld davor, diese neuen Möglichkeiten mit einem Qualitätsversprechen zu verwechseln: „Das bedeutet nicht, dass alles automatisch gut wird. Aber die Einstiegshürde ist deutlich niedriger geworden.“
Erweiterte Realität
Was dieser Ansatz in der Praxis bedeutet, zeigt eines von Lengsfelds jüngsten Projekten, dem Musikvideo „Sendezeit“ für den Künstler Timur Ülker. Statt auf klassische Kamera-Setups und große Crews zu setzen, für die auch gar kein Budget zur Verfügung gestanden hätte, entschied sie sich bewusst für eine reduzierte Produktionsweise mit kleinem Besteck und drehte mit einem Smartphone – für die Filmschaffende eine durchaus gestalterische Entscheidung. „Das Smartphone gibt mir eine Freiheit, die ich mit einer großen Kamera oft nicht habe“, erläutert sie. „Ich bin näher an den Menschen, näher an der Performance, und muss kein Setup verwalten. Gerade bei so einem Projekt war das wichtiger als technische Perfektion.“
Gedreht wurde das Musikvideo mit einem Xiaomi 15 Ultra, das über einen 1-Zoll-Sensor sowie Leica Summilux-Optiken in mehreren Festbrennweiten von Ultraweitwinkel über Standard bis hin zu zwei Teleoptiken verfügt. Zusätzliche Vorsatzlinsen oder Adapter kamen bewusst nicht zum Einsatz. „Mich hat interessiert, wie weit man das treiben kann, wenn man wirklich nur mit dem arbeitet, was das Tool von Haus aus hergibt“, erläutert Lengsfeld, die das Smartphone in einem Cage riggte und für kontrollierte Bewegungen mit einem Gimbal kombinierte. Für die Steuerung des Xiaomi Ultra 15 setzte sie die FiLMiC Pro sowie die Blackmagic Camera App ein. [15606]