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Editor Andrew Bird: der Schnitt von „Amrum“

Entdeckungsarbeit

Seit rund 30 Jahren montiert Editor Andrew Bird die Filme von Regisseur und Drehbuchautor Fatih Akin. Im Gespräch mit Timo Landsiedel und Rainer Nigrelli verriet Bird für unsere Ausgabe E04.2025, wie er an „Amrum“ heranging und warum Anfang und Ende in buchstäblich letzter Minute noch umgeworfen wurden.

Jasper Billerbeck als Nanning (Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen)

Fünf Bilder, vier Schnitte, zehn Sekunden: Mehr braucht es nicht, um im Trailer zu „Amrum“ den Kern der Geschichte und das Setting zu etablieren. Zwar hatte Filmeditor Andrew Bird mit der Gestaltung des Trailers direkt nichts zu tun, aber das Beispiel zeigt, welche Kraft sein Fachgebiet in den bildgestaltenden Gewerken entfalten kann. Bird ist seit über 40 Jahren Editor. Geboren und aufgewachsen in London trieb es ihn Ende der 1980er Jahre nach Hamburg, wo er Erfahrungen an Filmsets sammelte und schließlich hinter dem Schneidetisch Platz nahm.

Filmische Freundschaft

Fatih Akin lernte er 1995 bei dessen erstem Kurzfilm „Sensin – Du bist es“ kennen. Es folgte Akins HfbK-Abschlussfilm „Getürkt“ und das Langfilmdebüt „Kurz und Schmerzlos“. Bird schneidet seitdem viele Genres, darunter auch Dokumentarfilme, kehrte aber für jeden von Akins Kinolangfilmen an dessen Seite zurück. Nach dem Ruhestand von DoP Rainer Klausmann, mit dem Akin zuletzt vier Filme machte, übernahm Karl Walter Lindenlaub die Bildgestaltung von „Amrum“.

Die Arbeitsweise im Schneideraum wich nicht vom bisherigen Schaffen von Bird und Akin ab. Der Editor weiß aufgrund seiner Freundschaft zum Regisseur und ihrer langjährigen Zusammenarbeit schon früh, woran dieser arbeitet. Akin hatte das Drehbuch schon stark bearbeitet, als er ab der Vorproduktion die Regie übernahm. Bird bringt in der Drehbuchphase bei Akins Projekten oft schon Feedback ein. Das ist dann weniger die Meinung des Editors sondern eher die des filmischen Freundes und Cineasten. „Wir reden immer darüber, wenn ich im Drehbuch etwas sehe, wo ich sagen würde: ,Braucht man nicht.‘ Oder: ,Was passiert denn da? Fehlt da nicht was?‘ Das geht auch bis kurz vor dem Dreh“, erklärt Bird.

Ein Weg, in der Vorproduktion herauszufinden, ob das Drehbuch funktioniert, ist eine Lesung. Bei „Amrum“ fand diese im Büro der Produktion statt, mit der Regieabteilung in den unterschiedlichen Rollen. „Da haben wir dann zugehört und danach das Gefühl gehabt: ,Das funktioniert alles überhaupt nicht!‘“, sagt Andrew Bird lachend. „Da müssen wir viel kürzen. Aber durch diesen Prozess des Lesens und des Zuhörens erlebt man den Film und ich finde das ganz toll, dabei zu sein.“ Eine solche Lesung gab es auch bei „Rheingold“, Akins vorigem Projekt über das Leben des mittlerweile verstorbenen Rappers Xatar. Danach strich Akin laut Bird noch einmal rund 20 Seiten aus dem Skript.

Filmstill Amrum
Erzählperspektive Kindersicht: Nanning (Jasper Billerbeck) und Hermann (Kian Köppke)(Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen) (Bild: Warner Brothers/Gordon Timpen, SMPSP)

