Jürgen Eichinger dreht dort, wo Licht, Kontrast und Geduld über das Bild entscheiden. Für ihre Examensarbeit an der HFF München begleiteten Markus Schindler und Theresa Weidmann gemeinsam mit unserem Autor einen Kameramann, der auch heute noch konsequent auf analogen Film setzt.
Foto: Susanne Rohrbach
Es ist vier Uhr morgens, als mich mein Smartphone aus einem ohnehin unruhigen Schlaf holt. Noch vor Sonnenaufgang wollen wir auf das Sudelfeld oberhalb von Bayrischzell, wo Markus Schindler und Theresa Weidmann für ihre Examensarbeit an der Hochschule für Fernsehen und Film München im Fach Technik an einem Film über Jürgen Eichinger drehen. Die Abfahrt ist für 4:45 Uhr angesetzt, Anfang September ist es um diese Zeit noch stockdunkel. Als wir höher kommen, müssen sich die Scheinwerfer des Autos durch dichten Nebel bohren. Nachdem wir die Wolken unter uns gelassen haben, wird der Himmel im Osten allmählich hell.
Wir warten nur eine kurze Weile, dann trifft auch Jürgen Eichinger auf dem Parkplatz ein. Theresa und Markus haben ihn als Protagonisten ihres Films gewählt, weil er einer der wenigen Filmemacher ist, die entgegen der technologischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte am 16-mm-Film festgehalten haben.
Vertrautes Werkzeug
Also arbeitet Jürgen Eichinger seit vielen Jahren auch mit demselben Handwerkszeug. Das kommt ihm entgegen: Aus seiner Sicht muss er als Kameramann mit seinem Arbeitsgerät so vertraut sein, dass man ihn aus dem Schlaf reißen und er sofort mit seiner Kamera loslegen könnte. Ständige Modellwechsel würden dem im Weg stehen. „Das ist so wie mit den Autos“, zieht Eichinger einen Vergleich. „Wenn du über einen Winter, bei jedem Wetter damit unterwegs warst, dann weißt du, wie es sich unter welchen Bedingungen verhält. Die ganzen Eigenheiten der Kameras, aber auch der Objektive, lernst du auch erst über längere Zeit kennen.“
Jürgen Eichinger dreht seit Jahrzehnten mit der ARRIFLEX SR 2, hier mit Canon-Zoom. (Foto: Susanne Rohrbach)
Bei digitalen Kameras seien die Grenzen deutlich enger gesteckt. „Um die ausnutzen zu können, müsste man auch diese Kameras viel länger im Gebrauch haben“, sagt Eichinger. Er kenne andere Kameraleute, die darüber klagten, dass es immer wieder, manchmal schon nach einem Jahr, ein neues System gebe. Heute hat Eichinger seine ARRIFLEX SR 2 Highspeed sowie eine Aaton minima mitgebracht. Die ARRI-Kamera schätzt er besonders wegen ihrer Robustheit. Als er 2013 während des großen Hochwassers in der Partnachklamm drehte, bekam die Kamera einiges ab: „Das Wasser ist rechts und links heruntergelaufen“, erinnert sich Eichinger. Im Auto wurde sie wieder getrocknet und lief anschließend wieder, als wäre nichts gewesen.
Die Aaton Minima lobt er für ihr geringes Gewicht, das ohne Objektiv nur knapp über drei Kilogramm beträgt. Die 61 Meter, die das spezielle Magazin fasst, reichen ihm bei Dreharbeiten oft einen ganzen Tag lang, obwohl sie schon nach fünf Minuten durchgelaufen sind. Ein weiterer Pluspunkt ist für ihn, dass sich mit dieser Kamera Zeitrafferaufnahmen ohne jegliches Zusatzgerät drehen lassen.
Zusätzlich hat Eichinger einen Workflow für Drohnenaufnahmen etabliert, bei dem er die Aaton Minima mit einer Freefly ALTA 8 kombiniert, die der im Bayerischen Wald angesiedelten Filmproduktionsfirma Fluglinse gestellt und geflogen wird. Erstmals kam diese Kombination vor über zwölf Jahren bei Dreharbeiten in der Partnachklamm für „Wildes Deutschland – Die Zugspitze“ zum Einsatz.
Unter der Lupe
In ihrer Examensarbeit wollen Markus Schindler und Theresa Weidmann die Herangehensweise von Jürgen Eichinger an seine „alpine Hochleistung“ beim Dreh dokumentieren. Oft begibt sich Eichinger in Situationen, in denen er mit Stativ und Kamera über schmale Felsgrate balanciert, um seine Motive zu finden. Die spezifischen Anforderungen an Kameraausrüstung und Handhabung im alpinen Gelände stehen für die beiden dabei im Mittelpunkt.
Theresa Weidmann, die an der HFF München mit Schwerpunkt Regie studiert, ist gemeinsam mit Markus Schindler für Konzeption und Regie verantwortlich und übernimmt bei den Dreharbeiten zugleich den Ton; etliche Interviews sind vorgesehen.
Beim Dreh der Examensarbeit von Markus Schindler und Theresa Weidmann trafen digitale und analoge Kamerasysteme aufeinander. (Foto: Susanne Rohrbach)
Schon im Vorfeld haben sich die beiden intensiv mit Eichingers Arbeit auseinandergesetzt. Sie wissen, dass er das bloße „Laufenlassen der Kamera“ verabscheut. „Film ist, wenn man vor Inbetriebnahme der Kamera das Gehirn einschaltet!“, lautet einer seiner Grundsätze – und Film habe sich für ihn insbesondere in extremen Situationen bewährt. Eine solche erleben wir an diesem Morgen, kurz vor und nach Sonnenaufgang.
„Ich weiß, dass ich bei Sonnenaufgang und bei 50 ASA fast immer Blende 4 habe“, sagt Eichinger. Seine Arbeitsweise beruht auf klaren, erprobten Abläufen. „Grundsätzlich messe ich mit der Kalotte in Richtung Sonne, also Lichtmessung – in dem Fall haben wir Blende 16. Dann messe ich noch einmal Richtung Schatten, da haben wir Blende 1,0. Zwischen 1,0 und 16, das ist ungefähr vier. Und dann bist du automatisch safe. Da brauche ich mir keine Gedanken machen, dass mein Kodak-Material das nicht bewältigen könnte.“
Eichinger hebt den immensen Kontrastumfang des Films hervor, der es ihm ermöglicht, Details sowohl im Dunkel der Klamm als auch in schneebedeckten, sonnigen Bergen ohne Blendenwechsel festzuhalten. Vor diesem Hintergrund stellt er die Frage, wo die angeblich 14 Blenden Kontrastumfang moderner Digitalkameras bleiben.
Markus Schindler probiert es aus: Ab und zu legt er seine Blackmagic URSA Mini 4.6K zur Seite und dreht mit Eichingers ARRI SR 2. Diese Einstellungen sollen in seinem Film belegen, was Eichinger kurz zuvor zur Leistungsfähigkeit des Films ausgeführt hat. Dafür hat ihm die Hochschule eine 120-Meter-Rolle Kodak Vision 3 50 D genehmigt, die für etwa zehn Minuten Laufzeit reicht. [15609]