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Nachwuchsförderung in der Filmbranche

Wo geht’s denn hier zum Film?

Die Produktionsbranche sucht händeringend Nachwuchs. Tilmann P. Gangloff hat sich umgehört, welche Lösungsansätze es für dieses Problem gibt.

Am Set von "LEON"
Foto: RTL / Oliver Ziege (Bild: Die Verwendung des Materials der Mediengruppe RTL ist nur zur redaktionellen Berichterstattung im Zusammenhang mit der Sendung u)

„Sie sind in den besten Jahren und möchten sich beruflich neu orientieren? Sie haben insgeheim schon immer davon geträumt, Karriere beim Film zu machen, aber nicht vor, sondern hinter der Kamera? Dann sind Sie genau die Person, die wir suchen!“

So ähnlich könnte es in der Anzeige eines Unternehmens heißen, das Filme und Serien für Kino und Fernsehen produziert. Der Text ist fiktiv, doch eine entsprechende Plakataktion gibt es tatsächlich: „Halt die Klappe. Aber bei uns“. Nicht alle werden die Anspielung auf die Filmklappe verstehen, aber die Kampagne gilt ohnehin in erster Linie Filmfans. Ein QR-Code führt zur Internetseite der UFA Academy. Dort ist zu lesen: „Job-Lust statt Corona-Frust? Einfach Lust auf ein neues, berufliches Abenteuer? Wenn du schon immer ‚irgendwas mit Medien’ machen wolltest, dann ist die UFA Academy deine Chance.“ Was so leutselig klingt, ist das Resultat eines echten Problems: Film- und Fernsehproduktionen müssen immer öfter verschoben werden, weil die Unternehmen nicht genug Personal für die Jobs hinter der Kamera bekommen. Konkrete Zahlen gibt es nicht, aber die Lage sei ernst, versichert Juliane Müller. Sie ist bei der Allianz der deutschen Film- und Fernsehproduzenten Geschäftsführerin einer Initiative für Qualifikation, die dazu beitragen soll, den Fachkräftemangel zu beheben. Natürlich sei es schön, „dass die Auftragslage so groß ist und die Nachfrage sogar noch weiter steigt, aber gleichzeitig wird die momentane Situation noch verschärft, weil viele Produktionen nicht wie geplant realisiert werden können.“

Juliane Müller, Janna Bardewyck und Oliver Zenglein
Juliane Müller, Allianz der deutschen Film- und Fernsehproduzenten, Janna Bardewyck, UFA Academy und Oliver Zenglein, Crew United

Aus dieser Notlage resultiert die Idee der zum Bertelsmannkonzern gehörenden UFA, eine „Academy“ ins Leben zu rufen, deren Angebot sich ausdrücklich auch an Ältere und Quereinsteiger richtet: Bewerben können sich Menschen, die zwischen 25 und 60 Jahre alt sind. Die Ausbildung soll 24 Monate dauern. Erfahrungen in der Medienbranche, versichert UFA-Personalmanagerin Janna Bardewyck, seien nicht nötig: „Ein Quereinstieg ist relativ unkompliziert.“ Bestimmte Branchen eigneten sich sogar besonders gut für einen Wechsel; eine Ausbildung bei einer Bank oder einer Versicherung zum Beispiel sei eine gute Grundlage, um im administrativen Bereich in einer Produktion zu arbeiten. Durchschnittlich sollen 40 Auszubildende pro Jahr beschäftigt werden. Die 1917 gegründete UFA hat ihren Sitz in Potsdam, aber die Produktionsstandorte sind im ganzen Land verteilt. In Berlin zum Beispiel entsteht die täglich ausgestrahlte RTL-Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, in Köln „Unter uns“ (ebenfalls RTL), in Leipzig „Soko Leipzig“ (ZDF). Die Ausbildung besteht aus einer Mischung aus Praxiseinsätzen und ergänzender theoretischer Weiterbildung. Die Vergütung entspricht dem Mindestlohn.

