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„Amrum“: Drehpraxis und Herausforderungen

Alles reduzieren (3)

Der Dreh von „Amrum“: So prägten für DoP Karl Walter Lindenau das wechselhafte Nordsee-Wetter seine Kameraarbeit.

Dreharbeiten Amrum
Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen

Viel Coverage produzieren liegt weder dem Regisseur noch seinem DoP. Wenn Fatih Akin eine gute Mastereinstellung bekam, musste Lindenlaub ihn manchmal noch zu etwas mehr Schnittmaterial für den Editor Andrew Bird überreden. In den Einstellungen am Küchentisch von Nannings Familie sitzen seine Mutter Hille, seine Tante und sein Bruder mit am Tisch. „Was ja schon mal ein Problem ist: Du hast vier Leute, die können nicht alle mit dem Gesicht zur Kamera sein“, so Lindenlaub. „Und ich sag, na ja, aber das ist doch der Konflikt zwischen den Schwestern, da müssen wir doch mindestens eine Zweier drehen, die beiden Schwestern und dann die zwei Nahen, wenn sie sich anschauen, dass wir in deren Blickachse kommen.“ Akin ließ sich darauf ein und meldete sich später aus der Montage, er habe diese Einstellungen nicht benutzt.

Es gibt mehrere One-Takes in „Amrum“ oder zumindest Szenen, die so angelegt waren und am Ende keine oder wenige Schnitte hatten. Fatih Akin hatte sehr genaue Vorstellungen davon, für welche Szenen diese Art der Umsetzung taugen könnte. Bei echten, statischen Einstellungen war das herausfordernd. Karl Walter Lindenlaub fand Einstellungen, die einerseits die wichtigen Momente im Bild deutlich machen und andererseits in der gesamten Zeit der Szene nicht langweilig wurden. „Und dann brauchst du noch Schauspieler, die das auch können!“

Segeldreh

Die Szene auf dem Segelboot mit Detlev Buck war außergewöhnlich, denn sie entstand auf offener See. Jasper Billerbeck war extra als Nanning gecastet worden, weil er Segelerfahrung hatte. Das Boot stammte aus einem Museum und wurde laut Lindenlaub für die Crew restauriert und segeltauglich gemacht. Zwei Beiboote begleiteten das Spielboot, in dem Detlev Buck, Jasper Billerbeck sowie Regisseur Fatih Akin und DoP Lindenlaub saßen. Beide zwängten sich in die Mitte des Bootes, damit der Kameramann mit der ALEXA 35 auf den Knien jeweils Schuss und Gegenschuss drehen konnte. „Das Wetter war richtig schlecht“, erinnert sich Lindenlaub. „Ich hatte wirklich Angst, was die Belichtung angeht. Es war sehr dunkel und man hat dann so ein grauen Nebel, das graue Licht und die Salzwasser-Gischt was dann auch die Kamera betrifft. Das war alles nicht so einfach.“ Zudem gab es Bedenken, was die Genauigkeit der Blickachsen angeht. Denn im Boot kann man die Kameraperspektive nicht mal eben um einen halben Meter nach links korrigieren. Am Ende des Drehs wurde es zudem noch knapp mit der Rückkehr in den Hafen. Denn es war Ebbe und das Wasser zog sich zurück.

Die Aufnahmen aus der Distanz entstanden bei etwas besserem Wetter mit einem Schlauchboot und einer Jib-Arm-Konstruktion von Key Grip Carsten Scharrmann. Diese war darauf ausgelegt, sehr schnell von einer zur anderen Seite zu wechseln, um möglichst keine Zeit beim Wenden zu verlieren.

Dreharbeiten Amrum
Echte Segelszene: Nur DoP Lindenlaub und Regisseur Akin fuhren mit. (Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen)

Eine Sequenz zu Beginn des Film spielt nachts. Hauptfigur Nanning verlässt heimlich sein Elternhaus und trifft auf dem Strandweg Sam Gangsters, gespielt von Detlev Buck. Die Sequenz wurde Day for Night gedreht. „Ich habe versucht, wenigstens die Sonne hinter den Leuten zu halten, was nicht immer ging“, so Lindenlaub. Während des Drehs der Szenen änderte sich das Wetter von Schuss zu Gegenschuss komplett. Die eine Einstellung entstand bei hartem Sonnenlicht, die andere bei Bewölkung. „Da mussten wir viel Fummeln in der Lichtbestimmung.“ Die VFX tauschte zusätzlich noch den Himmel aus und platzierte einige Sterne sowie den Mond am Firmament.

Jede Szene anders

„Wir hatten 42 Drehtage und der Junge durfte ja wirklich nur ein paar Stunden vor der Kamera stehen“, erzählt Karl Walter Lindenlaub. „Da wurde halt viel drüber nachgedacht: Wie kriegen wir das jetzt hin – und dann wurde schnell gedreht. Fatih wollte viel Gegenlicht und letztlich war das dann so ein bisschen wie bei Terence Malick, viel Dämmerung und viel Sonnenuntergang.“ Fatih Akin kam im letzten Drehabschnitt im Haus neben der Hauptlocation unter. Mittags trafen sich Lindenlaub und Akin in dessen Vorgarten, sprachen den Drehtag durch und drehten dann zwischen 6 Uhr morgens und 22 Uhr abends. „Dass dann enorme Lichtschwankungen entstehen, haben wir in Kauf genommen“, so Lindenlaub. „Ich habe immer einen Belichtungsmesser dabei, ich weiß schon, wo ich hinwill mit der Blende, aber letztlich habe ich Michael Hain da total vertraut, was ich sonst nie mache.“ Kameraassistent und Focus Puller Hain glich unmerklich die Blende an, wenn die Wolken kamen. „Letztlich ist jede Szene anders in dem Film. Das ist einfach so auf Amrum“, sagt Lindenlaub. „Man wartet fünf Minuten und das Wetter ist anders, man geht um die Ecke und das sieht völlig anders aus.“

Filmstill amrum
Viel Dämmerung, viel Gegenlicht: Das Nordseewetter prägte den Look von „Amrum“ (Foto: Bombero / Rialto Film / Warner Bros. / Gordon Timpen)

Lindenlaub beschreibt seine Lichtgestaltung am Set so, das er stets versuche, einen Bogen zu spannen, zwischen morgens, mittags und abends, von einer Szene zu nächsten. In den rund zwei Wochen Lichtbestimmung habe er anfangs versucht, präzise die Tageszeiten zu erzählen und dann perfekte Übergänge zu erzwingen. „Irgendwann hab ich mir dann gemerkt, je mehr ich das jetzt angleiche, umso langweiliger wird es“, so der DoP. „Und dann habe ich wieder die Sachen, die mir gefallen haben, auf die wir ja auch gewartet haben oder die wir wirklich ganz bewusst mit ins Bild gerückt haben, diese tollen Himmel, in der Lichtbestimmung wieder betont und herausgekitzelt.“ [15590]


Spannende Einblicke verpasst? Hier geht es zum ersten Teil und zum zweiten Teil des Artikels über die Dreharbeiten zu „Amrum“!


 

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