Nicht hinzusehen ist mitunter genau richtig. Das Kino zu meiden, statt sich dort den Film „Melania“ anzuschauen, ist derzeit nicht nur ein kluger Umgang mit der begrenzten Ressource der eigenen Lebenszeit, sondern beinahe ein politischer Akt. Denn selten wurden so viele Fotos leerer Lichtspielhäuser veröffentlicht wie nach dem Kinostart jenes PR-Projekts.
Schlechte Filme sind nichts Neues, inhaltsleere Werke ebenso. Diskussionswürdig ist in diesem Fall jedoch nicht die filmische Qualität, sondern die politische und finanzielle Dimension. Wenn einer der reichsten Menschen der Welt der Produktionsfirma einer Präsidentengattin ein Projekt wie „Melania“ finanziert, fällt es schwer, darin keine gezielte Einflussnahme zu vermuten.
Dem Vernehmen nach flossen rund 40 Millionen US-Dollar in die Produktion, hinzu kamen etwa 35 Millionen US-Dollar allein für Marketing-Maßnahmen. Drehzeit: 20 Tage. Das ist nicht nur ein groteskes Missverhältnis, sondern entspricht in der Größenordnung einem guten Viertel der deutschen Filmfördermittel, die nun endlich vom Bund freigegeben wurden.
Doch manchmal lohnt es sich eben auch, ganz genau hinzusehen – dorthin, wo Filmproduktionen nicht als politisches Vehikel dienen, sondern mit gestalterischem Anspruch entstehen. Insofern war die Jurywoche beim Deutschen Kamerapreis, an der ich auch in diesem Jahr teilnehmen durfte, eine willkommene Abwechslung vom medialen Rauschen.
Der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen, von denen viele bereits selbst mit dem Deutschen Kamerapreis ausgezeichnet wurden, ist fachlich wie persönlich bereichernd. Auch in diesem Jahr waren wir beeindruckt von der gestalterischen Vielfalt, die sich in unserer Sektion Doku Screen präsentierte. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Oft korrelieren Produktionsbudget und Qualität – aber eben beileibe nicht immer. Auch mit geringen Mitteln lassen sich überzeugende Bilder gestalten.
Um den Dokumentarfilm scheint es also hierzulande doch gar nicht so schlecht zu stehen.
Euer
Uwe Agnes
Chefredakteur
Ausgabe 01.2026
FOKUS
Editorial
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VISION
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HANDS-ON
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DIALOG
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BRANCHE
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