Mangelnde Nachwuchspflege

Von außen mag es überraschen, dass ausgerechnet eine glamouröse Branche wie Film und Fernsehen derartige Nachwuchsprobleme hat, aber für Oliver Zenglein kommt diese Entwicklung
nicht überraschend. Der Geschäftsführer der Münchener Internetplattform Crew United wirft den Unternehmen vor, den Ausbildungsbereich viel zu lange vernachlässigt zu haben, und das räche sich jetzt: „Für die wenigsten Filmberufe gibt es ein Aus- oder Weiterbildungskonzept, von Berufsbildern oder verbindlichen Standards ganz zu schweigen.“ Aber auch die Auftraggeber, allen voran die Fernsehsender, hätten ihren Anteil an der Misere: „Die Budgets sind in den letzten Jahren immer knapper geworden. Deshalb gibt es bei der Arbeit an einem Film einen derartigen Druck, dass für die Weitergabe von Wissen überhaupt keine Zeit mehr bleibt.“

Laut Zenglein herrscht in den Bereichen Drehbuch, Regie, Kamera und Produktion, den akademischen Berufen also, kein Mangel, beim „Mittel- und Unterbau“, also etwa bei Filmgeschäftsführung, Requisite, Garderobe, Maskenbild oder Aufnahmeleitung umso mehr. „Die Branche hat sich nie um Nachwuchspflege gekümmert, weil sie sich immer darauf verlassen konnte, dass sich genug Leute finden, die zum Film wollen und bereit sind, sich für einen Hungerlohn ausbeuten zu lassen. Die Ausbildung, wenn man das überhaupt so nennen will, hat sich nebenbei ergeben.“ Die aktuelle junge Generation sei jedoch nicht mehr bereit, sich auf massive Überstunden, Arbeit am Wochenende und an Feiertagen, miserable Bezahlung und eine schlechte soziale Absicherung einzulassen. Juliane Müller bestätigt Zengleins Einschätzung: „Die Filmbranche war traditionell so attraktiv, dass es nie nötig war, Nachwuchs anzuwerben. Berufe wurden im ‚learning by doing’ erlernt. Diesen Weg wollen junge Menschen heute oft nicht mehr gehen, sie erwarten eine konkrete Ausbildung mit Abschluss.“

Zenglein ist überzeugt, dass sich die Misere wegen des Erfolgs von Streamingdiensten wie Netflix und Amazon, die vermehrt auch deutsche Serien in Auftrag geben, noch verschärfen werde: „Wenn Netflix Personal für eine Serie sucht, kann man sich darauf verlassen, dass das Budget steht und man für die nächsten sechs Monate beschäftigt ist. Weil die Serien Kinoqualität haben, sind diese Jobs doppelt begehrt, zumal die Bezahlung deutlich besser ist als bei einem Fernsehfilm. Entsprechend viele gute Leute sind also ein halbes Jahr weg vom Markt.“ Darunter litten auch die künstlerisch anspruchsvollen, aber mit wenig Geld produzierten Kinofilme: „Dabei sollten gerade hier die Besten arbeiten, denn diese Filme sind wesentlich für unsere Kultur.“ [15122]


Hier geht’s zur Webseite der Ufa Academy!


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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Wo fang ich an? Beim Medientarifvertrag? Also, es ist so, liebe willige Jugend: Ihr habt einen 8h Tag, der aber bis zu 2h unbezahlte Überstunden beinhaltet. Jedenfalls 50h die Woche. Und wenn Ihr den einen Tag 8h und den anderen Tag 12h arbeitet, wird das verrechnet auf 10h, und Eure Überstunden und Zuschläge verfallen. Und ab der 51.h gibts dann Zuschläge. Ups, Eure Freunde arbeiten max 40h die Woche oder gar nur 4 Tage die Woche? Aber die Filmbranche ist doch so attraktiv! Prima Gagen, und pro gearbeitete Woche einen halben! Urlaubstag. Dabei ist es egal, ob Ihr 40 oder 60h gearbeitet habt. Eure Freunde haben 30 Tage Urlaub und ein 13. Monatsgehalt? Die arbeiten aber auch nicht in so ner coolen Branche.
    Und gejammert wird, daß Fachkräfte und Nachwuchs fehlen. So auch der Herr Franckenstein von der Bavaria. Auf der anderen Seite wird aber die Bavaria Ausbildungsabteilung geschlossen, weil zu wenige der Absolventen im Betrieb und der Branche bleiben. Fragt Euch mal, wieso.
    Zb ungerechte Bezahlung: wieso dürfen sich einige wenige Gewerke bei der Bildkunst anmelden und für Wiederausstrahlungen kassieren? Und andere nicht, die aber für den kreativen Prozeß genauso wichtig sind?
    Das sind nur einige Punkte, weshalb es an Nachwuchs und Fachkräften mangelt.

    Frohe Ostern!

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  2. Schön auch, dass Zenglein die Hungerlöhne und Ausbeutung an Wochenenden anspricht.
    Das Problem ist erkannt: mehr Nachwuchs muss her. Dann ist das Problem mit den Hungerlöhnen egal.

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