Materialsichtung

Andrew Bird beschreibt die Arbeit mit Fatih Akin im Schneideraum als sehr organisch. Es gehe nicht immer harmonisch zu, aber beide streiten sich nicht. Es sei eher so, dass ihre Kommunikation sich derart vereinfacht habe, dass gelegentlich ein Grunzen ausreicht, um Zustimmung oder Ablehnung auszudrücken. Auch an der Körperhaltung könne Bird schnell erkennen, ob Akin etwas mag oder nicht. Das erspare schon viel überflüssige Kommunikation. „Auf der anderen Seite muss man natürlich auch wahnsinnig aufpassen, dass man da nicht immer ins gleiche Fahrwasser rutscht und sich dadurch Sachen bequem macht“, so der Editor. „Mit Fatih ist das wirklich ein Glücksfall für mich, weil er wirklich sehr unterschiedliche Projekte macht. Ich finde jeder Film ist wirklich sehr anders. Das will er auch so und mir gefällt das.“

Mit DoP Karl Walter Lindenlaub traf sich Bird vor dem Dreh und blieb danach mit ihm in Kontakt. Einen Austausch während des Schnitts aber wünscht sich der Editor mit den DoPs nicht. Seiner Meinung nach ist deren Blick auf das Material immer von der Herstellung am Set geprägt. Sowohl Rainer Klausmann als auch Karl Walter Lindenlaub habe er als sehr professionell gegenüber ihrem Material erlebt. Aber emotional bleibe es trotzdem. Als Editor könne er mit einem viel größeren Abstand auf Struktur und Erzählung blicken.

Bird beginnt, wie üblich, schon während der Dreharbeiten mit dem Schnitt. Der Prozess des Materialsichtens gehört für ihn unbedingt dazu, daher vermeidet er, einen vorsortierten Assemblyschnitt vorgesetzt zu bekommen. Dabei geht es ihm darum, ein Gefühl für die am Set gedrehte Erzählung zu bekommen. „Ich denke, ich sollte da wirklich auch erst mal alles hereinschneiden, was die gedreht haben, auch wenn ich das nicht wirklich gut finde“, so Bird. „Für mich ist der Weg einfacher, dass Fatih sich das anguckt und sagt: ,Oh, das gehört nicht in den Film.‘“

Der erste Rohschnitt steht dann auch etwa eine Woche nach Ende der Dreharbeiten. Erst dann schaut sich Andrew Bird den Film erstmals bewusst und in voller Länge gemeinsam mit Fatih Akin an. „Wir wissen, so schlecht wird der Film nie wieder sein!“ scherzt Andrew Bird. „Aber das ist immer ein ernüchternder Moment. Was ich aber auch gut finde, das holt einen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.“

Diesmal waren Akin und Bird wirklich erschrocken. „Amrum“ war enorm lang, hatte zu viele Enden und erklärte über weite Strecken zu viel. „Wir haben, glaube ich, bei diesem Film wie sonst kaum bei einem Film von Fatih während der Schnittprozess erst wirklich entdeckt, worum es in dem Film geht“, so Editor Andrew Bird. „Im Grunde haben wir vom ersten Schnitt an nur noch vereinfacht und immer wieder vereinfacht und versucht, die Geschichte schlichter zu machen und mehr auf den Jungen zu fokussieren. Das passt insofern auch zu ,Amrum‘. Es ist sehr norddeutsch, nicht zu viel auszuschmücken.“

Auf Tessa Bendixen, gespielt von Diane Kruger, sollte nicht zu viel Fokus liegen. (Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen)

In letzter Minute

Wer den Film im Kino sah, erlebt einen sehr klar gestalteten Anfang, der in wenigen Minuten die Kriegssituation deutlich macht, Nannings Erzählhaltung und die wichtigsten Figuren etabliert sowie die Bewegungsrichtung der Handlung aufzeigt. „Das war im Drehbuch wirklich anders“, sagt Andrew Bird. Der Film begann eigentlich mit der Szene, in der Nanning des Nachts das Haus verlässt und in der Day-for-Night-Sequenz Sam Gangsters trifft und den Toten am Strand entdeckt. Fatih Akin und Andrew Bird hatten schon bei Testscreenings die Rückmeldung bekommen, dass dieser Anfang des Films das Publikum nicht abholt. „Ich finde das auch wirklich ganz toll“, sagt Andrew Bird über diese Vorführungen. „Die Erfahrung, was man da lernt beim im Kino sitzen und Zuschauen in einem vollen Kino mit 400 Leuten, die den Film gar nicht kennen und gar nichts wissen über den Film.“ [15595]


Wie Andrew Bird den Filmanfang neu montierte und warum „Amrum“ buchstäblich in letzter Minute umgeschnitten wurde, ist hier zu lesen!


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